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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 274 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 17 wir hier zum Brudermahle versammelt sind und zum größten Teile schon in reiferen Jahren stehen, muß sich der Wunsch aufdrängcn, daß es uns vergönnt sein möge, auch die heutige Jugend mit dieser edlen Begeisterung zu erfüllen, damit unser Nachwuchs mit Stolz und Freude die Ueberliefeiung weiter Pflege. „Freude am Wohltun!" diese ehrenvolle Charakteristik des jüdischen Gemütes aus dem Munde unseres erhabenen Monarchen anläßlich seines 60jährigen Regierungsjubiläums, die Freude am Wohltun war es, welche neben der religiösen Begeisterung an der Wiege unseres Vereines stand; sie ist es, welche uns auch heute bei diesem Feste in solch imposanter Anzahl vereinigt hat, und sie wird wie in allen vergangenen Zeiten auch in Zukunft das innige Band unter den Juden bilden, sie ist und bleibt insbesondere das Panier der Chewra- Kadischa. In diesem Sinne, meine verehrten Herren, begrüße ich Sie nochmals wärmstens, danke Ihnen für Ihr so überaus zahlreiches Erscheinen und wünsche, daß Ihnen das Mahl wohl bekommen möge. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Kaisertoast gesprochen vom Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn Dr. Alfred Stern. Verehrte Fe st genossen! Wenn ich den Worten, welche ich an Sie zu richten vorhabe, eine Devise voranschicken darf, so möchte ich dieses Wahlwort analog dem Titel einer vor kurzem erschienenen vonrcfflichen Schrift, welche ich Ihnen zum Lesen auf das Wärmste empfehle etwa so formulieren: „Geschichten und Geschichte". Die Geschichte, das ist die unendlich lange Leidensepoche unseres Volkes, die nur selten und auf kurze Zeit durch einen Sonnenstrahl einer befferen Zeit unterbrochen wurde; und Geschichten find wieder jene Quälereien, welche, als nicht mehr Scheiterhaufen loderten, keine Massenaustreibungen mehr veranstaltet wurden und die große Leidenszeit vorüber war, in der Gesetzgebung ihren Ausdruck fanden, das sind die Beschränkungen bezüglich der Eingehung der jüdischen Ehen, das sind d'e schmachvollen Bestimmungen, betreffend die Z^ugenschaft der Juden, das sind die Ausschließungen von dem Aufenthalte der Juden in gewissen Orten über eine bist mmte Zeit, das ist der Ausschluß der Juden von einer ganzen Reihe von Erwerbszweigen, vom Grundbesitze und was alles noch so mancher unter Ihnen, und zu diesen gehöre ich sclost, miterlebt und mit angesehen hat; erst vor wenigen Tagen kam mir eine ganz merkwürdige Urkunde in die Hand, die Gründung^urkunde des L opoldstädter-Tempels, welche besagt, daß die Erwerbung jenes Grundes, auf welchem dieses Gotteshaus steht, den Gegenstand einer Beratung des Minister ratcs d ldere, und daß diese Aktion erst Sr. Majestät zur Enischeidurg vorg-legt werden mußte, welche allerdings in gürstigem Sinne erfolgt ist. Verehrte Festgenossen! Das Brudermahl, welches wir heute hier feiern, ist — wie Ihnen bereits der Herr Präsident der Chewra-Kadrscha au?geführt hat — eine Wiederholung der schönen Sitte aus früheren Zeiten, und da immer dort, wo Glaubensbrüder an einem Tische sich zusammen finden, neue Gedanken austauchen, welche dann auch ihre Verwirklichung finden, so war es oft auch bei den Versammlungen der Ch'.wra- Kadischa. Ich erinnere, daß bei einem solchen Brudermahle in den Fünfziger-Jahren der erste Festredner, unser unvergeßlicher Prediger Mannheimer, in tief in die Herzen dringendenden Worten die Notwendigkeit der Erwerbung eines neuen Friedhofes klar legte. Das war damals gar keine leichte Sache und sie ist es auch heute nicht, wenn es uns auch — wie Ihnen bekannt sein dürfte -— in den letzten Wochen gelungen ist, ein Grundstück für Friedhofszwecke zu erwarben. (Lebhafter Beifall.) Gelegentlich eines späteren Chewramahles im Jahre 1862 hat der uns unvergeßliche Josef von Wertheimer die Idee zur Gründung eines Vereines zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen lanciert, welche Idee