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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite 281 lich mit besonderer Innigkeit, mit wildem und glühendem Fanatismus gefeiert. Während der sechzigtägigen Dauer kleidet sich fast die gesamte Bevölkerung in Schwarz. Vergnügungen, öffentliche und private Belustigungen, Hochzeiten, Besuche sind streng verboten. Bei den Reichen ist es Brauch, während der ganzen Trauerzeit oder während eines Teiles offenes Haus zu halten für alle Mollahs, Seyeds und Priester jeden Ranges, die sich bemühen mögen — und sie tun das reichlich — in den Häusern Litaneien Zum Ruhm Alis und seiner Söhne aufzusagen, wobei sie sich leicht die Brust schlagen. Zum Dank bietet man ihnen Tee an, den unvermeidlichen Kalim, Erfrischungen und eine tüchtige Schüssel Reis. In gewissen üppigen Häusern veranstaltet man sogar dramatische Vorstellungen, in denen der Kampf zwischen Omar und Ali gezeigt wird. Die Schauspieler legen Gewänder von historischer Treue an, bedecken das Gesicht mit Masken, bewaffnen sich mit Säbeln und geberden sich wild. Die Zuschauer folgen den Phasen des Zweikampfes mit atemloser Spannung. Die glücklichen Wendungen Alis werden von wahnwitzigen Zustimmungen, die des Gegners von lärmenden Protestrufen begleitet; und wenn der verhängnisvolle Schlag gegen Ali gefallen ist, stürzt sich die Menge wütend auf den Mörder, an dessen Stelle man schnell eine Puppe untergefchoben hat, und zerreißt ihn in tausend Stücke. Der 10. und 13. Moharrem und der 7. Saffar sind für große Umzüge bestimmt. Man nennt diese Tage die Tage des Mordes, weil an ihnen Ali und seine Söhne der Reihe nach erschlagen worden sind. Diese Umzüge sind originell und malerisch, sie geben aber auch Anlaß zu den gewalttätigsten und barbarischsten Szenen. Die fanatische Begeisterung der Bevölkerung erreicht an diesen Tagen den Gipfelpunkt. Die Menge wird unempfindlich für. physischen Schmerz. Eine große Zahl der exaltiertesten Umzügler in langem, weißem Hemd zerschneiden sich mit Messer und Säbel Stirn und Brust und wetteifern, am Schluß des Tages das fleckenreichste Hemd zu haben. Während dieser schmählichen Schlächterei laufen sie durch die Straßen und Basare, besuchen sie die Moscheen, stoßen sie wildes Geschrei aus, wobei sie der Reihe nach die Namen der Heiligen Mi. Hassan und Hussein ausstoßen. Diese blutigen Szenen werden in jedem der zwölf Stadtviertel von Schiras veranstaltet. Die Veranstalter halten mehrtägige Vorbereitungen ab. Sie holen aus den Häusern des Viertels, was dem Zug mehr Glanz verleihen kann: Pferde, reiche Harnische, Stickereien, Tapeten, Schals, alte Waffen, Blumenvasen, Spiegel, Armleuchter, Kunstgegenstände usw. Der Zug setzt sich in der Hauptsache aus einem großen, mit Seidenstoffen bespannten Baldachin und aus einem reich umhüllten Katafalk zusammen, der als Sarg Alis angesehen wird', aus einer Puppe, die Omar darstellt. und aus einem prächtig angeschirrten Kamel, .weil das höckerige Tier das Lieblingsreittier des Propheten und seines Schwiegersohnes gewesen ist. Hinter dem vermeintlichen Leichnam Alis folgen an fünfzig Personen mit nackten Oberkörper, den Kopf in einen Cachemirschal gehüllt, dessen Falten ihnen auf die Schultern fallen. Sie halten einander an den Armen und bilden eine Menschenkette. Das symbolisiert die enge Vereinigung der Gläubigen, die bereit sind, den Tod ihres Emirs zu rächen. Dann kommt ein endloser Zug von glänzend geschmückten Pferden, die mit Stickereien bedeckt sind, und von Reitern gelenkt werden, die bis an die Zähne bewaffnet sind. An diesen prächtigen Zug schließt sich die gedrängte Menge der Selbstgeißler in ihren hlutbesudelten Hemden, Fahnen-, Kerzen-, Leuchterträger, endlich die einfachen Umzügler, die sich im Takt die Brust schlagen und im Chor den Ruf ausstoßen: „TZ. Ali! TL Hassan! TL Hussein!" Diese Umzüge, die alljährlich stattfinden, haben bisher kaum andere Ausschreitungen gebracht, als die in der Natur der Sache liegen. Selbstverständlich halten sich alle Nichtmoslim, namentlich die Israeliten, während jener Aufzüge in ihren Häusern versteckt und wagen um keinen Preis, ihr Viertel zu verlassen. In diesem Jahre aber nahmen diese periodischen Kundgebungen des schiitischen Fanatismus einen ganz anderen Charakter an und dienten als Vorwand oder als Ausgangspunkt für schwere Ordnungswidrigkeilen. Die reaktionäre Partei, an deren Spitze der mächtige Seyed Mohammed steht, benützte seit den ersten Tagen des Moharrem den Zustand religiöser Eraltation der Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt, um eine feindliche Bewegung gegen das neue liberale Regime hervorzurufen. Die erste Wirkung dieser Bewegung war auf die Absetzung unseres früheren Generalgouverneurs Saham-ed-Dowlet gerichtet. Nach seiner Abreise war die Stadt im Zustande unglaublicher Anarchie. Vor vierzehn Tagen brach ein fünfzehn Mann starker Haufen von Banditen bei mir ein. Sie erklärten mir, daß sie beschlossen hätten, am Freitag, den 7. Saffar, d. i. am 18. Februar, einen großartigen Umzug zu veranstalten, der an Glanz r>nd Pracht alle früheren überbieten sollet, daß sie die Mitwirkung der gesamten Bevölkerung hierfür gewonnen hätten und daß die jüdische Gemeinde zu dem Feste 1000 Schals beizusteuern habe. Ich versuchte, gegen diese törichten Forderungen zu protestieren. Aber der anmaßliche und drohende Ton der Unterhändler, die davon sprachen, das Iudenviertel mit Feuer und Schwert zu überziehen, wenn man ihren Ansprüchen nicht Genüge täte, ließ mich für klüger halten, die Erörterung nicht weiter auszudehnen. Ich berief die Notablen und sagte ihnen, was man verlange. Unendliches Klagen und Schreien. Sie schworen mir, daß man in der ganzen Mehalla nicht mehr als 50 Schals finden werde, daß die verlangten 1000 Stück einen Wert von 30.000 Fr. darstellten. Als die Veranstalter des Umzugs erfuhren, daß die Juden die Steuer nicht leisten wollten, glaubten sie zunächst, daß ich Schuld daran sei. Als „Direktor der Juden" hätte ich doch nur zu befehlen, um des Gehorsams sicher zu sein. Am Montag, den 14., als ich eben meine neue Wohnung izr dem Hause der Mädchenschule beziehen wollte, wurde das Haus von einer Bande Lutis gestürmt, die sich entschlossen zeigten, mich nicht einziehen zu lassen. Denn durch den anstoßenden kleinen Garten gehe eine Wasserleitung, die in das mohammedanische Quartier führe, und daß die Gegenwart unserer Mädchen dieses Wasser verunreinige. Die Wilden schrien, wir seien gar keine Frankis (Europäer), sondern einfach Juden wie die, die wir so eifrig beschützten. — Es gelang mir mit vielen Versprechungen, die Meute zu beruhigen. Ich benachrichtigte den russischen Konsul, den französischen Konsularagenten und den Kargusar von dem Vorgefallenen. Doch niemand konnte mir wirksamen Beistand versprechen, da es keine höheren Behörden gibt, bei denen man sich beschweren kann. Inzwischen hatte sich eine andere Bande von Lutis auf das Iudenviertel gestürzt. Viele Personen wurden belästigt, geschlagen, verwundet. In dem moslemitischen Vierteln wurden einige Hausierer geprügelt. Am Dienstag früh wurde einer der beiden Oberrabbiner auf der Straße angefallen und geschlagen. Die Lage wurde von Stunde zu Stunde kritischer. Die Juden sahen die Gefahr, wollten sich aber doch nicht zur Ausbringung des ihnen zugemuteten Opfers entschließen, obwohl es leicht gewesen wäre, über 600 Schals im Mellah selbst zu finden. Sie hofften immer aus eine Hilfe der Vorsehung. Dieses Vertrauen konnte ich angesichts der unmittelbar drohenden Gefahr nicht teilen. In dieser Be-

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