Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sette 241 Rr. 15 Dr. Vlochs Wochenschrift wie der Rattenfänger die Kinder zu Hammeln, eines nach dem anderen an sich zu locken und rettungslos in ihre Falle und Netze zu bringen? Die geriebenen Leute haben ihren Trick allerdings schlau genug ausgespielt. Als die sehr bedeutenden Summen, welche die Eintrittsgelder der in dem Altenhaus Aufnahme suchenden Personen und die im großen Stile betriebene Schnorrerei im Auslande einbrachten . und welche nach einer gemeinsamen „enteute cordiale“ regelmäßig in den Taschen der Anstaltsleiter verschwanden, ohne daß die Insassen des Altenhauses, zu deren Besten das Geld zu verwenden war. nennenswerten Nutzen daraus gezogen hätten, nicht mehr ausreichen wollten, um das luxuriös sich gestaltende Leben der Herren „Vorsteher" und ihrer weitverzweigten Familien zu befriedigen, mußten sich die Herrschaften notgedrungen um andere „Hilfsquellen" Umsehen, wenn sie das Leben auf großem Fuße weiter führen wollten. - - Nach einigem Hin- und Herüberlegen verfielen sie dann schließlich in ihrer Verlegenheit auf ein Mittel, welches ihnen bei dem ungewöhnlichen Vertrauen, dessen sie sich bei dem leichtgläubigen Jerusalemer Publikum zu erfreuen, hatten, auch tatsächlich gliickce. die neuen Einnahmsquellen bildeten in der Druckerei von Frumkin nach Art von Banknoten hergestellte, von Frumkin, Ben Tauwim, Pines und Winograd Unterzeichnete und darauf ohne gesetzlich verlangte Stempelwarken in Umlauf gesetzte Wechsel, für deren Kauf bis zu 12 und 15 Prozent versprochen wurden und welche darum namentlich unter kleinen Kaufleuten, Handwerkern, Arbeitern und solchen Personen, welche ihre geringen Ersparnisse und Vermögensbesiände recht gewinnbringend anlegen wollten. Jahre lang reißenden Absatz fanden. So kommt es, daß jetzt, nachdem die sauberen Herrn sich als insolvent erklärt haben, tatsächlich fast das ganze jüdische Jerusalem, in welchem man ja die „reichen Leute" leicht an den Fingern herzählen kann, in ein Meer von Tränen, Elend, Jammer und Not versenkt ist und . eine ganze Anzahl von armen Familien und Personen, alte, schwächliche und gebrechliche Leute, Witwen und Waisen tatsächlich und im vollsten Sinne des Wortes dem Hungertode überliefert sind. Der Krach kam zum Ausbruch, als einem Familienvater, welcher durch seine Vertrauensseligkeit um sein Haus und allseine Habe gebracht worden ist, der Geduldsaden geriffen und er als türkischer Staatsangehöriger bei der türkischen Gerichtsbehörde Protest und Klage erhoben hat und gerichtliches Einschreiten gegen die Leute beantragte. Die unmittelbare Folge dieses Vorgehens des jüdisch-türkischen Mannes war, daß gegen Krumkin. welcher auch türkischer- Staatsangehöriger ist, während seine übrigen Komplizen das russische Bürgerrecht besitzen, wegen betrügerischen Bankerott? und Herstellung und Zirkulation unerlaubter Wechsel von dem türkischen Staatsanwalt ein Haftbefehl erlassen und derselbe daräüWn am Abend des 22. März polizeilich festgenommen und in das Jerusalemer Staatsgefängnis in schwere Haft gebracht wurde. Nun mehren sich weitere böse Enthüllungen. Wie näml'ch Ihr Korrespondent aus Anlaß , der Verhaftung Frumkins von Herrn Hotelier Alter Lasinsky in Jerusalem erfahren hat und wie es ein von diesem Herrn verfaßter und von einer Anzahl russischer jüdischer Einwanderer Mitunterzeichneter, dem Korrespondenten im gedruckten Text vorgelegter . Artikel in Nummer 66 der hebräischen Zeitschrift „Hamelith" vom 7, September 1833 beweist, hat Herr Frumkin mit seinen Komplizen in dem genannten Jahre eine ganze Anzahl aus Anlaß der ersten russischen Pogrome in die Türkei und nach Palästina geflüchteter und geretteter Juden der türkischen Regierung als politisch verdächtig und gefährlich