Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sri» 226 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 14 bürg führen als Grund des Judeuschutzes an: sie seien nützliche Bürger und dem gemeinen Manne unentbehrlich; denn die Einzeldarlehen, welche sie gewahrten, stellten sich durchaus nicht nur als eine Ausbeutung der Notlage dar. „Wenn sie aber als Kapitalistenklasse auf die Schuldnerklasien der Bevölkerung einen Druck auSübten und sich dem Hasse und der Verfolgung aussetzten, so teilen sie dieses Schicksal mit allen Kapitalistenklaflen älterer und neuerer Zeiten. Zugleich wird ihnen aber das gleiche Verdienst wie diesen zugesprochen werden dürfen. Sie haben das wirtschaftliche Leben des Staates und der Einzelnen befruchtet und vor Verknöcherung bewahrt. Sie haben mitgeholfen, die Zeit der reinen Geldwirtschaft vorzubereiten. Sie haben den staatlichen Gewalten durch Gewährung von Kredit unschätzbare Dienste geleistet und stellenweise die Konsolidierung der territorialen Selbständigkeit vorbereitet." Es wird wohl keinem in den Sinn kommen, die Verfehlungen der Juden auf diesem Gebiete verschweigen zu wollen. Warum sollten denn sie allein menschlichen Schwächen nicht unterworfen gewesen sein? Aber was sie etwa an Unredlichkeit und Ausbeutung der Notlage gefehtt haben, dafür haben sie, wie Hoffmann treffend bemerkt, durch die Verfolgungen, den Haß und die Verachtung der Volksmenge mehr als verdient gelitten. Ein Lohn ist ihnen nicht geworden. Denn arm und gedrückt sind die Juden aus dem Mittelalter in die neuere Zeit eingetreten. Das Mittelalter aber dauerte für sie bis ins neunzehnte Jahrhundert und auch noch während dieses vermochte man sich in weiten Kreisen noch immer nicht zu einem gerechten Urteile emporzuschwingen und das Maß von Schuld und Unschuld gerecht zu verteilen. Nur die wahrheitsgetrene, objektive, historische Forschung wird auch hier Wandel schaffen und Licht wie Schatten gerecht verteilen. Einen bemerkenswerten Fortschritt nach dieser Richtung hin bedeutet Hoffmann's Monographie, und darin möchte wohl eines ihrer vornehmsten Verdienste zu erb'icken sein. Korrespondenzen Die österreichisch-ungarische Eskader in Salonique. Anläßlich der Festlichkeiten, welche zu Ehren der unter dem Kommando des Kontreadmirals von Kunsti stehenden österreichisch-ungar. Eskader in Salonique veranstaltet wurden, haben auch die Saloniquer Juden eine hervorragende Rolle gespielt. Besonders an den zu Ehren der Gaste veranstalteten sportlichen Vorführungen haben die,Saloniquer jüdischen Turnvereine und die Sportsektion der Association des Anciens Eleves de l'Alliance Jsraelihe Universelle hervorragenden Anteil genommen. Die letztere Gruppe hatte sogar mit den Offizieren der Eskader einen Footballmatch arrangiert, in welchem großartige Leistungen der jüdischen Sektion großen Beifall errangen. Auch bei dem Bankett, das der Kontreadmiral auf dem Schiffe Maria Theresia gab, waren sämtliche jüdische Honoratioren der Stadt geladen. Ein toleranter Bischof. Die Zeitungen brachten dieser Tage die Nachricht vom Ableben des Neutraer Bischofs B e n d a. Seine frühere Residenz war Neusohl. Da ereignete es sich, daß in dieser Stadt gerade jenes Haus, an dessen Front für die Frohnleichvamszeremonie seit undenklicher Zeit der Altar errichtet worden war, in den Besitz eines Juden überging. Nun ist Neusohl eine jener Bergstädte, in welcher vor der Emanzipation der Juden iu Ungarn kein Jude wohnen durfte. Die Stadtgrößeu hatten sich nur schwer in die neue, liberale Situation hiueingefunden — sie konnten einerseits dem Juden, der die Stadtgemeinde einlud, nach wie vor dem Altar an diesem Hause aufzurichten, diese Ehre nicht gönnen, andererseits scheuten sie sich, den Antisemitismus hervorzukehren. Um sich diesem Dilemma zu entziehen, überließen sie die Entscheidung dem Bischof, von dem sie erwarten mochten, daß er, der sich i n s e i n e r A ntrittsrede ostentativ als „katholischer" Bischof bezeichnet hatte, es nie und nimmer zugeben werde, daß in der Gemarkung eines jüdischen Hofes die heilige Zeremonie abgehalten werde. Bischof B e n d a hatte, da er unpäßlich war und der großen Hitze wegen seine Sommerresidenz in Garam- Szt.