Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 27» aus der jüdischen Geschichte. In dem Stück werden die Protestanten aus ihrer steirischen Heimat ihres Glaubens wegen Vertrieben. Eine Frau stirbt auf der Bühne, die Bibel an ihr Herz drückend, die sie auch im Tode sich nicht entreißen laßt. Weist nicht die jüdische Geschichte dasselbe Sujet auf? Sie besitzt kein anderes. Aus allen Ländern hat man die Juden im Mittelalter ihres Glaubens wegen vertrieben, nur ein Vaterland konnte man ihnen nicht rauben: Die Bibel! „Entweder mit diesem oder auf diesem" sagte die antike Mutter ihrem in den Kampf ziehenden Sohne, indem fie ihm den Schild überreichte. Unfern Schild (Mögen Awrohom) haben sich unsere Voreltern nicht entreißen lassen und wir dulden es auch nicht. In dem erwähnten Stück sagt der junge Rott ein sehr gutes Wort zu seiner eigenen Charakteristik, das jedem Juden aus der Seele gesprochen ist. „Ich habe einen breiten Buckel und mein Gott hilft mir tragen." Das ist die Quintessenz der jüdschen Geschichte. Wir Juden sind ein Di* ein hartnäckiges Volk, wir haben einen breiten Buckel und unser Gott hilft uns tragen. „Ich trug euch auf Adlersfittigen" — diese alte Verheißung Gottes hat sich immer an uns bewährt, mochten wir nun den Weg aus der Sklaverei in die Freiheit machen, wie vor 40 Jahren, oder mochte man uns in die Unfreiheit und in das Unrecht zurückdrängen wollen, wie seit den letzten Jahren, Gott ist mit uns. Er, der Israel aus Egypten befreit hat, er „wollte keine Knechte". Das uns am nächsten liegende Wahrzeichen dieser Gewißheit bildet unsere Kultusgemeinde. Das erste Gotteshaus unserer Gemeinde liegt versteckt im Hintergründe. Das zweite liegt schon an der Straße, und das dritte wird vielleicht auf einem freien Platz liegen. Nur erhalten wir uns das Bollwerk unserer Kraft: die Eintracht. „In der Eintracht liegt die Macht" heißt es in unserem Liede. Auch unsere Kultusgemeinde bekennt sich zu dieser Wahrheit. Sie besitzt, wie wenige Gemeinden, das Bollwerk der Einigkeit und es steht zu hoffen, daß unter der weifen Führung unseres Vorstandes und seines verehrten Präsidenten, dieses Bollwerk nicht abbröckle. Dann sollen immer die verschiedenen Parteien kommen, die unter der Maske des Glaubens, unter der Maske der Nationalität, ja selbst unter der Maske der Freiheit, die Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse erniedrigen möchten, sie werden sich an dem Bollwerk unserer Einigkeit die Köpfe einrennen. In der Hoffnung auf die Erhaltung unserer Einigkeit lade ich Sie ein, mit mir anzustoßen auf das Wohl unserer Kultusgemeinde und ihres Vorstandes. Sie leben hoch! (Lebhafter Beifall und Hochrufe). Sodann ergreift unter herzlichen Ovationen der Senior der Versammlung, der greise Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl, das Wort zu einem kurzem Trinkspruch auf die Mitglieder und Förderer der Chewra-Kadischa, der in dem Segenswunsche gipfelt, daß die Chewra-Kadischa und die ehrenwerten Männer, an deren Spitze der ausgezeichnete Präsident Herr Salo Cohn und der verdiente Vizepräsident Dr. Markus Spitzer stehen, zur Ehre des Judentums stets weiterhin segensreich wirken. Toast auf die jüdischen Wohltätigkeitsvereine und Anstalten, gesprochen vom I. Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Herrn Dr. Gustav Kohn. Geehrte Fest genossen! Wir sind heute bei unserer altehrwürdigen Chewra-Kadischa zu Gaste, bei der Chewra-Kadischa, welche die älteste jüdische Organisation in Wien ist, wie auch die anderen Chewra- Kadischas zu den ältesten Institutionen des Judentums gehören. Wo eine Zahl von Juden sich seßhaft machte, entstand in erster Reihe eine Chewra-Kadischa, leicht erklärlich, da es ein Bedürfnis war, in pietätvoller Weise dafür zu sorgen, daß unsere Glaubensgenossen, die im Leben von allen Seiten soviel herumgestoßen wurden und denen nirgends gegönnt war, zu ruhen, wenigstens im Tode einen Ruheplatz finden, wo sie nach den vielen Drangsalen, die