Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 260 Dr. Wochs Wo chenschrift Nr 16 freiheitlich Gesinnten istnotwendig, und dürfen wir wohl die Hoffnung aussprschen, datz am Wahltage jeder fortschrittliche .Bürger seine Pflicht tun werde." Die jüd. Amgaugssprache vor dem Reichsgericht. Bei der letzten Volkszählung wurde mit einer vom Ministerium des Innern erlassenen Verordnung ausdrücklich verboten, in dem Volkszähluugsbogeu als Umgangssprache die jüdische Sprache anzugeben,, da diese Sprache in allen Kronlandern Oesterreichs nicht landesüblich sei. Zahlreiche Bewohner Galiziens und der Bukowina wurden, da sie trotz dieses Verbotes, Misch als Umgangssprache angegeben hatten, von den politischen Behörden mit Geldstrafen belegt. Gegen das Verbot, die erwähnte Sprache als Umgangssprache anzugeben, haben zahlreiche Bewohner in Galizien und Ln der Bukowina Beschwerden beim Reichsgerichte eingebracht. Ein großer Teil der Beschwerden, und zwar diejenigen, in denen die Verordnung an sich als mit dem Staatsgrundgesetz unvereinbar angefochten wurde, sind vom Reichsgericht bereits in nicht öffentlicher Sitzung als unzuläffig zurückgewiesen worden. Weitere Beschwerden, 22 an der Zahl, in denen nebst der Giltigkeit der Verordnung die Verfügung der Geldstrafen bekämpft wird, dürften in der nächsten Session des Reichsgerichtes zur Entscheidung gelangen. Jüdische AbgeordnM im ungarischen Parlament. Im ungarischen Parlamente sitzen 15 jüdische Abgeordnete, aber die Juden Ungarns fühlen ihre Tätigkeit nur selten und dann nur zu ihrem Nachteile. So z. B. beeilen sich diese jüdischen Abgeordneten, oder zumindest ein Teil derselben, so oft die Einwanderungsfrage im Parlamente zur Sprache kommt, zu versichern, datz auch sie gegen die Einwanderung galizischer und russischer Juden seien, wobei mitunter auch manche Ausdrücke gebraucht werden, die wir sonst nur von unverfälscht antisemitischer Seite gewohnt sind. Diese unbegreifliche Haltung der jüdischen Abgeordneten hat nun endlich auch die offiziellen Kreise der ungarischen Iudenschaft irritiert und der Generalsekretär der Vudapester Neologengemeinde Dr. Julius Weisburg gibt auch dieser Mitzstimmung in der jüngsten Nummer seiner Monatshefte in folgender Weise kräftigen Ausdruck: „Es ist unmöglich, zu verschweigen, datz Schamröte das Gesicht jedes warmfühlenden vaterländischen Juden bedeckt, wenn er bedenkt, datz in keinem einzigen Lande sich die Judenschaft so sehr erniedrigt hat, um ^er herrschenden Macht hilfreich die Hand zu bieten, damit sie verfolgten Juden die Tür weise, wie dies die vaterländische Judenheit getan. Auch die französischen Juden sind vom Zustrom der russischen und polnischen Juden nicht entzückt. Die englischen Juden leiden ebenfalls unter 'dem Vorwurfe, datz ihre einwandernden Glaubensgenossen die Ursache vieler Uebelstände seien. Die amerikanischen Juden sehen mit eigenen Augen die Nachteile der riesigen dauernden jüdischen Einwanderung für die bereits dort befindlichen. Aber alle haben sie so viel Menschlichkeit, Erbarmen, Glaubens- und Stammesliebe, um die Nachteile zu erdulden, sie kämpfen sogar dafür, datz das freie Ansiedlungsrecht keinen Abbruch erleide, damit ihren zugrunde gegangenen Glaubensgenossen wenigstens die eine Zuflucht bleibe, sich ein neues Vaterland suchen zu können. Dies gereicht ja auch dem neuen Vaterlande nicht zum Nachteile, und nach Ablauf von 10 ober, 20 Jahren werden die Neuangekommenen zu Säulen der nationalen Vermehrung. Nur manche Persönlichkeiten der ungarischen Juden - schaft begehen den Verrat, gegen ihre Mitmenschen, Glaubensgenossen und Brüder, indem sie, um mit ihrem Patriotismus zu prahlen, das