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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-04-21 · 16 (21.4.1911) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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■"fIF »''ITTiiM-* Sette 266 Dk. Vlochs Wochenschrift Nr. 16 nicht der stille Gelehrte Mendelssohn, wie die deutsche Literaturkritik lange meinte. So sehen wir diese bescheidene Jünglingsschar selbst oder ihre Väter und Söhne mit den größten Weltbegebenheiten verknüpft, während sich wenig in dem stillen Gang der Vereinsgeschäfte ändert, die leider undatiert sind. Aber siehe, plötzlich ändert sich alles in unserer Ehewra; das Protokoll, obwohl in hebräischen Lettern, wird deutsch: Kassiere, Beamte treten an die Stelle der Ehrenämter, besorgen die Sammelbüchse, die häufigen Mahle, die Besorgung der Begräbnisse hört auf, aus der gemütlichen Vereinigung ist ein wohlorganisiertes Wohltätigkeitsinstitut geworden. Kaiser Joseph des II. Toleranzpatent vom Jahre 1782 hat eben die Tore des Ghetto gesprengt, in alle Gassen von Altwien ziehen Juden, ein prächtiges Gotteshaus, ein Gemeindestatut macht die fromme Brüderschaft in ihrer alten Form unnötig. Aber aufrecht bleibt der Wohltätigkeitssinn, der, wie Fanny von Arnsteins etwas konfus und stilistisch schiefes Testament beweist, bald Juden und Christen mit gleicher Liebe umfaßt; und die edle Verwendung, welche Fanny von ihrem Strumpf, wie die Altwiener sagen, d. h. den heimlichen Ersparnissen ihres Haushaltungsgeldes macht, möge strengen Rigorosisten diese bei jüdischen und christlichen Wienerinnen gleichbeliebte Anlage verzeihen machen. Bei der Ehewra muß, den veränderten sozialen Verhältnissen entsprechend, dir Geldspende vielfach dort eintreten, wo früher der Reichs und Angesehene persönlich bei dem ärmsten Mitbrudrr zur Krankenpflege und Totenwache erschienen war, wie es in den böhmischen und mährischen Landstädten noch vielfach heute der Fall. > Die Form war zersprengt, der Geist der Brüderlichkeit. wie er vielfach nur im Ghetto erblühen konnte, war geblieben, und so wünschen wir der Ehewra, unserem ältesten jüdischen Verein, Gedeihen, in welche Formen sie auch der wandelnde Zeitgeist verändern mag. Es fragt sich, ob die heute datiert und in deutscher Sprache geführten Protokolle unserer jüdischen Vereine einstmal, in 150 Jahren, eine gleich liebevolle Würdigung finden werden. Zwar nimmt heute keine jüdische Frau mehr eine soziale Stellung ein, wie Fanny von Arnstein, in derem Hause Könige verkehrten und der die Kultusgemeinde im Jahre 1818 einen Trauergottesdienst veranstaltete, eine Ehrung, die erst kürzlich einer gleichfalls aus Berlin in Wien heimisch gewordenen Frau widerfahren ist., Aber doch würde die jüdische Frau des 20. Jahrhunderts, der alle geistige Anregungen offen stehen wie alle sozialen Vergnügungen, die aber trotzdem die verborgensten Schlupfwinkel des Großstadtelends persönlich aussucht, um dort Hilfe und Trost zu sprenden, auch ihr Lob dereinst verdienen. Von den Mitgliedern der Ehewra von 1762 blühen nur wenig Familien mehr, z. B. Weitzweiler: die meisten sind verschollen, viele sind im Christentum, ja in unseren Hochadel aufgegangen, wie Fanny v. Arnstein's Nachkommen, in deren Familienarchiv sich keine Erinnerung an diese einst weltberühmte Ahnin vorfänd. Viele dieser Familien haben, wie ich mich überzeugen konnte, nicht die leiseste Ahnung mehr, daß ihre Geschichte in das Wiener Ghetto zurückreicht. Unzerstörbar bleibt aber der vieltausendjährige Rassencharakter, der in neuen Formen neuem Leben sich anpaßt. Elotilde Benedikt. „Schwache Helden". Von Hugo Salus. Hugo Salus, der Prager Poet, hat sich sein eigenes Gebiet abgesteckt, das im Bereiche der deutschen Lyrik anerkannt und geachtet wird. Zumeist kennt