Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021945--20147-3045170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite 273 Das Hrudermaffl der Wiener Chemra-Kadischa. 23. April 1911. Das Brudermahl der Chewra - Kadischa, das am Sonntag den 23. d. M. in den Prunkvollen Sophiensälen stattfand, vereinigte, wie alle ähnlichen Veranstaltungen dieses altehrwürdigen Vereines in früheren Jahren, den besten Teil der Wiener jüdischen Gesellschaft zu einem Mahle, das in allen seinen Details in herkömmlicher Weise glänzend verlief. Es war eine Reunion guter Menschen von Namen und Rang, von Menschen der verschiedensten Berufe, die zusammen kamen, um am weißen Tische ein Fest der jüdischen Solidarität im Wohltun zu begehen. Das geschmackvolle Arrangement des Saales, die diskrete Blumen- und Blattpflanzendekoration machte einen anheimelnden Eindruck, der auch dann nichts von seiner Intimität verlor, als der Saal in seiner ganzen Pracht erstrahlte und die 400 erschienenen Gaste ihre reservierten Plätze einnahmen. Die zwanglose und dennoch gehobene Festesstimmung, welche die Versammelten während des ganzen Abends beherrschte, entsprang der inneren Befriedigung darüber, daß die „Chewra-Kadischa" mit ihren alten geheiligten Traditionen nichts von ihrem alten guten Rufe als wahrhaft wohltätiger Verein,' aber auch nichts von ihrer Werbekraft unter den Juden der Hauptstadt eingebüßt hat. Man sah unter den Anwesenden gar manchen, den man sonst bei jüdischen Veranstaltungeu kaum zu sehen bekommt, und nicht gering war die Zahl derjenigen, die zu den jüngst geworbenen Mitgliedern des „Heiligen Brudervereines" zählen, aus dessen Mitte während seines Jahrhunderte alten Bestehens so viele herrliche Anregungen hervorgegangen und zum größten Teile auch allmählich verwirklicht wurden. Und Alle, die Festredner, wie die Zuhörer empfanden es als eine besondere Gnade der Vorsehung für das jüdische Volk, daß sie ihm stets Männer gesendet, die Herz und Sinn haben für die erhabene Idee, die der Ehewra-Kadischa zugrunde liegt, Männer, wie der gegenwärtige Präsident der Chewra, Salo Cohn, der, unermüdlich in seiner Opferwilligkeit, seinen Ehrgeiz darin erblickt, die Chewra-Kadischa in ihren Leistungen stets auf jenem Niveau zu erhalten, das dem großen Ansehen dieser Institution und dem, ach, so großen Kraukheitselend unter der armen, jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt entspricht. Das Brudermahl wurde mit dem vom Oberkautor kaiserlichen Rat Josef Singer rezitierten Segeusspruche eröffnet. Hierauf wurde dem vom Rcstaurateur L ö w y („Hotel d'Europe") beigestellten trefflichen Menu zugesprochen, das von Zeit zu Zeit durch ausgezeichnete Reden der offiziellen Toastredner eine besondere Würze erhielt. Den Wortlaut der mit Beifallsstürmen aufgenommenen Reden lassen wir weiter unten folgen. Die Tafelmusik besorgte die Kapelle U l l m a n n, die, dem Charakter des Abends entsprechend, hauptsächlich Piecen jiwischer Autoren in ihr Programm aufnahm und für das musterhafte Spiel wiederholt lebhaften Beifall erntete. Das Schlußgebet rezitierte Erster Kantor Schleifer, der es, wie stets verstand, den alten traditionell-jüdischen Nigun in stimmungsvoller Weise zum Ausdrucke zu bringen. Reicher Applaus war der wohlverdiente Lohn des Sängers. Und nun kam die xieee de resistance des Abends: Alfred Grünfeld erschien, stürmisch akklamiert, am Klavier und entzückte mit einigen seiner Glanzleistungen das Publikum und namentlich die zahlreichen Damen, welche die Logen besetzt hatten und so gewissermaßen