Geschrei der wütendsten Judenfeinde übertönen, mit welchem sie jeden verfolgten armen Juden von der Grenze zurückscheuchen wollen." Erzherzog Friedrich's Spende zugunsten eines Sanatoriums für Talmudgelehrte'. Aus Pistyan wird geschrieben: Seit mehreren Jahren existiert hier eine Volksküche für arme jüdische Kurbedürftige. Da jedoch verschämte arme Talmudgelehrte und Rabbiner aus kleineren Gemeinden, die nach Pistyan zur Kur kommen, diese Volksküchen nicht besuchen wollen, plant der dortige Rabbiner die Errichtung eines jüdischen Kürhospitales, .in welchem während der ganzen Vadesaison 60—80 arme Talmudgelehrte und Angestellte jüdischer Gemeinden für einen vierwöchentlichen Kurbesuch gegen mätzige Bezahlung Aufnahme finden sollen, um daselbst mit vollständiger Verpflegung, Bädern, ärztlicher Hilfe und allem Nötigen versehen zu werden. Der Rabbiner hat nun vor kurzem ein Gesuch um Unterstützung dieses Planes an Erzherzog Friedrich gerichtet, und schon 8 Tage später kam vom Obersthofmeister des Erzherzogs die folgende Antwort: „An seine Hochwürden Herrn Oberrabbiner Koloman Weber, P i st y a n. Auf Ihre Eingabe vom 31. März l. I. habe ich die Ehre, Euer Hochwürden achtungsvoll zu verständigen, datz Seine kais. und königl. Hoheit Erzherzog Friedrich, zu der zugunsten des von Euer Hochwürden in Pistyan zu gründenden Spitales veranstalteten Sammlung eine Spende von K 300.— beizutragen geruht hat. Wien, den 8. Avril 1911. Graf K. O u e n t i n. m. p.. Generalleutnant." Unter dem Eindrücke dieser raschen und günstigen Erledigung des Gesuches durch den Erzherzog halber Vorsteher der Pistyaner orthodoxen Gemeinde die Ueberlassung eines entsprechenden Grundstückes seitens der Gemeinde in sichere Aussicht gestellt, wodurch der schöne Plan des Rabbiners in seiner Ausführung um ein grotzes Stück vorwärts gekommen ist. Prag. (Jubiläums-Festfeier.) Der Nächstenliebe-Verein für verschämte israelitische Hausarme in Prag begeht anläßlich der 70jährigen Wiederkehr des Tages, an welchem seine Gründung stattfand, eine Jubiläums-Festfeier. Dieselbe wird eingeleitet durch einen Festgottesdienst, welcher Sonntag den 23. April im israelitischen Tempel Geistgasse stattfindet, wobei der Rabbiner und Prediger der Tempelgemeinde Se. Ehrwürden Herr Doktor Schwarz die Festpredigt halten wird; anschließend an dieselbe wird eine Andacht für die Gründer, Stifter, Wohltäter und Verwalter des Vereins verrichtet werden. Psalmgesänge und das vom verstärkten Tempckchore neu einstudierte große Halleluja unter Leitung des Chordirigenten Herrn Kaufmann beschließen den Festgottesdienst. — Sonntag den 23. April, Nachmittag 4 Uhr, findet im großen Sitzungssaale des Altstädter Rathauses, in welchem bisher stets die Generalversammlungen stattfanden, eine Festsitzung und zugleich die 70. ordentliche Generalversammlung statt. Vor der Erledigung des festgesetzten Programmes wird der Direktordes Vereines Herr JUDr. Lüd. Bendiener die Festrede halten. Zu dieser Festsitzung haben sowohl die dem Vereine angehörenden Damen wie auch von Vereinsmitgliedern eingeführte Gäste Zutritt. Die aus Anlaß des 70 jährigen Bestandes des Vereines erscheinende Jubiläums - Festausgabe gelangt hiebei zur Verteilung. Aus dem uns vorliegenden, 112 Seiten umfaffenden Bericht entnehmenwir ein übersichtliches Bild von der 70jährigen Tätigkeit, sowie von der großzügigen Wirksamkeit des Vereines. Jährlich wurden bar K 30.000 bis K 35.000 in den letzten 20 Jahren an Unterstützungen verausgabt. In dem Zeitraum von 70 Jahren wurden der Wohltätigkeit K 1,172.054 68 bar zugeführt und anläßlich der Überschwemmung im Jahre 1890 außerdem an 292 notleidende Familien Kleidungsstücke,