Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 300 Dk. BL)chS Das uns hier vorliegende Diplom, welches die höchste Auszeichnung die seitens der Stadt ihren Bürgern verliehen werden konnte, bekundet, beginnt mit den Worten, daß er sich durch sein langjähriges, hervorragendes Wirken in Schrift und Wort die höchste Achtung seiner Mitbürger erworben hat und Mrt in folgender Weise fort: „Schon vor dem Jahre 1848 als Schriftsteller für die Ideen der Freiheit und des Rechtes begeistert und für die politische Neugestaltung unseres Vaterlandes im edelsten, patriotischen Geiste eintretend, bewahrte Herr Ignaz Kuranda bis zum heutigen Tage mit männlichen Mute unwandelbar seine Gesinnung, er gab ihr stets als Publizist und seit dem Jahre 1861 als Abgeordneter der Stadt Wien im Reichsrate und im niederösterreichischen Landtage mit seinen glänzenden Geisteswaffen warmen beredten Ausdruck. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger vom Jahre 1861 bis zum Jahre 1873 in die Gemeindevertretung der Stadt Wien berufen, nahm Herr Ignaz Kuranda lebhaften Anteil an der Beratung und Beschlußfaffung über alle jene große Unteruehmungen, welche von dem Gemeinderate zur Förderung des Auffchwunges der Stadt und des geistigen materiellen Wohles der Bevölkerung geschaffen wurden. In der israelitischen Kultusgemeinde widmete sich (so schreibt auch der Gemeinderat der Stadt Wien) Herr Ignaz Ärrauda seit dem Jahre 1860 als Mitglied und seit dem Jahre 1873 als Präses des Vorstandes mit vollster Hingebung der Hebung des religiösen Geistes und der Verbefferung und Erweiterung der Humanitätsaustalten seiner Glaubensgenossen ruck erwarb sich auch in dieser Tätigkeit unvergeßliche Verdienste. In Würdigung dieses ausgezeichneten Wirkens zum besten des Staates und der Gemeinde beschloß der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 23. März 1881, Herrn Jgncy Kuranda das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien zu verleihen uud seinen Namen in das goldene Buch der Ehrenbürger eintrage» zu lassen." Diesem Diplome möchte ich nur noch das eine hinzufügen, daß Kuranda nicht allein der Verbefferung und Erweiterung der Wohltätigkeits-Anstalten, sondern auch der Schöpfung neuer Wohltätigkeits-Anstalten sein Augenmerk zuwendete, daß er, um unter vielem nur eines zu erwähnen, einer der Gründer der segensreich waltenden „Israelitischen Allianz" war. Und so schließe ich mit dem herzerhebenden Prophetenworte, mit welchem ich begonnen habe „tcd irinrv nwni" „ß$rc seiner Ruhestätte, Segen seinem Andenken." (Lebh. Beifall.) Herr Ministerialrat Kamill Kuranda erbittet sich das Wort uud führt aus: Ansprache des Ministerialrates Kamill Kurauda: Es ist ein ungewohnter Fall, daß in einer Sitzung eines Kollegiums des Vorstandes ein Zuhörer das Wort ergreift. Wenn ich dies dennoch tue, so ist es ein Akt kindlicher Pietät und entschuldigt sich dadurch wohl selbst. Hochverehrter Vorstand! Als ältester Sohn jenes Mannes, dem diese so würde- und prachtvolle solenne Erinnerungsfeier gilt, gestatte ich mir, in meinem Namen und in jenem meiner Geschwister und unserer Nachkommen Ihnen den innigsten tiefgefühlten Dank auszusprechen. Bor allem aber Ihrem verehrten und würdigen Präsidenten für die so warmen, formvollendeten uud inhaltsreichen Worte, die er dem Andenken unseres teueren Vaters geweiht, Worte, welche auf uns einen umso tieferen Eindruck machen mußten, als sie erklangen von jenem Sitze, den der Verblichene durch eine lange Reihe von Jahren eingenommen, aus dem Munde eines von ihm hochgeschätzten Mannes, der lauge Zeit sein Mitarbeiter gewesen, und die ertönten in Räume», die durch viele Jahrzehnte die Stätte seiner Wirksamkit waren, einer Wirksamkeit, für die das Interesse bis an seinen Lebensabend voll und ganz rege blieb, ein Interesse, welches selbst noch aus den Fieberphantafien seiner letzten Tage hervorklang. Einen erhebenden Eindruck muß es auf uns machen, daß der Entschlafene im Bilde wenigstens Zeuge ist davon, daß das WochenWM Nr 18 Gedenken an ihn, an seine Worte und seine Taten und sein