Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 384 Dr. Blocks Wochenschrift Nr. 17 mit Recht von sich sagen konnte: „Nennst du die besten Namen, so wird auch der meine genannt", schritten an die Bildung des Vereines, entwarsen das Statut und noch ehe dasselbe die behördliche Genehmigung erlangt, noch ehe der Verein sich formell konstituiert hatte, war derselbe bereits in voller Tätigkeit, nahm er noch im Jahre 1861 27 Waisenkinder in seine Obsorge, welche Anzahl dann im folgenden Jahre (1862) auf 35 erhöht wurde. Durch Zuwendung von früheren Stiftungen, so insbesondere aus der Biedermann Waisenstiftuna, durch Fonds-Sammlungen, durch Anwerbung von Mitgliedern war ein Jahreserträgnis von fl. 6000.— für die Versorgung der armen Kinder geschaffen. Heute bestehen in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde vier Waisenhäuser und allein unser Waisen-Hilfsverein zählt 1173 Mitglieder. 1000 bis 1200 Waisenkinder unserer Gemeinde befinden sich jahraus jahrein teils in interner, teils in externer Pflege. Erwähnen wir noch, daß für den gedachten Zweck aus den Erträgniffen von Stiftungen, Spenden, Mitgliederbeiträgen rc. jährlich Hunderttausende aufgewendet werden, so ergibt dies alles in seiner Gesamtheit ein Resultat, auf welches wir mit Befriedigung blicken dürfen. Wir Juden haben aber von jeher bei allen Wohltätigkeitsaktionen und so insbesondere auch bei der Waisenpflege uns nicht auf den Kreis unserer Glaubensgenossen beschränkt, auch der Waisenkinder unseren christlichen Mitbürgrr vergessen wir nicht. So war es zum Beispiel eine herzerhebende Kundgebung eines früheren Präsidenten unseres Vereines, des dahiugeschiedenen Wilhelm Ritter von Gutmann, aus seinem Vermögen alljährlich die Bekleidung von Waisenkindern, und zwar gleichteilig jüdischen und christlichen Kindern vorzunehmen. Unser Verein war kaum gegründet, als mit der letzten Willenserklärung einer jüdischen Frau ein Kapital von 60.000 Kr. gleichteilig jüdischen und christlichen Waisenkindern zugedacht wurde. Und so sind auch allbekannt die großen Stipendien-Beteilungen christlicher Waisenkinder aus Stiftungen jüdischer Wohltäter. Es war nur ein selbstverständlicher, wohlverdienter Akt der Anerkennung, als im Jahre 1886 der niederösterreichische Landtag sich veranlaßt fand, dem jüdischen Waisenhilfsvereine eine Jahressubvention von 200 Gulden zu votieren, eine Anerkennung, die wir freudigen Herzens entgegennahmen. Allerdings währte diese Freude nicht allzulange. Im Jahre 1896 hat der niederösterreichische Landtag in seiner neuen, noch derzeit bestehenden Majorität den Kampf auch gegen die armen, jüdischen Waisenkinder eröffnet nnd nach einer Debatte, über welche ich bei der heutigen Festvcrsammlung mit Stillschweigen hinweggehen will, den Beschluß gefaßt, jene Jahressubvention an den jüdischen Waisenhilfsverein einzustellen. So hat das Budget des Landes Niederösterreich eine Befferung seiner Finanzlage um jährlich 200 Gulden erfahren, so ist es geblieben bis heute. Ja, es war auch jetzt vor einem Jahre nahe daran, daß aus ähnlichen Tendenzen die nach langer Zeit endlich zustande gebrachte Errichtung dieses Knabenwaisenhauses noch in letzter Stunde vereitelt worden wäre. Als wir bereits daran waren, den Bau in Angriff zu nehmen und die Pläne der städtischen Behörde vorlegten, wurde die Baubewilligung (abgesehen von technischen Erfordernissen, welche wir durchwegs als berechtigt anerkannten) auch von einer derartigen reduzierten Aufnahme unserer Waisenkinder in die öffentliche Volksschule des Bezirkes (zwei Kinder per Klasse) abhängig gemacht, so daß bei Aufrechthaltung dieser Bedingung an die Errichtung der Waisenanstalt gar nicht zu denken gewesen wäre. Nur einem sehr energischen Einschreiten ist es zu danken, daß diese Bedingung fallen gelaffen wurde. Zurückgreifend auf die Geschichte dieses Hauses erwähne ich, daß im Jahre 1872 Gustav Ritter von Epstein dem Baue eines Knabenwaisenhauses ein ansehnliches Kapital gewidmet und einen Bauplatz im 3. Bezirke angekauft hatte. „Noch in diesem Jahre (1872) soll mit dem