sie im Leben erlitten, in Frieden ruhen können. Da um jene Zeit die armen und die bemittelten Juden bedrückt und bedrängt waren, so entfiel auch der Klaffenunterschied, die Unterscheidung zwischen arm und wohlhabend. Dies änderte sich mit der Zeit. Allmählich ging in vielen Gemeinden die Fürsorge für die Beerdigungen auf die Kultusgemeinden über und wenn unsere Chewra-Kadischa sich früher um die Bestattung der Glaubensgenoffen, ob arm, ob wohlhabend, zu sorgen hatte, ihre liebevolle Tätigkeit den Toten widmete, so trat dann der Umschwung ein, daß diese Fürsorge derselben auf die Lebenden überging und seither besteht tatsächlich die Haupttätigkeit der Chewra-Kadischa in der Fürsorge für die armen und bedrückten Lebenden, für die Gebeugten und Bresthaften und fie tut dies mit bewundernswerter Opferwilligkeit in herzerhebender Weise, auch die Aufgabe unseres Spitales ergänzend, Mittel und Wege für die Erleichterung, womöglich Genesung unserer Kranken durch Landaufenthalt und sonstwie suchend. Wir find heute, einer alten Sitte entsprechend, bei der Ch wra-Sude versammelt. Die Chewra-Sude wird bekanntlich als Brudermahl bezeichnet und nicht ohne Grund Diese Bezeichnung läßt eine mehrfache Deutung zu. Als pietätvolle Erinnerung an die frühere Brüderlichkeit, auch als ein Zeugnis für die Weiler bestehende Brüderlichkeit und Verbrüderung, nicht minder auch als eine Einladung zur Bruderschaft und Verbrüderung, zur Fortsetzung der Betätigung der Bruderliebe, eine Einladung, welche entsprechend der Erfahrung, daß die durch ein Festmahl, durch gutes Esten und Trinken hervorgerufene Stimmung einen nachhaltigeren Eindruck zurückläßt, weshalb, wie auch mein verehrter Freund, der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, erwähnte, wiederholt bei diesen Bruderwahlen zu bedeutenden wohltätigen Institutionen, für deren Ausbau und Erweiterung die Anregung gegeben, die Bausteine gelegt wurden. Die Chewra-Kadischa war und ist der rechte Ausdruck des jüdischen Herzens, des jüdischen Empfindens, fie hat in diesem Sinne aber auch vorbildlich gewirkt. Schule gemacht, Nacheiferer gefunden. Begeistert und angeregt durch deren Wirken entstand ein blühender Kranz von Wohltätigkeitsvereinen, Wohltätigkeitsanstalten, Wohlfahrtseinrichtungen, bei denen die Brüderlichkeit dadurch zum Ausdrucke kommen sollte, daß auch die Reichbegüterten sich ihrer armen Brüder und Schwestern hilfreich und unterstützend annehmen sollen. Ich darf heute nicht klagen, schon mit Rücksicht auf ein heutiges Ereignis, von welchem zu sprechen ich im Verlaufe meiner Rede Gelegenheit haben werde. Aber es ist eine bekannte Tatsache, daß die Beteiligung der Reichbegüterten an diesen Wohltätigkeitsinstitutionen mit wenig Ausnahmen nicht entsprechend ist, daß die Jahresberichte der Wohltätigkeitsinstitutionen erweisen, daß es immer nur dieselben wenigen Personen sind, die allen diesen Vereinen angehören und zumeist aus dem um seine Existenz selbst kämpfenden Mittelstände. Die einzelnen Vereine und Institutionen tun, was fie bei ihren beschränkten Mitteln nur leisten können. Im Zusammenschluß könnte man rationeller arbeiten; aber dieser Zusammenschluß war bisher wegen der Gefahr nicht durchführbar, weil man befürchten muß, daß die derzeit auf die vielen Wohltätigkeitsvereine verteilten Einzel-Beiträge, wenn geeint, zu Lasten der zu Unterstützenden geringer würden, sowie auch die Umgestaltung der Guldenwährung in die Kronenwährung sich als zu Lasten der Hilfesuchenden erweist. Vielleicht gelingt es der vor einiger Zeit gegründeten Zentralstelle für das jüdische Armenwesen, ohne Schädigung die entsprechenden Form zu finden. Mit vollster Anerkennung und mit bestem Danke muß all jener Persönlichkeiten gedacht werden, die in hingebungsvoller Opferwilligkeit sich um diese Wohltätigkeitsvereine, Wohltätigkeitsanstalten und Wohlfahrtseinrichtungen bemühen und nach Tunlichkeit bestrebt find, durch diese Institutionen das herrschende Elend zu mildern.