Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 234 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 14 plant. Leider wird diese Freude dadurch getrübt, daß die Herausgabe in polnischer Sprache geplant wird. Ist es wirklich notwendig, dem nationalen Chauvinismus so weitgehende Konzesfionen zum Schaden der Sache zu machen? Ein Beitrag zur jüdischen Geschichte ist doch in erster Linie für jüdische Forscher bestimmt, von denen doch nur ein kleiner Bruchteil der polnischen Sprache mächtig ist. Gebildete Polen hingegen — auf die breiten Massen wird doch als Leserkreis in diesem Falle nicht gerechnet — verstehen doch durchgehends deutsch. Der nationale Chauvinismus hat leider viele wichtige Produktionen ungarischer Forscher uns vorenthalten. Die „Monumenta Hungariae Judaica", Budapest, 1903, enthalten fast durchaus lateinisbe Urkunden mit magyarischen Digesten und erschweren dem Nichtkenner der Sprache die Benützung des Werkes außerordentlich. Dasselbe ist bei dem neulich publizierten Quellenwerke zur Geschichte der Juden in Polen, Mathias Bersohn's Diplomataryusz rc., Warschau 1910, der Fall. Es ist wahrlich mit Dank zu begrüßen, daß der tschechische Politiker Bondy das Quellenwerk „Zur Geschichte der Juden in Böhmen rc.", Prag 1906, mit einer deutschen Einleitung und deutschen Noten versehen hat. Ich verkenne die Wichtigkeit einer jüdischen Literatur in der Nationalsprache keineswegs und kann es verstehen, daß dafür besonders eifrig in Ländern agitiert wird, wo der Jude ein national gesondertes Element biLet, aber dieses Prinzip auf wissenschaftliche Fachliteratur zum Schaden der Sache auszudehnen, heißt denn doch die Sache zu weit treiben. Man veröffentliche Lchrbücher, apologetische und sonstige Populärschriften in der Landessprache, aber Werke, die auf ein internationales Publikum rechnen müssen und rechnen sollen, sollten in einer weiten Kressen zugänglichen Sprache verfaßt werden. Ihr ganz ergebener _ Gotthard Deutsch. Eine Mische Zcktung für Vegetarismus. In Kiew fand vor einiger Zeit eine außerordentlich stark besuchte Versammlung jüdischer Vegetarier statt, in welcher ein Referent über die Notwendigkeit der Herausgabe eines jüdischen Blattes für Vegetarismus hielt. Nach einer langen und in vielen Punkten interessanten Diskussion wurde lebhaft beschlossen, schon in nächster Zeit mit der Herausgabe eines Blattes in jüdischer Sprache zu beginnen. Das Blatt, das den Titel „Der vegetarische Gedanke" führen wird, wird auch die Vereinigung aller vegetarisch lebenden Juden propagieren. Auszeichnung einc's jungen jüdischen Malers. In der Londoner Börse wurde vorige Woche ein Wandgemälde „Heinrich VI. Die Schlacht bei Barnett 1471" in feieracher Weise enthüllt. Das Kolossalgemälde, ein Geschenk der Firma Eduard Arthur Franklin, wurde von einem jungen, aus Rußland eingewanderten jüdischen Maler L. H. Amschewitsch gemalt. Der Lord- Mayor, der die Enthüllung vornahm, gedachte zunächst des Vaters des Spenders, der einst Präsident der Londoner Börse war und dessen Andenken das Bild gewidmet ist. Der Lord-Mayor hob insbesondere den großen künstlerischen Wert des Bildes hervor und prognostizierte dem jungen Künstler große Zukunft. Die Auszeichnung des jungen Künstlers ist eine um so größere, als dis übrigen Wandgemälde von den hervorragendsten englischen Malern u. a. auch von dem berühmten jüdischen Maler Salomon I. Solomon stammen. Die kmematographischel Bibel. Die Newyorker Sektion des Council of Jewisli wo men in Amerika ist auf eine originelle Idee gekommen, der weiblichen jüdischen Jugend in Amerika eine Vertrautheit mit der Bibel beizubringen. Die genannte Organisation veranstaltet von Zeit zu Zeit kinematographische Vorstellungen aus der Bibel, die der jüdischen Jugend frei zugänglich sind. Diese Darstellungen sind immer den einzelnen jüdischen Festen angepaßt. So führt die erste eben jetzt veranstaltete Serie dieser