Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Set:e 276 Dr. Vlochs Wochenschrift Kr. 17 Die vielen Frauen-, Bekleidungs- und Unterstützungsvereine, die Armenanstalt, die Speiseanstalten, die Baron Hirschstiftungen, die Jsr. Allianz, die Kinderhorte und Kindergärten, die mit der Arbeitsvermittlung beschäftigten Institutionen leisten mit ihren bescheidenen Mitteln das Menschenmöglichste. Die Vorstände derselben bemühen sich für die Erreichung der Ziele dieser Institutionen in dankenswertester, bewundernswürdiger Weise. In älteren Tagen entstanden aus eigener Kraft einzelner Personen die segensreich wirkenden Institute, das Blindeninstitut, das Taubstummeninstitut, das Königsberg'sche Mädchenerziehungsinstitut, und unvergänglich bleibt das Andenken dieser Stifter Königswarter, Kolisch und Königsberg in unserer Gemeinde. Die Kultusgemeinde schuf unter großen Opfern ein Versorgungs- und Siechenhaus, welches durch Förderung einzelner Wohltäter, allen voran der edlen Frau Ernestine Thorsch, welche diesem Zwecke 600.000 Kronen widmete, nun mehr als 300 Jnsasten zählt, und trotzdem streben noch zirka 200 Personen seit Zähren die Aufnahme an, welche wegen Mangels an Raum nicht Aufnahme finden können, und darunter sind hilflose erwerbsunfähige Brüder und Schwestern mit 80 Jahren und darüber. Ob die Wohltäter sich finden werden, welche durch Widmung von Bausteinen die so dringend gewordene Erweiterung dieses Asyles für unsere alten, hilflosen Brüder und Schwestern, sowie für unsere erwerbsunfähigen, unheilbaren Kranken ermöglichen werden, kann nicht vorausgesagt, wohl aber erhofft werden. Daß diese Hoffnung bestehen darf, daß das jüdische Herz noch weiter warm pulsiert und nicht erlahmt, daß weiter gearbeitet wird auf diesem segensreichen Felde, haben wir heute in ungetrübter Freude miterlebt. In diesen Kreis der Wohlfahrtseinrichtungen ist erst vor kurzem das Knabenwaisenhaus in Döbling unter der Führung unseres David Ritter von Gutmann und mit Hilfe unserer Kultusgemeinde und durch die rastlose Tätigkeit des ausgezeichneten, jüdischen Waisenhilfsvereines eingetreten, dessen Schlußsteinlegung heute vorgenommen wurde, und ich stehe noch jetzt unter dem erhebenden Eindrücke der Weihe dieses Aktes. Dieses Knabenwaisenhaus, welches seine Entstehung in allererster Reihe der hochherzigen großen Spende des verewigten Gustav Ritter von Epstein zum Andenken an seinen Vater dankt, um welche Stiftung sich weitere große Spenden, darunter selbstverständlich wieder unseres wackeren David Ritter v. Gutmann, dann eine solche von 120.000 Kronen von der edlen Frau Sidonie von Taussig zum Andenken an ihren verewigten Gatten und insbesondere auch eine sehr große Spende eines bescheidenen, schlichten, jüdischen Mitbürgers gruppierten, bildet die Ergänzung des Mädchenwaisenhauses in der Ruthgasse, welches füglich auch das Gutmann'sche Waisenhaus genannt werden kann, des durch die einzig dastehende Merores Jtzeles Stiftung geschaffenen Mädchenwaisenhauses und des aus eigener, alleiniger Kraft vor vielen Jahren ins Leben gerufenen Baron Springer'schen Knabenwaisenhauses, welche Waisenhäuser unter der ausgezeichneten Leitung von hingebungsvollen Kuratoren und Schutzdamen stehen. Wenn auch noch viel zu schaffen ist, insbesondere die Erweiterung des Versorgungs- und Siechenhauses geradezu ein dringendes Bedürfnis ist, wenn auch die Privatwohltätigkeit sich nur bescheiden auf wenige Personen in nicht entsprechendem Maße beschränkt, so dürfen wir wahrhaftig, am wenigsten an dem heutigen Tage klagen und müssen uns freuen der bisherigen Erfolge, der großen Zahl von Liebesakten, der großen Leistungen unserer Wohltätigkeitsinstitutionen und der ausgezeichneten Glaubensbrüder und -Schwestern, die durch die Leitung derselben so Großes vollbringen. Auf alle diese Wohltätigkeitsvereine, Wohltätigkeitsanstalten und Wohlfahrtseinrichtungcn, daß sie blühen, wachsen und gedeihen, auf alle jene Personen und Persönlichkeiten, die sich tatkräftig um dieselben bemühen, darauf, daß