ihn das Publikum als den Dichter der Familie; seine Verklärung der Liebeserfüllung in der Ehe, sein Gedichteband „Ehefrühling" ist in acht Auflagen verbreitet. Zahllose Menschen haben sein Glück mitempfunden, sich an dem reinen Duo einer Liebesehe erquickt und später, besonders als Salus sich immer häufiger in Prosa mitteilte, seine Sehnsucht nach dem Kinde, nach dem vollen Dr-iklang des Familienlebens kennen gelernt. Denn die Hoffnung seines Poetendaseins, die Verkörperung seiner Liebe, die Fortsetzung seiner Existenz in Fleisch und Blut zu erleben, war ihm lange versagt geblieben. „Wenn ich einen Knaben hätte," so beginnt eine seiner kleinen Prosaarbeiten, deren Sprache von heimlichen Versen klingt — Was wollte er nicht Alles dem Knaben sagen! Und immer wieder zieht ein Seufzer durch die Worte, ein schmerzhafter Refrain: „Wenn ich einen Knaben hätte." Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich das gelesen habe, der Titel ist mir längst entfallen, aber jahrelang, wenn mir der Name des Dichters vor Augen kam, stieg seine Klage in mir auf: „Wenn ich einen Knaben hätte." Nun ist das Verlangen gestillt, die Zukunft der Familie gefestigt und nun kehrt der Dichter in die Vergangenheit ein, er erzählt eine Liebesgeschichte aus jener Zeit, „Da der Großvater die Großmutter nahm", vielleicht sind auch die Eltern gemeint. Ein. Novellenband „Schwache Helden", der bei Egon Fleisch! u. Co. in Berlin erschienen ist, enthält ein Stück Familienchronik, so getreu und liebevoll erzählt, daß man an diesem Ausschnitt aus dem jüdischen Kleinstadtleben seine Freude haben kann. Es ist ein Aquarellbild, voll Porträtfiguren , prima vista angelegt und gerade deshalb voll Lebenswahrheit. Drollig — aber unkarikiert treten die jungen Leute vor uns hin, jedes Wort aufrichtig und ungeschminkt, die zarten Beziehungen voll humoristischer Streiflichter und dabei von Poesie durchwebt: „Eichauer Tanznovelle" heißt das Stück. „Die entstellte Dryade" nennt er die zweite Novelle des Buches, in der die L'ebe eines Bildhauers zur Witwe seines Freundes geschildert wird. Wie fich die junge Frau, Mutter zweier Kinder, seiner Werbung entwindet, weil sie sich doch zu alt fühlt, den jungen Künstler festzuhalten, das ist ein feines Stück Erzählerkunst, gut empfunden und reizvoll dargestellt. Auch die anderen Novellen „Der Uebersetzer", sowie „Das gewanderte Kreuz" werden vielen Lesern gefallen. Die letzte Erzählung hat mit dem jüdischen Leben nichts zu tun, wie es überhaupt falsch wäre, Salus in ein Schema einzuschachteln, er ist ein Künstler, ein Poet, der seine Stoffe nimmt, wo er sie findet. Aber er versteckt sich nicht, er verheimlicht nicht, wo sein Stamm wurzelt. Wenn er zu tiefst schürst, in die Wurzelfasern seines Stammes gerät, in die Erzgänge seines eigenen Wesens steigt, dann klingt's wie Edelmetall in den Glocken seiner Verse. Wohllaut ist die Eigenart der Verse von Salus. Da mag es wohl geschehen, daß man ob des Klanges manch tiefen Gedanken übersieht. Wer aber die folgenden Verse leise überliest, dann Satz um Satz in sich aufnimmt und womöglich das Ganze laut vor sich hersagt, dem entsteht nicht nur das ergreifende Bekenntnis des blonden Dichters, sondern das Bekenntnis aller vornehmen Juden, die längst im allgemeinen Menschheitsempfinden, in der Kunst oder in der Poesie ihre Erlösung gefunden haben und die dennoch die geheime Stimme des Blutes an den Zusammenhang mit den Armen und Gedrückten ihres Stammes mahnt. Dieses Gedicht wird wohl bald in einem neuen Buche den Dichters Aufnahme finden, vorher aber wird es — dessen sind wir sicher — aus diesen Blättern in manche große Versammlung hineinschreiten, ein aufrichtiges dankbares Vortragsstück voll Kraft und Wohlklang. A St.

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