Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 280 Dr. Blochs Wochenschrift Nr 17 Leboä ml joäva. *) Johann Christoph Wagenseil, der weitausblickende, scharfsinnige Gelehrte, der vornehme Philosemit und, obgleich ihm der Missionär im Nacken saß, ein kühner, mannhafter Kämpfer für jüdisches Wesen und dessen Lebenswert, .sowie ein Apologete des biblisch-rabbinischen Schrifttums, hat in einem Sammelwerke aus dem 17. Jahrhundert, einem wahren Schatzkästlein von lehrreichen, scharfsinnigen Abhandlungen und köstlichen Aphorismen, eine Monographie geboten: „Dreh Lieder, welche die Juden, sonderlich die Weibsbilder unter denselben, sowohl sonsten, als sonderlich an dem Osler-Fest zu singen pflegen." Wagenseil leitet sein Werk mit den Bemerkungen ein: „In solchem jüdisch-deutschen Dialekte sind sehr viel Historienbücher gedruckt, welche sowohl wahre als erdichtete Geschichten enthalten und haben bevorab die letzter», eine sonderbare Anmut, allermaßen dann die Juden zu allen Zeiten, in Apologis, Gleichuusseu, Rätzeln und lehrreichen Fabeln, vor andere Nationen Meister gewesen, wie nit nur aus der Gemara, sondern auch heiliger Schrifft selbsten genugsam zu ersehen. Können also die Sorgen, schwere Gedanken und Traurigkeiten mit nichts besser, als denen Jüdischen Deutschen Büchern, vertrieben werden und haben sie das Gute an sich, daß sie kein böses Geschwätz, so gute Sitten verderbet, sondern mehrentheils, lauter, wie zum Lust dienende, also auch zur Tugend und Erbarkeit anweisende Sachen, enthalten, die einem so wol eingehen, daß man deren nit leicht vergessen kann; welches mit anderer Völcker Erzählungen und Mythologiis nit so beschaffen." Dos zweite von den drei Liedern — meint Wagenieil — „zeiget etwa- Merkwürdiges, bey einer jeden von den ersten XIII Zahlen an, und bestehet fürnemlich in einer Rückkehr Palindromia. Man möchte wehuen, daß es von einem Lateinischen Trinck-Lied, so von den Mönchen Herkommen soll, zur Folge gemacht worden, oder daß die Juden zu dem Lateinischen Lied die Anleitung gegeben, welches also lautet: 0 Lector Lectorum die mihi quod est unum. Unus est Oeconomus qui regnat in Cnlina. 0 Lector Lectorum die mihi quaesuDt duo. Duae Tabulae Mosis. Unus est Oeconomus qui regnat etc. 0 Lector Lectorum die mihi quae sunt Tria. Tres Patriarehae: Duae Tabulae Mosis: Unus est etc. 0 Lector Lectorum die mihi quae sunt Duodecim. Duodecim Apostoli: Undecim Discipuli Decem Praecepta, Novem sunt Musae, Octo sunt Partes (Orationis), Septem sunt Artes (Liberales), Sex Hydriae positae in 0 an a**) Galilaeae, Quinque Libri Mosis, Quatuor Evangelistae, Tres Patriarehae, Duae Tabulae Mosis, Unus est Oeconomus etc. Ausgeschlossen erscheint die Vermutung, Mönche seien die Verfasser des obigen Liedes gewesen, ebenso daß ein Jude es zu einem liturgischen Gesänge umgedichtet hat: Ein Mönch würde nicht die Blasphemie begangen haben, für *) Zu dem Aufsatze mit gleicher Ueberschrift in Nr. 15, S. 248 **) Zu Cana. einem Flecken tit Galilaa, unweit Sepphoris, ereignete sich nach Joan. 2, 1 ff das erste Wunder Christi, indem er bei einem Hochzeitsmahle Waffer in Wein verwandelte. Dieser Ort wurde schon früh durch christliche Baudenkmäler verherrlicht; Willibald besuchte im achten Jahrhundert die groß^ Kirche, wo man noch einen der sechs im Evangelium erwähnten Wafferkrüge zeigte und Saewulf (1103), welcher Cana sechs römische Meilen nördlich von Nazareth setzt, erwähnt eines Klosters, Architriclinium genannt. Noch im 18. Jahrhundert wies man den Pilgern in einer Erdvertiefung die Stelle, wo die Wafferkrüge-nebst den Tischen standen. In der Folgezeit sank der biblische Ort immer mehr herab nnd 1616—1625 waren nur mehr ein paar Hauser zu sehen, die jetzt auch verschwunden sind. Die gegenwärtige Ruine, welche die Araber Kana el Dichelil (Kana in Galiläa) nennen und welche gegen drei Stunden nördlich von Nazareth und 17s