denunziert und ihre Festnahme und Einsperrung an dem Orte veranlaßt, wo jetzt Herr Frumkin selbst hinter Schloß und Riegel sitzt, bis sich — man höre und staune — der russische Konsul ins Mittel legte und die unschuldigen Opfer wieder in Fr-iheit setzte und ihren armen verlassenen und dem Hungertode geweihten Familien wieder - den Ernährer zurückgab. Die Gründe seines damaligen Vorgehens hängen sehr enge mit den Tatsachen zusammen, die jetzt zu dem allgemeinen Zusammenbruche in Jerusalem und der strafrechtlichen Verfolgung geführt haben. Frumkin und „Konsorten" verteilten nämlich außer den Summen, welche sie für ihre verschiedenen „Wohltätigkeitsanstalten" zusammenschnorrten auch stets die Eingänge der Ebalukah unter sich und sie suchten durch ihre Verdächtigungen bei der türkischen Regierung der jüdischen Einwanderung in Palästina auf alle, nur denkbare Weise den Weg zu verlegen. Auf Grund des angeführten, vor nunmehr bald 30 Jahren erschienenen Artikels im „Hamelith" steht es fest, daß die Juden den viel besprachenen und viel kritisierten, als eine öffentliche, rechtlose, religiöse und nationale Beschimpfung empfundenen „roten Zettel", welcher nicht bloß den russischen, sondern allen Juden die Landung und den Aufenthalt in Palästina in so lästiger und persönlich herabwürdigender Weise erschwert, niemand anderem zu danken haben, als gerade diesem Herrn Frumkin. Herr Frumkin und Genossen waren auch; wie die hebräische Jerusalemer Zeikung „Hacheruth" in. einem längeren Artikel unter dem Datum des 29. März nachweist, gerade diejenigen, welche den neueren jüdischen Kolonisations- Unternehmungen und Kulturbestrebungen unter stetiger Vorschützung religiöser Bedenken den. größten Widerstand entgegengesetzt und die s hwerften Hindernisse bereitet haben, wie sie denn auch im v rflossenen ^Schmittah-Jahr-. durch den auf die landwirtschaftlichen Produkte der jüdischen palästinensischen Kolonien gelegten Cherem den dadurch hart hart betroffenen Kolonisten die empfindlichsten finanziellen Schädigungen zngefügt haben. Frumkin hat mächtige Protektoren, die sich viele Mühe geben, ibn gegen bobe Kaution aus der Haft zu befreien. - .'Jn^seiner Nummer vom 29. März klagt H-rr Ben Jehuda, daß die türkische Regierung bis jetzt nur allein gegen Frumkin vorgegangen sei. während dessen nicht türkische Komplizen Ben Tauwim, Pines und Winograd auf freiem Fuße und ungeschoren bleiben, und er glaubt deswegen den Juden plausibel machen zu können, wie bedenklich und gefährlich es daher für sie sei, das ottomanische Bürgerrecht anzunehmen (!). Herr Ben Jebuda befindet stch aber in einem großen Irrtum, wenn er glaubt, daß die türk iche Rmierunq nur allein Frumkin ihre eifrige „Aufmerksamkeit" zuw-nde und daß die Genoffen Frumkins du^ch ihre nicht ottomanische Staatsonrehö'-iakeit vor jeder Behelligung und Strafverfolgung sicher seien. Obwohl die Kapitulationen und Reservatrechte der verschiedenen europäischen Staaten in der Tü-kei dem Buchstaben nach noch in K^aft stehen, kehren sich die Türken seit der Einführung der neuen V rfaffung. wie gerade in Jerusalem hiefür schon vielfache Beispiele vorliegen, de facto bereits sehr wenig daran und haben es daher trotz allen Protestes der betreffenden ausländischen Konsuln schon wiederholt durchgesetzt, Personen fremder Staatsangehörigkeit, welche sich auf dem Boden der Türkei eines strafbaren Vergehens schuldig gemacht, dem Verfahren und Urteil der türkischen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen. ' Ben Tauwim, schlauer als sein Schickialsgenoffe Frumkin. hat Zeit gefunden das Weite zu suchen und ist nach Eoyvten entflohen. Pines liegt schon längere Zeit krank in dem ebenfalls „Exterritorialität" genießenden deutsch-jüdischen Hospital „Schaare Z'dek", welches aber von außen