Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 270 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 17 Im Quaiviertel hat der Advokat Herr Dr. Hein seine Kandidatur aufgestellt. Ein anderes Programm als der Hofrat Dr. Kuranda, der den Bezirk bis jetzt zur Zuftiedenheit vertreten hat, vertritt der Dr. Hein nicht. Und noch ein dritter Kandidat erscheint auf dem Plan, um dem bisherigen Abgeordneten das Mandat streitig zu machen. Allein die Wähler hegen für Hofrat K u r a n d a nicht blos warme Sympathien, sondern auch Empfindungen der Dankbarkeit. Er hat sich als jüdischer Abgeordneter bewährt und durch seine Kenntnisse auch dem Gegner Achtung und Respekt eingeflötzt. In der Leopoldstadt wüten die „Sozialpolitiker" und der „Donauklub" gegen einander. Für den Christlich-Sozialen sehr erbaulich fliegen Beschuldigungen hin und her, ist die Erbitterung auf das Höchste gestiegen. Für den einen Teil der Leopoldstadt haben die Sozialdemokraten den Herrn Austerlitz kandidiert. Dieser Kandidat hat ebenfalls dem Judentume Valet gesagt. Vor einem nichtjüdischen Wahlkreis fürchtet er sich aber doch und so geht er trotz alldem über den Donaukanal hinüber. Die Juden werden ihm schon die Antwort geben, datz die Aufstellung eines Fahnenflüchtlings von ihnen als Beleidigung aufgefatzt wird. Herr Austerlitz ist ein Spezialist im Antisemiteln in der „Arbeiter-Zeitung". Es wäre wahrhaftig schöner von ihm gewesen, wenn er beim Kandidieren konsequent geblieben wäre. Nach der Wahl wird er wohl abseits vom Reichstage Gelegenheit haben, über den richtigen Gebrauch des Jubentums nachzudenken. So reihen sich bei den Wahlvorbereitungen der Freiheitlichen Angehörigkeiten und Unstimmigkeiten in Menge aneinander. Wir werden noch Gelegenheit haben, auf Falle aufmerksam zu machen, die schwere Fehler bedeuten. Aber es sollte nicht nötig sein, darüber zu reden, sondern die Vertrauensmänner der Wählerschaft sollten überall energisch sich gegen die Umtriebe gewisser Führer und Kandidaten verwahren, welche voll ungerechter Ueberhebung bei jeder Gelegenheit sich hervordrängen und ohne Rücksicht auf die Sache ihren persönlichen Vortell suchen. Vom Zabrmarkt des Lebens. VerzweifÄt nicht! (Lin Aufruf des Dumadeputierten L. N. Nisselowitsch.) Anläßlich des Pessachfestes erließ der Dumadeputierte Nisielowitsch den folgenden beachtenswerten Aufruf: „Mit diesem Aufruf wende ich mich an unsere verfolgten und unterdrückten Brüder und Schwestern zu einer Zeit, da sie ihre täglichen Sorgen mutig von sich streifen und sich trösten werden mit fröhlichen Gedanken unter dem erhabenen geistigen Einflüsse unseres nationalen Festes, des Pesiachfestes, zum Andenken an die Befreiung unserer Eltern von der geistigen und materiellen Knechtschaft im Lande der Pharaonen. Bezweifelt nicht! rufe ich Euch aus vollem Herzen zu, trotzdem wir in einer de traurigsten Epoche unsere Geschichte in Rußland leben! Verliert nicht den Mut! In de zweitausendjährigen Geschichte unseres Unglücks und unserer Verfolgungen finden sich noch düsterere Blätter als die jetzigen und wir sind dennoch ganz geblieben und nicht verschwanden vom Erdboden. Wir sind auch noch eine Macht und eine Kraft, gegen die unsere Feinde sich? gezwungen glauben, mit den unmöglichsten, wenn auch ungerechtfertigten Mitteln zu kämpfen. Aber nicht deshalb allein sage ich, sollt ihr nicht den Mut fallen lassen, sondern auch deshalb, weil selbst bei den gegenwärtig^ Bedingungen unserer traurigen Wirklichkeit Zeichen sichtbar sind, welche es andeuten, datz diese Zustande und düe grausamen Mittel, die