Stunden nordöstlich von Sepphoris getroffen wird, nimmt die Stelle des neutestamentlichen Cana ein. Das alttestamentliche Cana im Stamme Ascher (Jos. 19, 28) ist in dem heutigen Kanah, 2'/, Stunden südöstlich von Thrus, zu erkennen. „Gott den einzigen" einen „Küchenmeister" zu substituieren und griechisch heidnische Musen heranzuziehen, ebensowenig ein jüdischer Schriftsteller — „einen frechen jüdischen Bänkelsänger" würde ihn Benecke genannt haben — den Einfall gehabt haben, das skurrile Lied als Unterlage zu religiösem Zwecke zu verwenden. Weit näher liegt die Vermutung, das Lied, denr der Erdgeruch peitonistischer Produktion anhaftet, sei jüdischer Herkunft und wurde von einem feuchtfrohen Baccalaureatus in oben angeführter Weise parodiert. Die Bemerkung Wagenseils, „daß die Weibsbilder die 3 Lieder sowohl sonsten als sonderlich an dem Osterfeste zu singen pflegen", gibt manches zu denken. Da nicht anzunehmen ist, daß ihm die Bezeichnung Hagada, welche sich schon im Talmud (Pessachim 115 b) und bei den ältesten Kommentatoren, Kodisikatoren, Casuisten und Dezisoren findet, u nbekannt war, so kann vorausgesetzt werden, daß auch für ihn die Hagada mit Chassal szidur pessach als abgeschlossen galt, welcher Satz nach Mabaril (Seder hagada) von dessen Lehrer Rabbi Schalom aus Oesterreich (aus Wien) eingeführt wurde. Im Abudraham schließen die 6 kurz gefaßten Anordnungen für den Seder sämtlich mit Hallel. Sollten vielleicht die Frauen, denen manche Gesetzeslehrer die Dispens von der Rezitation der Hagada erteilen, dafür durch die Zuweisung des gesanglichen Finale entschädigt werden? Die 4 Becher Wein usw. wurden ihnen nicht erlassen. Welche Rasse, bei der sich die Religion mit ihrer ganzen Autorität für 4 Becher beim rituellen Festmahle erst eiusetzen und gebieten mußte, daß die Becher nicht gar zu klein seien, der Trunk nicht in Unterbrechungen erfolge, daß mehr als die Hälfte der Becher zu leeren sei! Welch ein wieherndes Gelächter würden solche Kneipvorschriften unter ultradeutschnationalen Saufbrüdern bei ihren nächtlichen triukliederlichen Gelagen Hervorrufen, die vom Frühschoppen abgelöst werden! Unsere Frauenrechtlerinnen, die hoffentlich nicht zu Sufragettes ausarten werden, mögen in der Befreiung von der Teilnahme an der Hagada gleichwie von anderen religiösen Pflichtgeboten, die an eine bestimmte Zeit geknüpft sind, keine minderwertige Einschätzung erblicken, sich vielmehr an den Triumphgesang der Propdetin Mirjam unter musikalischer Begleitung ihrer Frauenkapclle am Schilfmeer und an das Siegeslied der Debora erinnern und aus jener glorreichen Zeit, welche das Omerzählen alljährlich auferstehen lasse, 2 Sprüche unserer Weisen in ihr Album eintragen: „Das Verdienst der wackeren Frauen war es, daß unsere Vorfahren aus Egypten erlöst wurden .... Gott sprach zu Moses : Zuerst verkünde meine Lehre den Frauen und dann den Männern in Israel!" PI. Inr Hage der Inden t« persten. Die Katastrophe, welche das jüdische Stadtviertel in Schiras (Persien) ereilt hat, lenkt die Aufmerksamkeit der jüdischen Öffentlichkeit auf die Lage der Juden in Persien. Der letzte Bericht dex „Alliance Jsraelite Universelle" brachte bereits aus Schiras Mitteilungen, aus welchen zu ersehen war, wie nach einigen Monaten vergleichsweiser Ruhe die Lage für die Israeliten xn Fars schon damals wieder recht bedränglich geworden war: Schi ras, den 25. Februar 1910. Wir haben eben die denbar traurigen Stunden 'durchlebt. Wenn heute jede dringende Gefahr beseitigt scheint, so bleibt die Lage darum nicht minder bedrohlich und unsicher. Sie wiffen, daß für die schiitischen Moslim die beiden Monate Moharrem und Saffar des Hadschra-Kalenders eine Zeit der .Trauer sind zur Erinnerung an das Martyrium Alis, des Schwiegersohnes des Propheten, und seiner beiden Söhne Hassan und Hussein, die der Kalif Omar getötet hat. In Schiras wird diese .Trauer alljähr-