-Kereszt nicht verlassen mochte, für die Fronleichnams- Prozession in NeUsohl seinen Adlatus bestellt. Dieser unterbreitete dem Bischof die Anfrage der Stadt Neusohl hinsichtlich der Altaraufrichtung. Der fromme Kirchensürst bereitete den intoleranten Neusohler Bezirksbergern eine arge Enttäuschung. Die Antwort lautete: Der Bischof werde trotz seiner Unpäßlichkeit in Neusohl erscheinen, um an dem Altäre, der, seinem Befehle zufolge, an dem Hause des jüdischen Bürgers errichtet werden soll, die Andacht zu verrichten. Er persönlich wolle dem neuen Besitzer dieses Hauses für seine Zuvorkommenheit danken, und die Toleranz, die dieser mit seinem der Stadtgemeinde gemachten Anträge bekundet hat, auch seinerseits erwidern. Der Friede unter den Konfessionen sei sein heißester Wunsch. Einige Tage nachher hatte ich die Ehre, Gast des Bischofs beim Mittagstisch zu sein. Es wurde auch vom Antisemitismus gesprochen. Auf meine Frage, in welchem Sinne seine bischöfliche Gnaden das mit Stentorstimme ausgesprochene Wort: „Ich bin ein katholischer Bischof" verstanden wissen möchte, erzählte mir ein anwesender Prälat die vorstehende Episode. Ed. Singer. Prag. (Vortrag Richard Huldschiner. Am 27. v. M. fand der seitens des Zentralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten zu Gunsten seiner Handwerkerabteilung veranstaltete Festabend im großen Saale des jüdischen Rathauses statt, bei welchem Anlasse Herr Dr. Rich. Huldschiner aus Hamburg einen Vortrag über: „Unsere Würde — Unser Wert" hielt. Huldschiner, der heute als einer der modernsten in der deutschen Literatur bereits einen festen Platz erobert, ist nicht minder durch das Hervorkehren der jüdischen Eigenart in seiner persönlichen Betätigung, wie in seinen Schriften interessant. Diesie seine Gesinnung ist umso bemerkenswerter, als er in der Tiroler Gebirgswelt aufgewachsen und in seiner Jugend gänzlich jüdischen Einflüssen entrückt, aus seiner eigenen Ueberzeugung den Umschwung von Judenfremdheit zur bewußten Betonung desl jüdischen Elementes vollzogen hat. Diese Wesensart tritt auch insbesondere in seinem durch Charakterisierung und gllutvolle Schilderung ausgezeichneten Roman „Die stille Stadt" hervor. Huldschiner^ dessen Vortrag im Zentralvereine als Emanation eines dichterischen .Geistes sich präsentiert, wußte-auch sein Thema mit dem Feuer seiner innersten Ueberzeugung zu erfüllen, indem er, den Grundgedanken von der Würde des Judentums historisch entwickelnd, in geistreicher Weise die einzelnen Etappen der jüdischen Leidensgeschichte zeichnete und zu der Schlußfolgerung gelangte, daß die jüdische Kultur der Welt mindestens ebensoviel gegeben, als sie von ihr empfangen habe, daher berechtigt sei, unbeirrt durch äußere Anfeindungen, ihre Würde zu wahren, mit neuem Gehalte und neuem Werte zu erfüllen und sich auch für alle kommenden Geschlechter siegreich zu behaupten. Es würde hier viel zu weit führen, auch nur auf einzelnes geistsprühende Gedanken, sowie auf Proben der geradezu poetischen Ausdrucksform zu reflektieren und deshalb mag nur gesagt sein, daß Huldschiners Vortrag von dem äußerst zahlreichen Publikum mtt begeistertem Beifall ausgenommen wurde, der ebenso dem modernen deutschen Dichter und formgewandten Redner, als auch dem glaubenstreuen und bewußt fühlenden Juden galt. Karlsbad. Der Gemeinderat des Kurortes Karlsbad besteht aus 36 Mitgliedern; die Majorität ist „deutsch-fortschrittlich", insbesondere der Bürgermeister, einige Mitglieder des Stadtrates und auch die Deutschnationalen, welche allerdings in großer Stärke vertreten sind, behaupten, daß ein Antisemitismus nicht „ausgeübt wird". Es sei nur ein „theorettscher Deutschradikalismus" vorhanden, und es muß