Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 283 Religion gewährleistete. Wenn man auch in unseren Tagen die Zurückberufung der Juden nicht mehr, wie damals Varela vorschlug, als eine unmittelbare Geldquelle benutzen kann, so würde sie immer noch eine Maßregel von hoher politischer Klugheit sein. Immer noch wäre es vorteilhaft, die Repatriierung des zerstreuten Volkes nach Spanien durch väterlich milde Maßregeln zu fördernc Seine ohne gleichen dastehenden praktischen Fähigkeiten zum Handel und zum Bankbetrieb, seine Fähigkeit in der Industrie, die Bedeutung seiner Kapitalien und seiner ausgedehnten Verbindungen, sein kühner Unternehmungsgeist, verbunden mit Betriebsamkeit und Sparsinn bilden eine sichere Gewähr dafür, daß die Rückoerufung des jüdischen Volkes von eminenten Nutzen für Spanien sein würde. Man würde damit, wie spät auch immer, den verderblichen Irrtum seiner Vertreibung wieder gut machen, welchen man immer als einen Todesstoß für Spanien bezeichnen muß, der die Quellen des öffentlichen Wohlstandes versiegen machte und die Juden zwang, andere Länder zu befruchten und den Wohlstand fremder Völker zu höherem Gedeihen zu bringen." Korrespondenzen Feierliche Schlußfteiulegnng im Knabenwaise»- hanse. Am 23. d. M. fand im Kaiser Franz Joseph-Jubiläums« Waisenhause XIX., Probusgasse 2—3 die feierliche Schlußstein' legung in Anwesenheit einer erlesenen Gesellschaft statt, die sich im Betsaale und dem anstoßenden großen Speisesaale versammelt hatte. Nach dem vom I. Kantor I. Serebrenik würdig vorgetragenen „Ma towu" eröffnete der Präsident des Vereines zur Versorgung hilfsbedürftiger israel. Waisen, Herr David.R. v. G u t m a n n, die Feier mit einer warmempfundenen Ansprache. Vor allem gedenke er Sr. Majestät unseres allgeliebten Kaisers, auf dessen Initiative alle Akte der Wohltätigkeit in diesem Reiche, insbesondere diejenigen, die sich auf das Kind beziehen, zurückzuführen sind. Sodann habe er mit einem doppelten Gefühle, der Wehmnt und der Dankbarkeit, an diejenigen Wohltäter zu erinnern, die in den ewigen Frieden eingegangen sind und deren Namen in der Stistertafel zu immerwährendem Gedächtniffe erhalten bleiben, während den unter uns weilenden Förderern und Gönnern des Vereins alle Anerkennung und Bewunderung gebühre. Auch der behördlichen Kollegien, vom Bezirks- und Stadtrate angefangen bis hinauf in die höchsten Instanzen, müsse dankend Erwähnung getan werden, die in allem, was sich auf den Bau dieses Hauses bezog, mit der größten Bereitwilligkeit entgegengekommen waren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die jedoch nicht prinzipieller Natur waren, ging denn auch die Bauangelegenheit flott von statten. Leider hake der Schöpfer dieses so ästhetisch'schönen Gebäudes, Baurat W,lh. Stiaßny, dessen Vollendung nicht erlebt, indem er kurz zuvor einer Krankheit erlegen ist; aber sein Name bleibe in dieser seiner letzten Schöpfung verewigt. Tiefgefühlten Dank müsse er als Präsident all den Direktoren, Professoren und Lehrern aussprechen, welche den Waisenkindern die größte Sorgfalt entgegenbringen. Man müsse dies in der Phase der letzten 20 Jahre, ' die in dieser Beziehung Unterschiede schaffen wollten, besonders rühmend hervorheben. Mit einem Danke an den Kaiser habe er begonnen und wiederum mit innigem Gedenken an den Monarchen wolle er schließen; möge Gott dem edelsten Fürsten ein langes und glückliches Leben bescheren. In das Hoch, das der Redner jetzt ausbrachte, stimmten die Anwesenden begeistert ein. — An diese Begrüßung, die in ihrer Natürlichkeit und aufrichtigen Herzlichkeit ungemein sympathisch, stellenweise ergreifend wirkte, schloß sich spontan die Absingung der Volkshymne an. Sodann hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann folgende Weiherede: Es ist mir die Aufgabe zu teil geworden, für dieses Waisenhaus, dessen Schlußstein jetzt gelegt werden soll, den Segen Gottes zu erbitten und ihm dadurch die Weihe zu geben. Die Geschichte