einen lebenden Kranz um die Tafelrunde wanden. Nicht minder herzlich wurde der beliebte Cellist Professor Joseph S u l z e r begrüßt, dessen herrlicher Cellovortrag zu den schönsten Darbietungen des Abends gehört und durch die Klavierbegleitung G r ü n f e l d s zur vollen Geltung gelangte. Den Schlußakkord des Abends bildete ein kantoraler Vortrag des Oberkantors Majer S ch o r r, dem gleichfalls verdienter Beifall gezollt wurde. Erwähnt sei noch, daß die Festgäste je ein Prachtexemplar von Doktor W a ch st e i n s ausgezeichneter Arbeit : „Die Gründung der Wiener Chewra-Kadischa im Jahre 1763" und Doktor Grün walds treffliche Monographie: „Zur Familiengeschichte einiger Gründer der Wiener Chewra-Kadischa. Die Familie Arnstein", als ein vom Chewra-Präfidenten Salo Cohn gewidmetes Andenken an das Brudermahl erhielten. Oberkantor kais. Rat Singer widmete den Gästen ein von ihm verfaßtes humoristisches Gedicht: „Die Geschichte der Chewra-Kadischa von Abraham bis auf die heutige Zeit." Eröffnungsansprache des Präsidenten der Chewra-Kadischa, Herrn Salo Cohn. Hochverehrte Fe st Versammlung! Nach einer fünfjährigen Pause haben wir uns wieder zu einem Brudermahle hier vereinigt. In der langen Reihe ähnlicher Veranstaltungen, deren erste nachweisbare in Wien vor etwa 600 Jahren stattgefunden hat, ist es mir heute zum zweit'enmale vergönnt, in meiner Eigenschaft als Präsident dieser Chewra-Kadischa, Sie, meine Verehrten, in brüderlicher Weise auf das Herzlichste zu begrüßen. Besonders begrüße ich den hochverehrten Präsidenten unserer Kultusgemeinde Herrn Doktor Alfred Stern, ferner unseren hochgeschätzten Herrn Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann; eine ganz spezielle Freude bereitet mir aber die Anwesenheit des Seniors dieser illustren Gesellschaft, des Herrn Rabbiners Dr. Adolf S ch m i e d l (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Trotz seines hohen Alters — er stand unmittelbar nach der Feier seines 90. Geburtstages — hat er es sich nicht nehmen lassen, bei der letzten Trauerandacht der Chewra-Kadischa eine Ansprache zu halten. Heute nimmt er, die Beschwernisse des Alters überwindend, an unserer Festesfreude teil und beweist damit aufs neue, wie innig er mit der Chewra-Kadischa verwachsen ist. Sie werden gewiß mit mir übereinstimmen, wenn ich dem Wunsche Ausdruck gebe, daß der Allmächtige unseren verehrten Senior noch lange, lange bis an die äußerste Grenze des menschlichen Alters in geistiger und körperlicher Frische erhalte. (Lebhafter Beifall.) Meine verehrten Herren und Brüder! Ich habe mir erlaubt, Ihnen als persönliche Widmung zur Erinnerung an das heutige Fest eine Abhandlung aus der Feder des Herrn Doktor W a ch st e i n über das erste uns bekannte Statut der Chewra- Kadischa nebst einem Anhang über die Familiengeschichte eines der Gründer unserer Vereinigung von Herrn Rabbiner Doktor Grunwald zu überreichen. Unter den mannigfachen Betrachtungen, welche sich bei dem Lesen dieser Schrift ergeben, drängt sich ganz besonders die eine Tatsache auf, daß unsere Chewra-Kadischa entgegen den sonstigen Vereinsgründungen ihre Entstehung, beziehungsweise Wiederbelebung nicht etwa lebenserfahrenen in vorgerückteren Jahren stehenden Männern verdankt, sondern der tiefen Begeisterung von jungen Männern, von Jünglingen aus der besten Gesellschaft. Dieser Bund der Jugend ist dann allmählich über seine ursprünglichen Ziele und Zwecke hinausgewachsen, er wurde zu einer Bruderschaft, welche fast alle Mitglieder der Wiener Judenschaft umschlang. Uns, die