Wirken in der Gemeinde nicht verklungen und verschollen ist, sondern fortlebt, innig verknüpft mit der Erinnerung an glücklichere Zeiten, an deren Schaffung er selbst sein redlich Teil Mitarbeit geleistet. Das ist es eben, was uns die tiefe Wehmut ob des Umstandes, daß der Verblichene nicht mehr unter den Lebenden weilt, verklärend mildert: Der Gedanke, daß er nicht mehr miterleben mußte die Enttäuschung jener Hoffnung, deren Verwirklichung er als höchstes Lebensideal empfunden und am Schluffe seines Lebens eingetroffen wähnre: Der konfessionellen und soz ialen Gleichbe rech ti gung. Daß er nicht mehr ansehen mußte den Sieg der Gegner aller jener Anschauungen, für die er im Leben gewirkt und gekämpft, daß er nicht mehr ansah das Aufflackern der Stadt und Land verheerenden Flammen des Glaubens- und des Rassenhasses. Verehrte Herren! Einer der größten Dichter legt einem seiner größten Helden das Wort in den Mund: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Wahrlich der Geist der Freiheit, jener Geist, der die Erklärung der Menschenrechte beseelt, er hat sich zwei der herrlichsten Stätten auf dem schönsten Platze unserer schönen Stadt errichtet, in der Hoffnung, frei dort schalten und seiner Entwicklung leben zu können. Die Hoffnung war enttäuscht. In diese herrlichen Paläste haben sich durch schnöden Raub an der Volksseele eingenistet die Geister des Haffes, des niedrigen Neides, der Unterdrückung und Vergewaltigung. Wie anders, wenn wir dieses Haus betrachten, in dessen Räume wir uns heute befinden, ein altes, fast zerfallenes Haus mit engen Gängen und Gemächern den Eindruck der Gedrücktheit machend, der Zeit entsprechend, der es seine Entstehung verdankt. Jedoch der Geist, der dieses Haus beseelt, ist der gleiche geblieben, wie jener seiner Schöpfer, wie jener der Männer, deren Bildnis die einzige Zierde dieses sonst schmucklosen Raumes bildet und die, wenn sie es könnten, befriedigt herablächeln würden auf ihre Nachfolger, auf den von ihnen einst eingenommenen Plätzen, darob, wie treu und verständnisvoll sie diesen alten Geist bewahren. Wenn Sie in den Gängen dieses winkeligen Hauses Umschau halten, so leuchtet aus jedem äußeren Anzeichen, aus jeder Aufschrift dieser Geist entgegen. Er ist der des Wohltuns, der Menschenliebe, der Humanität, des regen, tatkräftigen Schaffens zum Wohle der Mitbürger und Glaubensgenossen: In einem Worte: Der jüdische Geist, dieLiebe zumJudentume. Und von diesem Geiste, von dieser Liebe hat sich zeitlebens Seele und Herz meines Vaters getragen gefühlt, nicht nur als Vorstand dieser Gemeinde, sondern auch im eigenen Hause. Deshalb hat er im Vereine mit unserer sel. Mutter, einer wahren Vrt nts>K im Sinne des königlichen Dichters, in uns geweckt und wach erhalten die Liebe zum Judentum und hat es uns als Tradition überwiesen, unsere Kinder im gleichen Sinne und Geiste zu erziehen, und deshalb kann ich Ihnen ruhig hier feierlich geloben, daß wir und die Unseren zeitlebens bleiben werden, was wir find und waren und was unser Vater gewesen ist: Gute und treue Juden! (Lebh. Beifall.) Spendenliste zur Plenarsitzung des Kuttusvorstandes vom 2. Mai 1911. Bon Frau Jda Kuranda anläßlich des 100. Geburtstages des sel. Herrn Dr. Jg. Kuranda zur Verteilung an Arme K 1000.— Von Herrn Moriz Edlen von Kuffner zur Verteilung an Arme anläßlich des Pessachfestes .K 680.— Von Herrn Anton Winter anläßlich der Jahrzeit nach seinem sel. Vater Herrn Ignaz Winter zur Verteilung an Arme „ 100 — Von Herrn Ingenieur Oskar Diamant zur Verteilung an vier Arme anläßlich des Pessachfestes.. . „ 4.— Von Herrn Dr. Moriz und Friedrich Weil zur Erinnerung an Frau Therese Weil s. A. eine silberne Menorah. Spenden im Gemeindebethause Leopoldstadt: Von den Herren: Samuel Pisk 20. -, Rabbiner Dr. M. Rosenmann 10.—, Alois Theumann 150.—, Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl 20.—, Rabbiner Dr. Feuchtwang 10.—, Hermann Witrofsky 100.—, Julius Beck 200.—, Wilhelm Herzog 30.-, Rektor Dr. Ad. Schwarz 20.—, Ignaz Reiner 70.—, Bernhard Engel 110.—, Gustav Leichter 100.—, Theodor