der Waisenfürsorge führt auf unsere Bibel zurück. In dem von dem Pastor Lindner verfaßten Artikel „Waisenhäuser" in dem enzyklopädischen Handbuch der Pädagogik von Rein heißt es wörtlich: „Der Christen Fürsorge für die Waisen knüpfte an das mosaische Gesetz an, in dem Gott, der Vater der Witwen und Waisen, die Bedrängten unter seinen Schutz stellt." In diesen Worten ist mit anerkennenswerter, historischer Treue der Ursprung der Waisenfürsorge unserer Bibel zugeschrieben, die fast auf jeder Seite für die Waisen eintritt. Besonders empfiehlt sie, wie wir an dem jüngsten Feste wieder vernommen haben, die Beteiligung der Waisen an der Festesfreude. Es hat im alten Israel kein Freudenfest gegeben, za dem nicht auch die Waisen liebevoll herangezogen wurden. Wie war diese Waisenfürsorge möglich ohne Waisenhäuser? Denn diese find, wie überhaupt, auch im Judentume erst neuesten Datums. Die Antwort ist in folgenden Sätzen des Talmud enthalten. „Wer eine Waise in seinem Hause aufzieht, macht sich gleichsam zu deffen Vater." „Ununterbrochene Wohltätigkeit übt, wer Waisen aufzieht." Diesen Aussprüchen zufolge, die gewiß nur die herrschende Uebung schildern, darf man sagen: „Es hat deshalb keine Waisenhäuser in Israel gegeben, weil es lauter Waisenhäuser gab, % das heißt, weil alle Häuser den Waisen zur Verfügung standen. Daß diese Waisenfürsorge in der F a m i l i e die vollkommenste war und ist, wird Niemand bestreiten. Aber die veränderten Verhältniffe haben diese Betätigung unmöglich gemacht und an ihre Stelle find die Waisenhäuser getreten. Dennoch übt jene ursprüngliche Behandlung der Waisen ihre doppelte, segensreiche Nachwirkung, erstens in der Richtung, daß die Waisenfürsorge eifrig gepflegt wird, sodann, daß auch den Waisenhäusern der familiäre Charakter gewahrt bleibt. In beiderlei Richtung leisten mein verehrter Herr Vorredner wie mein verehrter Herr Nachredner durch ihr aufopferungsvolles Interesse an der Waisenpflege die sicherste Bürgschaft für die Zukunft. Möge denn auch dieses ihnen anvertraute Waisenhaus deffen jungen Bewohnern die Familie ersetzen unter dem göttlichen Beistände, den ich mit dem alten Weihespruch anrufe: „Gelobt sei Gott, der Herr des Alls, der uns die Vollendung dieses Hauses hat erleben laffen!" Nach Intonation eines Weihliedes — verfaßt und komponiert von Prof. Sulzer — nahm Herr Dr. Alfred Stern, Präsident der Kultusgemeinde, die Schlußsteinlegung vor und richtete an die Versammlung folgende Ansprache: „Es liegt mir die ehrenvolle und angenehme Aufgabe ob, namens des Vorstandes der Kultusgemeinde Ihren Verein zu seinem 50 jährigen Jubiläum, sowie zu der Eröffnung und Einweihung dieses Hauses herzlichst zu begrüßen. Der jüdische Kultusvorstand hat, wie es seine Pflicht ist, von jeher der Waisenpflege die volle Aufmerksamkeit zugeweudet und Kultusvorstand und Vorstand unseres Waisen-Hilfsvereines gingen stets mit einander Hand in Hand, wie dies unter anderem auch die Mitwirkung des Kultusvorstandes an der Errichtung dieses Hauses bezeugt. Die Waise gilt uns gleichsam als ein von Gott anvertrautes Gott. Schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhundertes hat auch der Mann, dessen Verdienste um die Neu-Konstituierung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und ihre Schöpfungen unvergänglich find, M. L. B i e d e r m a n n, erklärt: „Wir haben nun unseren Tempel gebaut, unseren Gottesdienst reformiert, unseren Religionsunterricht neu gestaltet, für die anderen rituellen Einrichtungen Sorge getragen, es muß nun unsere Aufgabe sein, auch für die Waisenpflege zu sorgen. „Israel vergaß seiner Waisen nie." Und unter seiner Aegide und seiner Mitwirkung wurde eine Waisen-Stiftung errichtet. Da jedoch bald eine Stiftung als nicht geeignet, als nicht zureichend für die Aufgabe erklärt wurde, so ging man im Jahre 1861 an die Bildung eines Vereines. Mannheimer, Josef Wertheimer, Doktor Kompert, Dr. Maximilian Engel, Männer, deren jeder einzelne *