Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 286 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 17 wissenschaftlichen Arbeiten zeigen neben kritischem Scharfblick und tiefer Gründlichkeit auch eine umfassende reiche Gelehrsamkeit auf allen Gebieten der talmudischen Literatur. Trotz alledem fand er keine entsprechende Verwendung im Dienste der Gesamtheit und sein hohes Wissen keine rechte Würdigung. Das mußte natürlich auf seine Stimmung zurückwirken. Von Natur zur Strenge geneigt,von peinlichster Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, war sein eifrigstes Bestreben, unskre Jugend durch religiöse Bildung für den Kampf des Lebens zu wappnen. Das Kind, das einer ernsten Tätigkeit in der Regel abgeneigt ist, muß eben zum Lernen augehalten werden, besonders auf religiösem Gebiete, da es nach dem Verlassen unserer Schule dazu wenig Gelegenheit und — Zeit findet. So mancher von seinen ehemaligen Schülern wird heute dem dahiugegangenen Lehrer im Herzen danken und sein Andenken ehren. Herr Friedmann erreichte ein hohes Alter in seltener Rüstigkeit, er unterrichtete im Alter von 78 Jahren bis wenige Wochen vor seinem Tode und hatte die große Freude, seine Kinder in schöner sozialer Stellung zu sehen. Wir werden ihm ein treues Andenken bewahren. Er ruhe in Frieden! Oberlehrer Jakob K 0 h n. * * * Ein vertrauter Freund des verewigten Gelehrten schreibt uns: Vergangenen Dienstag hat man ihn also auch den Weg der Tränen hinausgeführt, nun ist er ein stiller Mann geworden. Denn seine Sprache verstanden die einen nicht, die anderen mochten sie nicht hören. Was aber in ihm dem Judentum abgestorben ist, das durfte nicht einmal an seinem Grabe verlauten. Er hatte sich jeden Nachruf verbeten. Durchaus nicht aus Selbstüberhebung. Nur ertrug seine unbeugsame Gradheit, seine Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit der Gesinnung die Phrase selbst am Grabe nicht. Unsere Größen zu belehren berufen, mußte er im mühselig aufreibenden Dienst seine Tage als Lehrer der Kleinen fristen. Alles, weil chm für die Wahrung und das Bekenntnis seiner Ueberzeugung kein Opfer zu hoch galt. Vielleicht der letzte der Paladine aus der Glanzzeit Prags, verkörperte er, ein würdiger Schüler Rapaports und Samuel Freunds, die klassische jüdische Forschung. Jede Zeile, die er geschrieben, jede mündliche Belehrung z. B. auf der Kanzel unserer „Schönlaterneuschul" zeigte Tiefe des Wissens, Klarheit der Auffassung, eine seltene Kunst der Belehrung. Und auf gleicher Höhe, wie sein Gedanke stand seine Lebensführung. Rein und lauter, schlicht und gerade. Ein Mensch aus einem Guße. Die seines Umganges gewürdigt waren, finden ihn unersetzlich. Des lauten Nachrufes konnte er entraten. Den b e st e n hat er v e r d i e n t. x * * * Die Beerdigung fand am 25. April vom Trauerhause II., Taborstraße 39. Hotel „Bayrischer Hof" aus unter großer Beteiligung statt. Es waren erschienen die Herren Präsident Dr. Alf.-Sr ern, I. Vizepräsident Dr. G. Kohn, Kultusvertreter Dr. Mark. Spitzer, Vorstand der Talmud-Thora-Volksschule Präses Markus B 0 n d i, Simon B u ch w a l d, die Rabbiner Dr. Feucht w an g, Dr. Grunwald, Dr. G e l b h a u s, F ü r st, G 0 l d st e i n, Schenk, I. Benedikt, die Inspektoren Prof. M. Kanitz, Dr. Langfelder und Julius Braun, Vorsteher der Chewra-Kadischa S. Goldm aun, Oberlehrer Grünspann, Dr. Bloch. Vor dem L ichenwagen schritten in Reih und Glied die Schüler der 5. Klasse, deren Lehrer der Verstorbene zuletzt war. Der Zug bewegte sich durch die Malzgasse, an der Talmud- Thora-Volksschule vorbei, wo die Schüler aller Klassen unter Aufsicht der Lehrer Spalier bildeten. Von hier aus fuhren die Teilnehmer in Wagen nach dem Zentralfriedhofe. Siebzigjahrfeier des Nächftenliebevereines zur Unterstützung verschämter israel. Hausarmer. Einer der angesehensten, humanitären Vereine Prags, der auf eine unabsehbare Reihe von Verdiensten um die durch keine nationalen und konfessionellen Schranken gehemmte Armenfürsorge zurückblickt, der Nächstenliebeverein zur Unterstützung verschämter israelitischer Hausarmer, beging kürzlich das Fest sein s siebzigjährigen Bestehens. Die Feierlichkeiten wurden eingeleitet durch einen Gottesdienst im neuen Tempel in der Geistgasse, dem alle Funktionäre und Mitglieder des Vereines, sowie zahlreiche Gäste beiwohnten. Als Vertreter der Behörden waren erschienen: Statthaltereipräsident Voj acek für den Statthalter, FML. Z e d n i k von Zeldegg für den Korpskommandanten, der Vizepräsident