Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 939 'Nr. 15 Dr. WHHs Haben mit dieser Begründung sich von der mkernationateN Konferenz tn Algecrras khre Rechte bestätigen und erweitern lassen. Natürlich ist Sentimentalität in der 'Politik, wie immer, eine Komödie. Die beiden Mächte kommen dem bedrohten Sultan nicht etwa zu Hilfe um seine, sondern nur um ihre Rechte zu schützen. Sie fürchten sich vor einem Nachfolger, der weniger EntgegenkommenfürihreJnteressenhätten. JhreTruppen kämpfen auch nicht für die Zivilisation, sondern für das schöne Geld, das die französischen und spanischen Staatskassen und Banken in das Land hineingesteckt hüben und nun nicht verlieren wollen. Sie fechten für Landstreifen und Konzessionen. Aber wenn ein bißchen Recht in diese kriegerische Kolönialpolitik, ein bißchen Idealismus in die mit schönen Phrasen geschmückte Heuchelei kommen wollte, so wäre wohl ein Einschreiten zu gunsten der Juden selbstverständlich. Europa sieht wieder einmal ruhig zu, wie eine Viertelmillion fleißiger armer Menschen erbarmungslos malträtiert wird, bloß weil sie Juden sind. Ein ganzer Volksstamm in einem Lande liegt auf der Folterbank, aber man hat noch von keinem Worte gehört, das die Konsuln der europäischen Mächte zu seinem Schutz in Fez gesprochen haben. Wie laut wären sie doch geworden, wenn nicht die Juden, sondern die Anleihen in Gefahr gekommen wären! Von Spanien ist wohl kein Einschreiten zu erwarten. In diesem Lande sind die reaktionären Mächte noch so stark, daß sie bei der Debatte über die Revision des Ferrerprozesses den verdienstvollen Ministerpräsidenten Canalejas beinahe das politische Leben gekostet hätte. Aber die Franzosen behaupten ja immer, die grand nation der Kultur und Zivilisation zu sein. Ihre Mission wäre es vor allem, das furchtbare Los der marokkanischen Juden zu erleichtern. Der Sultan hat sich immer in ihren Händen befunden und sie werden ihnnoch fester halten, wenn er ihnen seinen Thron zu verdanken hat. Sie werden fast seiner Zustimmung nicht bedürfen für Gesetze, welche den Juden Menschenrechte geben. Nichts anderes ist zu erreichen als Worte, als eine Urkunde, ein Toleranzpatent für Afrika. Die französische Regierung brauchte bloß zu wollen und es wäre schon geschehen. Es ist anläßlich der Konferenz in Algeciras von den großen jüdischen Zentralstellen versucht worden, in diesem Sinne zu wirken. Der Erfolg war bis jetzt gering. Nun geben die Ereignisse aber erneuten Anlaß, M bas Gewissen Europas, vor allem an die Kultur Frankreichs im Namen eines unmenschlich gequälten Stammes einen dringenden Appell zu richten. Vom Aabrmarkt des Lebens. Paul Singer Md Fritz Austerlitz. (Zur Reichsratswahl in der Leopoldstadt.) Die sozialdemokratische Partei in Oesterreich, welche bei den letzten Reichsratswahlen von so vielem unverdientem Glück begünstigt war, hat seitdem viele Fehler gemacht, die ihre Chancen für den bevorstehenden Wahlkampf sehr geschmälert haben. Nun aber ist sie im Begriffe, eine sehr große Torheit zu begehM: sie beabsichtigt nichts geringeres, als den jüdischen Renegaten Fritz Austerlitz der jüdischen Wählerschaft der Leopoldstadt als Reichsratskandidaten zu präsentieren. Gerade Fritz Austerlitz für die Juden der Leopoldstadt! Nachdem die Gemeinderatswähler des ersten Wahllörpers der Inneren Stadt die Kandidaturen der Herren Dr. von Fürth und Dr. Wilhelm Neumann mit solcher Vehemenz zurückgewiesen haben, was die „Arbeiter-Zeitung" schon damals nicht undeutlich getadelt hat, unternimmt ihr Chefredakteur, Herr Fritz Austerlitz den Versuch, einen Nachweis zu erbringen, daß für die jüdischen Wähler der Leopoldstadt der Verrat am Judentum kein Makel ist. Herr Fritz Austerkitz will dcn Renegaten für jüdische Wähler wieder tandidaturfähig machen. Allein wir glauben zuversichtlich, daß die sozialdemokratische Parteileitung sich einer schweren Täuschung hingibt. Soviel Ehrgefühl