unter polizeilicher Bewachung steht. Was schließlich den ..Rabbiner" Winograd betrifft, so darf man sagen, daß dieser ohne Zweifel bis jetzt noch „dasbeste Teil erwählt hat", weil er sich, im lobenswerten Gegensatz zu dem Kleeblatt ds jüdischen Altenheims, Vorstellungen und Vorschlägen, welche ibm für d'e Reorganisation der Verwaltung und Leitung der Talmud-Thoraschule .Thorat Cbaim" von seiten des jüdischen Beth Din und eines aus Jerusalemer Rabbinatsnnd Laienkreisen gebildeten Komitees gemaci t wurden, gleich zugänglich und nachaiebia gezeigt hat. Als nämlich die ersten, noch unbestimmten dunklen Gerüchte von dem mißlichen Stand der Dinge in WinogradS Sckule und dem „Jüdischen Altenheim" eine immer greifbarere Gestalt annabmen. machte ein ad hoc gebildetes Komitee sowohl dem Vorstand des „Jüdischen Altenheims" als der Jeichibah „Tborat Chaim" den Vorschlag, augenblicklich von der Leitu» g zu demissionieren und dieselbe anderen Händen anzuvertrauen, welchsich stark genug erklärten, durch Einführung von Reformen und Ersparnissen, sowie Aufsuchen von neuen Hilfsquellen das drohende Verhängnis aufzuhalten und entstandenen Schaden zu ersetzen Die Vorsteher des „Altenheims" Frumkin, Ben Tauwim und Pines wollten aber von einem solchen sehr gelegenen Vorschlag nichts wissen und unter keinen Umständen das Heft aus der Hand geben. W'nograd hat auch von Anfang an jede sich bietende Gelegenheit, jeden ibm. dargereichten Strohhalm hastig ergriffen, um sich, womöglich m't heiler Ha st, so gut es eben gehen mochte, aus der gefährlichen Klemme zu ziehen. So hat sich denn jetzt für die Talmud- Thoraschule Winograds ein neues Komitee gebildet, welches durch Beschneidung des jährlichen Budgets, Verminderung der Lehrer- und Beamtengehälter und namentlich durch die in Aussicht gestellte Unterstützung eines reichen alchkenastschen Jerusalemer Juden, nam-ns Rand, glaubt in der Lage zu sein, die auf der Anstalt lastende, hohe Schuldenlast nach und nach zu tilgen. So wünschenswert und erfreulich es nun aber an und für sich auch ist. daß man Schritte unternimmt, um den armen getäuschten, betrogenen und beraubten Opfern die schm-rzlich-n Verluste wieder zu ersetzen, so hoffen wir, daß man diesmal doch h-erbei nicht stehen bleiben wird, sondern sich auf der ganzen Welt, wo Juden wohnen, jetzt endlich einmal zu einer gründlichen und entscheidenden gemeinsamen Aktion aufraffen wird, um den verpestenden Jeruialemer Augiasstall ein für allemal durchgreifend zu säubern. Was vor allen Dingen verlangt werden muß und was in erster Linie nottut, worauf auch der Korrespondent mit andern Eingeweihten und Sachverständigen schon zu wiederholten Malen hingewiesen bat. ist die Einsicht, daß für die Wiederholung eines derartigen Ruins so lange keine Gewähr geboten ist, als die jüdische Wobltätiakeit fortfährt, ganz wahllos, planlos und ziellos ihre G a b e n n a ch I e r us a l e m z u s e n d en un d als nicht aus Repräsentanten der Hauptländer der jüdischen Diaspora hier au Ort und Stelle ein nicht aus Rabbinern, sondern praktischen, erfahrenen und besoldeten weltlichen Beamten bestehendes Geschäftsbureau eröffnet wird, dessen finanzieller Kontrolle alle Jerusalemer und palästinensischen von der allgemeinen Wohltätigkeit unterhaltenen An st alten und Institutionen dauernd unter st ellt werden müssen. Das Verlangen nach einem solchen „Aufsichtsrat" gibt sich auch schon in dem jetzt stark erwachten Bestreben kund, die ganze jüdische Gemeinde in Jerusalem ohne Rücksicht auf nattonale und religiöse Unterschiede zu vereinigen und mit allen wahlfähigen Stimmen stch durch angesehene und vertrauen swittdige Männer eine Vertretung zu geben, welche durch eigene Initiative und ständige Kontrolle in allen Gemeindeangelegenheiten nach dem Rechte zu sehen