Vorstellungen aus Anlaß des herannahenden Passahfestes den Titel „Das Leben Moses". Diese Serie enthält Bilder aus dem Leben des unsterblichen Gesetzgebers und Lehrers von seiner Gebürt bis zu seinem Tode. Die bildlichen Darstellungen halten sich strenge an die Ueberlieferung. Diese originelle Art, dem jugendlichen Geist die Lehren der Bibel beizubringen, hat in Amerika großen Anklang gefunden und dürfte auch bald in Europa Nachahmung finden. _ Grausame Witze. Rußland ist nicht nur das Land der grausamen Handlungen, sondern auch der grausamen Witze. Es wird jetzt in Rußland ein neues Gesetz über die Gemeindewahlen beraten. Die Juden, die bisher gar kein Wahlrecht hatten, sollen in Zukunft eine besondere Wahlkurie bilden und 5 bis 10 Proz. der gesamten Gemeinderatsmitglieder wählen dürfen. Bedenkt man, daß in vielen Städten Polens und Westrußlands die Juden 60 bis 70 Proz. der städtischen Bevölkerung bilden, dann wird man diese „Reform" als bittere Ironie e pfiaden. Es kommt aber noch besser. Die Regierung schlägt vor, auch die getauften Inden dieser Wahlkuriezuzuweisen. Das Renegatentum worin der Geschichte immer ein Quell des Leidens und der Schmach für die Juden. Daß man ihnen aber zumutet, ihre Abtrünnigen als gleichberechtigte Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu betrachten, — das ist ein grausamer Witz. Eine größere Beleidigung könnte man der Judenheit gar nicht erweisen. Das Renegatentum Rußlands ist ein Produkt der erbärmlichen Regierungspolitik und die Regierung sollte nur diese neu gewonnenen Christen für sich behalten. Sie sind einander würdig und gehören zueinander. Ucbrigens zeigt sich auch hier, wie stark der Einfluß der „Nationalisten" auf die russische Regierung ist. Ein Bruder Hermann Levis, des ehemaligen Dirigenten an der Münchner Hofoper, der Bankdirektor Wilhelm Lindeck, ist, 78 Jahre alt, in Mannheim gestorben. Er hatte sich vor vielen Jahren taufen lassen und den Namen Lindeck angenommen, da er, mit einer schönen Stimme begabt, anfangs zum Theater gehen wollte. So kam er in der ersten Bayreuther Zeit auch nach der Festspielstadt und sein Bruder Hermann nahm ihn abends mit in die Eule zum Künstlervolk und stellte ihn dort als seinen Bruder vor. „Herr Levi, ich erlaube mir! Auf ihr Wohl!" so wurde dem Bruder des Berühmten bald darauf zugetrunken. Allein pikiert erwiderte der Bühnenkandidat mit seiner sonoren Stimme: „Ich heiße Lindeck!" Verblüffung. Doch schon ruft der witzige, stets schlagfertige Hermann Levi über den Tisch hinüber: „Ja, wissen's, i Hab früher amal Lindeck g'heißn! I Hab mi' aber umtauf'n lassen!" — Der Anteil de'r Juden an der Bekämpfung des Mädchenhandels. Wie erinnerlich, fand gerade vor einem Jahre in London eine internationale jüdische Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt. Der Sekretär des Londoner jüdischen Frauenschutzvereines äußerte sich über die Ergebnisse der bisherigen Tätigkeit dieser Organisation dem Vertreter des „Jewifh Chronicle" gegenüber wie folgt: Gleich nach Schluß der vorjährigen Konferenz wurden die Beschlüsse und Resolutionen derselben an nahezu alle maßgebenden jüdischen Organisationen der ganzen Welt versandt, damit überall das Interesse für diesen wichtigen Kampf allerorten erweckt und zur Gründung von Schutzvereinen aufgemuntert werde. Das Ergebnis dieser Aktion war, daß bereits in Paris, Galatz (Rumänien), Budapest, Manchester, Leeds, Liverpool und Southampton Zentralkomitees gegründet wurden und die Gründung solcher Schutzkomitees in Holland, Belgien, Südafrika, Indien, Türkei und in verschiedenen wichtigen Zentren Englands für die nächste Zeit bevorstehen. Es wurden zahlreiche Broschüren mit Ratschlägen und Weisungen für alleinreisende Mädchen und Frauen gedruckt und verteilt, es wurden verläßliche Wohyadressen festgestellt und die Adressen aller Schutzkomitees bekanntgegeben. Das Pariser Komitee hat in allen Fabriken