Baue begonnen werden", so sagte er. Widrige Umstände haben die Ausführung dieses schönen Planes vereitelt. Nachträgliche Stiftungen sind im Laufe der vielen Jahre für diesen Zweck errichtet worden. Nichtsdestoweniger hätte dessen Ausführung noch manches Jahr auf sich warten lassen, da die vorhandenen Mittel nicht zureichten. Da schlug das Kaiserwort „Für das Kind" an unsere Herzen. Diesem schönen edlen Aufrufe unseres erhabenen Monarchen anläßlich seines Regierungsjubiläums glaubten wir, der Waisenhilfsverein und mit ihm der Vorstand der Kultusgemeinde und andere edle Spender am besten durch die Ausführung jenes langgehegten Planes der Errichtung eines Knabenwaisenhauses zu entsprechen. Seine Majestät geruhten auch über unsere Bitte zu gestatten, daß dieses Haus „Kaiser Franz Joseph-Jubiläums- Knaben-Waisenhaus in Wien" bezeichnet werde. Aus der Geschichte unseres Vereines habe ich bereits mehrere Männer, welche sich um denselben in hervorragendster Weise verdient gemacht haben, namhaft gemacht. Es werden Ihnen in der demnächst erscheinenden Geschichte des Vereines noch gar manche hervorragende Wohltäter namhaft gemacht werden. In meinen Ausführungen, welche ich zu Ende bringen muß, will ich nur noch des edlen Brüderpaares gedenken, welches die Waisenpflege in unserer Gemeinde, ich möchte sagen, in Eigen- und Erbpacht genommen hat, des leider zu früh dahingeschiedenen Wilhelm Ritter von Gutmann und feines Bruders David Ritter von Gutmann, unseres dermaligen Präsidenten, den uns Gott noch lange, lange Jahre in gleich ungetrübter, körperlicher und geistiger Frische und Tätigkeit erhalten möge. Noch sei erwähnt, daß ein Ungenanntseinwollender eine Stiftung für die Aufnahme von 25 Kindern in dieses Haus in Aussicht gestellt, teilweise schon effektuiert und daß in den letzten Monaten eine edle Frau zum Andenken ihres verstorbenen Gatten 10 Stiftplätze fundiert hat. Zum Schluffe noch ein herzliches Wort des Dankes dem Damenkomitee unseres Vereines, an dessen Spitze der hochverehrten, edlen Baronin Charlotte Königswarter, deren hilfsbereite Tätigkeit überall, wo es Werke der Güte und Wohltätigkeit in unserer Gemeinde zu fördern gilt, in gar nicht genug zu lobender und dankenswerter Art und Weise sich bewährt. „Israel vergißt niemals seiner Waisen." Dieses Wort hat der israel. Waisenhilfsverein in seiner bisherigen Tätigkeit bewährt und wird es mit Hilfe der Mitglieder unserer Gemeinde und ihres Vorstandes auch weiter bewähren. Sodann verlas Direktor Mautner die Schlußsteinurkunde. Die üblichen Hammerschläge geschahen durch die beiden Präsidenten David von G u t m a n n und Dr. S t e r n, den Vizepräsidenten des Vereines Dr. Artur Kuranda, den I. Vizepräsidenten der Gemeinde Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, sodann durch Herrn Jacob Kann und einige Honoratioren und den Sohn des Architekten S t i a ß n y, Herr Dr. Siegm. S t i a ß n y sprach bei den Hammerschlägen die Worte: „Wer den wahren Sinn der Dinge will erschauen, muß den Stein mit eigener Hand behauen." Diesen Wahlspruch Erwin von Steinbachs hatte mein verewigter Vater zu dem seinen gemacht. An dem heutigen Tage, bei der Einfügung des letzten Steines zu dem letzten Bauwerke, dessen geistiger Schöpfer mein Vater war, sei mir gestattet, das Werk der 3 Hammerschläge für den Verblichenen zu vollbringen, eine Ehrung der Arbeit, welche ihr auch der Höchste im Staate nicht verwehrt. Mit dem Vortrage eines von Direktor Mautner verfaßten und von einem Zöglinge vorgetragenen Gedichtes und einem rauschenden Halleluja des Prof. S u l z e r schloß die erhebende Feier. Unter den Anwesenden waren zu bemerken die anderen Vorstandsmitglieder des Vereines: die Herren Theodor Cohn, Siegfried Fleischer, Baron Mayer-Ketschendorf, Dr. Moriz Weisweiller, Charlotte Baronin von Königswarter, Baron M a y e r-K e t s ch e n d o r f, Baronin Julie von S ch e y, Mathilde v. G u tm a n n, Betty W i e d m a n n, Nelly v. G o mpertz (Schutzdamenkomitee); Frau Sidonie v. Taussi g, Frau von Schiff, Frau Adele von M i s e s, Frau Julie Z e r n e r,