besitzt noch der letzte Jude und soviel Gewisjsrn schlägt noch in der Brust jedes jüdischen Wählers, um vor dem Gedanken zurückzuschaudern, einem treulosen Fahnenflüchtling, einem Renegaten, die Stimme zu geben und die Fahnenflucht und den Volksverrat durch die Abstimmung vor Gott und der Welt zu sanktionieren. Auch nicht in der engeren Wahl, selbst auf die Gefahr hin. daß ein Antisemit gewählt würde. Zur sozialdemokratischen Parteiüberzeugung gehört das Renegatentum nicht. Wir berufen uns auf das Beispiel des verstorbenen Sozialistenführers Paul Singer in Berlin. Wie von allen Seiten erst vor wenigen Wochen rühmend hervorgehoben worden ist, ist der verstorbene Führer der deutschen Sozialdemokratie, Abg. Paul Singer, der von vielen Tausenden zu Grabe geleitet wurde, als Jude gestorben. Er war und blleb Mitglied der Berliner jüdischen Kultusgemeinde. Interessant ist in dieser Hinsicht die Bemerkung des Abg. Fischer, der in der offiziellen Leichenrede sagte: „Er wurde geschmäht, weil er Jude und Millionär war! Wenn aber Singer treu zum Glauben seiner Väter und zu seiner Gemeinde hielt, so ist das ein weiterer Beweis seines moralischen Mutes, seines Widerwillens gegen feige Kompromisse. Und die 'Behauptung, er, der Millionär, habe seinen Einfluß bei den Arbeitern mit seinem Gelde erkauft, ist nichts weiter als eine niederträchtige Verleumdung. Hier am offenen Grabe dürfen wir es sagen, selbstloser hat Keiner von uns der Partei gedient als er." Die Feigheit und Ehrlosigkeit des Renegatentums ist nur in dem österreichischen Zweig der Sozialdemokratie heimisch.; Die Herren von der „Arbeiter-Zeitung" sind nun wohl der Meinung, daß das österreichische Judentum, soweit es der Sozialdemokratie zuneigt, charakterlos und entnervt genug ist, um sich die Kandidatur eines Renegaten gefallen zu lassen. Wir hoffen zuversichtlich, daß Herr Fritz Austerlitz sich in einem schweren Irrtum befindet. Schädigung des Rechtsgedankens durch die Renegaten. Das verderbliche Treiben der weitaus meisten Renegaten, ihre moralische Minderwertigkeit hat erst in den letzten Tagen Herr Landtagsabgeordneter Cohn-Dessau in einem Berliner Bortrage, den er über das Renegatentum in einer Versammlung des Zentralvereins gehalten hat, treffend dargelegt. Seine Darlegungen find die beste Rechtfertigung unseres Vorgehens. Es gibt, so führte er aus, Leute, die da sagen, viele Christen glaubten auch nicht an die Dogmen, das Christentumckei die Religion der Gebildeten. Aber einmal gibt es keine Religion -rött Gebildeten, sondern höchstens eine Philosophie der Gebildeten, fodann aber, nur wer im Chris.entum geboren ist, darf sich seinen Glauben zurechtlegen, wie er will; der Jude, der zum Christentum Übertritt, kann nicht zum undogmatischen, zum abgeschwächten Christentum übertreten; ein liberales Christentum gibt es nur für geborene Christen, aber nicht für Jude». Auch das Argument manches Täuflings, daß ihm die Religion überhaupt gleichgiltig sei, er könnte jede anuehmen, ist nicht stichhältig; allenfalls darf er dann Dissident werden, aber niemals einen anderen positiven Glauben annehmen. Hunger und Liebe als Motiv der Taufe seien nicht stichhaltig, wenn man sie auch begreifen mag. In beiden Fällen fei es ein Zeichen der Schwäche. Wer aber aus Eitelkeit und Ehrgeiz Übertritt, der begeht schon eine offene Unanständigkeit. „Wer sich taufen läßt, um Professor, um Reserveoffizier zu werden, der hat bewiesen, daß ihm der ehrenhafte Charakter fehlt." „Der Gewinn durch die Taufe ist und bleibt ein Diebstahl", wenn er auch juristisch als solcher nicht beachtet werden kann. Redner wendet sich dann gegen die Kiadertaufen, in denen er den „Ausdruck größter Feigheit" erblickt. Der Vortragende appelliert an den praktischen Sinn unterer Glaubensgemeinschaft und zeigt an einem Beispiel, welche auch praktifchwirt» schaftliche Bedeutung die Taufseuche habe. Der Staat würde Juden