die Brüderlichkeit unter unseren Glaubensgenoffen immer weitere Kreise ziehe, darauf daß es uns gegönnt sei, immer größere und größere Erfolge auf diesem Gebiete zu erreichen, darauf, daß diese Institutionen und wir mit ihnen das Elend zu mildern, sinkende Existenzen aufzurichten und zu stützen die Kraft haben, darauf, daß die Reichbegüterten unter uns diese Aufgaben als ihre Freude ansehen und in der Erfüllung derselben, wie wir es heute Mittag miterlebt haben, ihre vollste Befriedigung finden, darauf lassen Sie mich mit dem aufrichtigen Wunsche und Gebete das Glas erheben: Gott gebe allen diesen Wohltätigkeitsinstitutionen, ihren Führern, Häuptern und Vorständen, allen, die dabei ihre werktätige Hilfe leisten, Gott gebe uns allen zu all diesen Werken seinen vollen Segen. Hoch unsere Wohltätigkeitsinstitutionen, hoch ihre Führer und Leiter, hoch ihre Mitarbeiter! (Stürmische Hochrufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Toast auf die Rabbiner, auf die Vertreter der Wiffenschaft und Kunst, gesprochen vom Vizepräsidenten der Chewra-Kadischa Herrn Phil. & Jur. Dr. Markus Spitzer: Meine hochverehrten Herren! Wir haben uns hier in festlicher Stimmung zum Lobe und zum Preise der Chewra-Kadischa versammelt, welche heute wie ehedem in unverwüstlicher Jugendfrische einen geheimnisvollen, unsagbaren Zauber auf unsere Glaubensbrüder ausströmt und in ihrem segensreichen Wirken und Schaffen die Gewähr ihres ewigen Bestandes in sich birgt. Ist ja unsere heilige Bruderschaft die Trägerin einer großen, erhabenen Idee und unsterblich wie diese. Wenn wir den Dahingeschiedenen gegenüber unsere Pietät ausüben, bezeugen wir unsere Menschenachtung und Menschenwertung, welche die Wurzel ist, aus welcher das Gute und Edle emporsprießt, beugen wir uns in Ehrfurcht vor dem göttlichen Geiste, der im Lebenden waltete und ihn befähigte, anregte und anspornte, mitzuwirken an dem Wohle des Ganzen und Jedermann, wäre der Kreis seines Schaffens noch so begrenzt und stünde derselbe auch auf der niedrigsten sozialen Stufe, kann in seinem Berufe, als Familienvater, als Freund und Wohltäter im Dienste der Allgemeinheit Segensreiches leisten, sich ein ehrendes Denkmal im Herzen der Nachwelt errichten und würdig erscheinen, daß sein Andenken geehrt und sein Name der Vergessenheit entrissen wird. In diesem Augenblicke erhebt sich mein geistiges Auge zu einer anderen Chewra-Kadischa, die alle Zeiten und alle Länder, alle Nationen, Völker und Stämme umfaßt, die von den Anfängen der Kultur bis in die späteste Zukunft, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang die Welt mit ihrem Ruhme erfüllt, zu jener heiligen Vereinigung der Weisen, Dichter, Denker, Forscher und Künstler aller Zonen und Epochen, welche mit ihrem hellen, erleuchteten, weitausschauenden Geiste der Menschheit neue Bahnen gewiesen, die zur beglückenden, alle Fesseln sprengenden Zivilisation führen, jene Feuersäulen, die den Völkern in der Wüste der Unwissenheit, des Aberglaubens und der Barbarei voranziehen, um sie in das gelobte Land des Wissens, der Erkenntnis und Kultur zu leiten und gleich dem Dichterkönig David, der in einem herrlichen Psalme von sich rühmt „Uiruh Schuchar" das Morgenrot erwecken, welches das Aufgehen der Sonne der Freiheit, der Humanität und der Gerechtigkeit kündet. Alles, was der Menschgeist erdacht und erforscht, ersonnen und ergründet, was das Menschenherz mit den zartesten Empfindungen und den innigsten Gefühlen erfüllt, alles Wünschen, Sehnen und Hoffen, alle Stimmungen, Strömungen und Regungen der Volksseele haben sie in ihren Werken und Schöpfungen als teueres Vermächtnis der Vergangenheit an die Zukunft niedergelegt und zum herrlichsten Ausdrucke gebracht. Aus diesen Schöpfungen leuchtet ein Glanz auf, der einen verklärenden Schimmer über längst dahingegangene Geschlechter breitet, ringt sich jener Geist empor, der den toten Gebeinen neues Leben einhaucht, längst dahingeschiedene Völker, welche, um mit einer Vision des Propheten Esechiel zu sprechen, einst