auch sofort in die Tat umgesetzt wurde, und erst heute hatten wir Gelegenheit, die feierliche Schlußsteinlegung bei einem neuen Waisenhause vorzunehmen. Dank dieser Anregung Josef von Wertheimers ist die Wiener Kultusgemeinde heute in der Lage, etwa 1000 bis 1200 Waisenkindern teils in interner, zum Teile in der Außenpflege hilfreich zur Seite stehen. (Lebhafter Beifall.) Und wieder bei einem anderen Chewramahle — es war in dem Jahre 1863 — gab abermals Mannheimer seiner Meinung dahin Ausdruck, daß unser Krankenhaus dringend einer Erweiterung bedürfe und ein Neubau platzgreifen sollte. Das neu erweiterte Judenspital ist gebaut worden und in diesen Tagen ist eine abermalige Erweiterung dieses Krankenhauses unserer Gemeinde im Zug>. (Neuerlicher Beifall.) Und endlich ist — ich will nur noch dies eine erwähnen, um Sie nicht zu ermüden — bei einer festlichen Brudermahlzeit in dem Jahre 1873 wiederum von Josef Wertheimer die Mitteilung gemacht worden von der damals erfolgten Gründung der Israelitischen Allianz. Sie sehen also, meine hochverehrten Herren, daß solche Zusammenkünfte der Chewra-Kadischa stets neue Ideen wachriefen und wie diese Gedanken wirkliche Formen erhielten und in segensreiche Werke umgewandelt wurden. Das alles konnte aber erst in einer Zeit geschehen, wo die Geschichten, diese Quälereien und Beschränkungen, von welchen ich vorhin gesprochen habe, aufgehört haben, und wem verdanken wir es, daß alle diese Schikanen mit einem Schlage aus der Welt geschafft wurden und daß die Gleichberechtigung vor dem Gesetze in Wort und Tat durchgeführt wurde? Wir danken das alles dem herrlichen Manne, welcher an der Spitze dieses Reiches steht (die Versammlung erhebt sich von den Sitzen) unserem erhabenen Monarchen, und so bitte ich Sie, hochverehrte Versammlung, mit mir einzustimmen in dem Rufe: der oberste Schützer der Staatsgrundgesetze, durch welche uns volle Gleichberechtigung gewährt wurde, Seine Majestät Kaiser Franz Joseph der Erste er lebe hoch, hoch, hoch! (Die Versammlung bricht in ein begeistertes dreimaliges Hoch aus. Die Kapelle intoniert die Volkshymne, die von der Versammlung stehend mitgesungen wird.) Toast auf die Kultnsgemeinde und ihren Vorstand, gesprochen von Herrn Oberrabbiuer Dr. M. Güdemann. Wenn ich heute diesen Saal überschaue, dann führt mich meine Erinnerung vierzig Jahre zurück in denselben Saal und zu derselben festlichen Gelegenheit. Es war das erste Chewra- Mahl, dem ich in Wien beiwohnte. Ich war jung, und ein Hauch von Jugend belebte auch die Alten, die an jenem Mahl teilnahmen, denn ganz Oesterreich hatte sich verjüngt und das Bürgerministerium stand als Hort freiheitlicher Entwicklung an der Spitze der Regierung. Aber wie ganz anders haben sich die Dinge gestaltet, als wir vor 40 Jahren erhofften! Der Zeitraum von 40 Jahren hat für uns eine typische Bedeutung. Vierzig Jahre hat es gedauert, bis Israel aus der Wüste in das gelobte Land karn. In Oesterreich haben wir während der letzten 40 Jahre den umgekehrten Weg zurückgelegt. Unsere Gegner schwelgen allerdings in Milch und Honig. Gar manchen von ihnen hat die vorgespiegelte Sorge um den kleinen Mann zu einem großen Mann gemacht und es gibt unter ihnen nicht wenig Geheime Räte, deren Verdienste so geheim sind, daß man sie erraten muß. Die Juden hat man aber von der Grenze des gelobten Landes, an der sie vor 40 Jahren zu stehen glaubten, wieder zurückgedrängt und am liebsten möchte man uns wieder nach Egypten zurückdrängen. Es ist aber ganz gut, daß wir unser Chewra-Mahl nach Pessach abhalten. Das will bedeuten: wir lassen uns nicht mehr nach Egypten zurückdrängen. Wenn wir auch eine Minorität find, es lebt etwas in uns, wodurch wir schon mit mächtigeren Feinden fertig geworden sind, als den jetzigen. Das ist unsere Widerstandskraft. Ich habe diesen Winter das Drama „Glaube und Heimat" gesehen. Es ist ein mit Recht preisgekröntes Stück, aber das Sujet ist doch nur eine Kopie, und eine sehr schwache Kopie

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