gegen uns angewendet werden, nur vorübergehenden Charakter haben. Diese Mittel, die die jetzt sieghafte Reaktion anwendet, um unsere geistige und wirtschaftliche Rechtlosigkeit zu befestigen, werden in den gesetzlichen Institutionen, durch administrative Verordnung oder kurzerhand durch die Verwaltung durchgeführt. Aber beweist nicht gerade dieses System, datz die dritte Duma, obgleich sie sich nach Belieben biegen und wenden lätzt, dennoch ihre Zustimmung zu allen diesen Mitteln versagen würde? Dieser Umstand mutz uns meiner Meinung nach einen gewissen Trost bieten in unserem jetzigen großen Unglück. Ich persönlich habe die Ueberzeugung, datz die jetzige bittere und schwere Zeit für uns nicht lange dauern wird. Es werden sich natürlich Ueberlluge finden, die beweisen werden, datz ich die gegenwärtige Situation zu optimistisch beurteile, datz zu einem solchen Optimismus kein Grund vorhanden sei und datz man sich von jeder Sentimentalität befreien müsie u. dgl. Ich sage es aber offen heraus, datz mich all dieses Gerede der Pessimisten nicht irre machen kann, weil ich an der Meinung festhalte, datz ohne Glauben und ohne Hoffnung ein Arbeiten unmöglich ist und mein heutiger Aufruf richtet sich an alle diejenigen, die im öffentlichen jüdischen Leben tätig sind. Mn alle diejenigen, die noch vor kurzer Zeit mit solchem Feuereifer gearbeitet haben, jeder auf seinem Platze und heute, infolge der eingetretenen Reaktion, resigniert und müde sich zurückziehen von jeder gesellschaftlichen Arbeit, die ganze volle Verantwortlichkeit den zwei jüdischen Deputierten mit den Petersburger jüdischen Kreisen überlassend, ohne daran zu denken, datz selbst zur kleinsten Arbeit, wenn sie Erfolg haben soll, die Unterstützung der grotzen jüdischen Gesellschaft unerläßlich ist. Indem ich mich an Euch wende, wiederhole ich: verliert nicht den Mut, Brüder, und helfet uns arbeiten zum Nutzen und zum Glück für unser Volk. L. N. Nisielowitsch Deputierter der dritten Duma. Die Borgänge in Galizien. Die Nachrichten aus Galizien lauten überaus krisenhaft. Radikale Politiker, zionistische und halbzionistische Reichsratskandidaten, benützen die Erbitterung und Verzweiflung der jüdischen Massen, um sie zum Anschluß an die Ruthenen zu drängen; allein während unreife Wählerkreise, ohne Ahnung der mit einem solchen Verhalten verbundenen Gefahren, „enthusiasmiert" solchen Programmen zujubeln, haben die ruthenischen Bauern es unternommen, die Juden über die Folgen solcher „Bundesfreundschaft" aufzuklären. Aus Uhnow wird telegraphiert, daß in der ruthenischen Ortschaft Karow judenfeindliche Exzesse vorgekommen find, die, wie von Augenzeugen berichtet wird, einen ziemlich ernsten Charakter angenommen haben. In der genannten Ortschaft wohnen 1500 Ruthenen, 100 Polen und 47 Juden. Die jüdischen Häuser wurden von ruthenischen Bauern überfallen und die jüdischen Bewohner mißhandelt. Vier Juden find schwer verwundet. Die Gendarmeriemannschaft war nicht imstande, die Ruhe und Ordnung wiederherzustellen; es mußte daher aus Rava-Ruska eine Jnfanteriekompagnie requiriert werden. Auch hat sich im Aufträge der Statthalterei Hofrat Zimny dahin begeben und die Ruhe wurde wiederhergestellt. Ein nettes Präludium zum jüdisch-ruthenischen Wahlbündnis. Haarsträubende Erlebnisse jüdischer Emigranten. Unglaubliche Dinge haben zwei Gerichtsverhandlungen, die kürzlich jn Libau stattfanden, aufgedeckt. In dem einen Prozesse wurden 6 jüdische Emigranten angellagt, den Versuch gemacht zu haben, ohne Auslandspatz nach Amerika ausziyvandern. Im zweiten Prozesie