des Landesschulrates Dr. T 0 b i s ch, Hofrat Polizeidirektor K r i k a v a , der Vizepräsident des Oberlandesgerichtes R ine sch, Hofrat Unger, Oberlandesgerichtsrat Stumm e r, die aus die Ehrenplätze geleitet wurden. Auch den Direktor der Böhmischen Sparkasse, S t r z i z e k, sah man unter den Festgästen. Die Feier wurde eröffnet mit der Absiugung von Lewandowsky's „Hebräischer Hymne" und des von D. Rubin in Musik gesetzten 100. Psalmes. Sodann hielt der Prediger und Rabbiner der Tempelgemeinde, Dr. Emanuel S ch w a r tz, die Festpredigt, in der er mit schwungvollen Worten den Verein als den edlen Vertreter des Grundsatzes „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" pries, einen Blick auf die Geschichte des Vereines warf und namentlich dessen Stützen Dr. Ludwig Bendiener und Moritz A u st e r l i tz als Muster tätigen Edelmutes rühmte. Nach der Predigt wurde der 24. Psalm (Musik von Naumburg) gesungen, worauf der Prediger vor offener Bundeslade ein Gebet sprach. Nach Absiugung des deutschen Chorals „Selig sind die Toten" (Musik von Spohr), des „Halelujah" von Lewandowsky und der österreichischen Volkshymne wurde die Feier im Tempel geschlossen. Die Festversammlung fand Nachmittags im Sitzungssaale des Altstädter Rathauses statt. Sie erhielt durch den überaus zahlreichen Besuch einen würdigen und imposanten Charakter; als Vertreter der Stadtgemeinde war Stadtrat Dr. Jakob Scharf erschienen. Die Festrede hielt der Präsident des Vereines. Dr. Ludwig Bendiener. Er begrüßte die Erschienenen, insbesondere den Vertreter des Stadtrats und beantragte die Absendung eines Huldigungstelegrammes an die kaiserliche Kabinettskanzlei, welcher Antrag mit stürmischem Beifall angenommen wurde. Dann schilderte er die Entstehung des Vereines: wie im Jahre 1841 fünf junge Männer ihre Ersparnisse sammelten und einen Verein zur Unterstützung verschämter Armer gründeten und wie die Tätigkeit des Vercins immer in den taktvollsten und zartfühlendsten Formen vor sich ging. Schon im Jahre 1845, gelegentlich der großen Ueberschwemmung, konnte der Verein helfend eingreifen und zählte bald die hervorragendsten Persönlichkeiten zu seinen Mitgliedern. Kaiser Ferdinand trat mit einem Jahresbeitrag von 50 Gulden bei, ebenso Kaiserin Anna. Auch bei der Ueberschwemmung des Jahres >890 griff der Verein helfend ein. Segensreich war sein Wirken im Kriegsjahre 1866, während der Cholera. Redner eiwähnte, daß einer der Tätigkeitszweige des Vereines darin besteht, unverzinsliche Darlehen zu gewähren und würdigte dann die Persönlichkeiten, die sich um den Verein besondere Verdienste erworben haben, darunter namentlich Herrn Moritz A u st e r l i tz, der 1868 in den Vorstand gewählt, 1886 Kassier wurde und dem die Haupterfolge des Vereines zu danken sind, ferner Herrn kais. Rat Moritz Hahn, den weit über die Grenzen unserer Stadt bekannten Menschenfreund. Redner erwähnte, daß als einziges Mitglied, das dem Verein seit seiner Gründung angehört, Herr Dr. Salomon B 0 n d y in Prag lebt. Doktor Bendiener zählte, dann die dem Verein zugewendeten Spenden auf und gedachte mit pietätvollen Worten der Spender. Zum Schluß seiner Rede warf er einen Blick in die Zukunft: der Titel unseres Vereines soll uns auch weiter als Ziel vorschweben, Nächstenliebe im weitesten Umfang des Wortes soll gehandhabt, es soll verschämten Armen geholfen werden, Leuten, die vom Unglück betroffen sind, die ein Sturmwind niedergeworfen hat, die sich aber wieder erheben können. Ich bitte auch um ferneres Wohlwollen für unseren Verein. Redner teilt mit, daß der Verein beschlossen habe, noch am heutigen Tage an 70 Arme, die 70 Jahre alt sind, je 70 ft zu verteilen. Den geistvollen, mit glänzender Beredtsamkeit vorgetragenen Ausführungen Dr. Bendieners folgte stürmischer Beifall. Das Wort ergriff sodann Dr. Isidor P e t s ch e k, der dem Vorredner zum Vorwurf machte, er habe einiges verschwiegen: seine eigene Tätigkeit nämlich. Dr. Bendiener sei 1866 in den Vorstand gewählt worden, vom Jahre 1671 an als Direktor. Er habe dem ganzen Verein seine Signatur ausgeprägt und wenn man mit der Vereinstätigkeit zufrieden sei, so sei dies ein Hauptverdienst Doktor Bendieners. Redner wünscht, daß es Dr. Bendiener noch lange vergönnt sein möge, an der Spitze des Vereines zu stehen. (Stürmischer Beifall.) Nachdem das Andenken der im abgelaufenen Vereinsjahre verstorbenen Mitglieder durch Erheben von den Sitzen geehrt worden war, verlas Dr. Moscheles die eingelaufenen Sympathiekund-