Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 309 Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Unter dem Titel: „Der Menschenwerl in unserer Kultur" hielt am 24. Marz d. I.. im Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der bekannte Schriftsteller Adolf Gelber einen Vortrag über das Buch Josef Poppers über das Individuum. Gelber befähle sich in sehr beredsamer und warmer Weise als Bekenner mehr mit dem polemischen, anklagenden Teil jenes Aufsehen erregenden Werkes eines Idealisten, als mit dessen positivem Gehalt. Er feierte Popper als die Erscheinung eines echten Genius, und sein Buch als eine einzige These, deren Voraussetzung die Mißachtung des Menschen im modernen Leben bildet. Diese Mißachtung ist nicht nur national-chauvinistischer Art, sie erstreckt sich auch auf die Physiognomie, die Kleidung und die soziale und konfessionelle Stellung des Einzelnen. Man kann nicht nur von einer Kulturschande, sondern von einer Schande des Jahrhunderts sprechen, daß der Mensch zu einem Ding, zu einem Gegenstand herunter gesunken ist. mit dem man nach Gutdünken umspringen und das man nicht nur mißhandeln, sondern auch mit wildestem Hohn überschütten kann. Wir leben in einem Zeitalter des Positivismus, aus dessen Lager alle kaltherzigen Widersacher und Skeptiker gegenüber jeder Reform entstammen. Es sind dies die Wissenden, die Studierten in allen Dingen des realen Lebens, die Phlegmatischen, die sich gegen eine Abhilfe auflehnen. Ihr Grundsatz ist, daß in unserer Zeit mit Ethik nicht mehr regiert werden kann. Sie sind jenen Persönlichkeiten verwandt, die den siegreichen Ideen zu allen Zeiten ihr „Unmöglich" entgegensetzten. Philosophisch stützen sie sich auf den Nietzscheschen Gedanken kom Herrenmenschen, auf die Schopenhauersche Bezeichnung des einfachen Individuums als Fabrikware der Natur, auf den Spencerismus mit seiner Verkündung der Zuchtwahl innerhalb der Menschenrasse, der Menschenopfer gebracht werden müssen. Aber all diese Dinge sind Luruswerte, der Hauptwert besteht in einem reinen Menschentum. Dem theoretischen Altruismus gegenüber verhält sich auch Popper skeptisch. Im Namen der Menschenliebe wurde auch gehaßt, verbrannt und vernichtet. Ueber alle Vergangenheits- und Zukunftsideale hat man an das Wesentliche vergessen: an den Wert des Menschenlebens in der Gegenwart. Man spricht von der Majestät des Todes, denkt aber nicht daran, wie sehr man selbst teilnahmsloser Zuschauer bei der täglichen ungeheuren und ungerechtfertigten Vernichtung des Menschenlebens gewesen. Popper stellt ein neues Schönheitsideal auf und verkündet mit ehernen Worten, daß man sich der Ethik nicht zu schämen braucht. Er ist dabei kein Phantast und Ideologe, sondern geht von sehr realistischen und positiven Anschauungen aus. Zu wenig ist mit der Errungenschaft rein politischer Rechte getan, es gilt, mehr zu wollen und zu fordern. Die Schätzer des Menschentums müssen von der Schule erzogen werden. In diesem Sinne ist eine Reform der Schule anzustreben. Wir besitzen, schloß Gelber, in dem bescheidenen Menschen und liefen, warmherzigen Denker Popper-Lynkeus einen Friedensförderer, einen großen Apostel einer wahrhaften Kultur. Der Vortragende fand mit seinen Auseinandersetzungen wärmste Zustimmung des zahlreichen intelligenten Publikums, die in langanhaltendem Beifall zum Ausdruck gelangte. Hierauf richtete der Vorsitzende, Vereinspräsident, Univ.-Prof. Dr. I. Szeberinyi, k. k. Militärsuperintendent i. R., folgende tiefempfundene Ansprache an den Vortragenden und die Versammlung: „Ueberwältigt, sowohl vom Geist und Inhalt des Gehörten, als auch von der bewunderungswerten und rühmenswerten Beredsamkeit des Herrn Schriftstellers, möchte ich Sie bitten, meine Damen und Herren, nach dem ihm zu Teil gewordenen anerkennenden Applaus, nur noch zwei oder drei Minuten mir zu erlauben. Ich weiß nicht, was mich mehr bewegt, ob ich eine Träne der Wehmut oder mehr eine Träne der Freude, des Jubels vergießen könnte, wenn ich an das denke, was der Herr Redner gesagt hat, was alles im Namen der Liebe geschehen ist. die Sünden, welche die Christenheit auf sich geladen hat. Und wenn ich heute einem Juden begegne, so muß ich mich schämen und Gewissensbisse für Taten der Vorfahren drücken mich, und zugleich — eine gewisse Verehrung vor dem ehrwürdigen Menschen; denn sie, die Juden, sind die einzigen lebenden Zeugen einer antiken. längst vergangenen Welt — Römer und Hellenen und alle anderen Kulturvölker einer antiken Welt, sind längst ausgestorben. Moses hat die Fackel der Kultur angezündet, er hat nicht nur eine Religionskonstitution, sondern auch eine bürgerliche Konstitution gegeben. Mit dem zerstörten Vaterlande ist diese zu Grunde gegangen, aber das Volk der Israeliten lebt fort und ist zu uns wie ein Verehrungswertes Denkmal längst vergangener Zeilen. (Stürmischer Beifall.) Neben diesem Moses ist unser uns liebe Christus, und sie stehen ruhig nebeneinander. und Christus hat die Fackel der Aufklärung entzündet mit seiner Einzigkeit und Einheit Gottes und mit der sittlichen Würdigung des Menschen. Er hat von dieser Idee, wie sie Popper-Lynkeus bespricht, schon ein tiefes Gefühl gehabt. Christus hat gesagt: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz Mosis aufzulösen, die Fackel auszulöschen. Und so will ich und wünsche es. daß in einem Rechtsstaate — denn die Ethik stirbt nicht aus neben dem Christentum das Judentum fortbesieht. Beide tragen ein Moment in sich, welches ihnen als ewige Wahrheit vorschwebt und welches sie verkünden. Diese Momente sind Gott, der Einzige, mit Ausschluß aller kultischen Verehrung bloßer Menschen, als das höchste lebende Wesen, der Schövfer Himmels und der Erde, und dann: liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, aber nicht wie im Mittelalter. (Heiterkeit.) Nur wenn du einen Menschen um dich glücklich gemacht hast, dann kannst du ruhig sterben. dann hast du dich selbst glücklich gemacht. Ein Glück ohne Beglückung anderer gibt es nicht. Zum Schlüsse noch ein Wort, meine Damen und Herren? Das Menschenherz ist ein Meer, in welchem sich Klipoen finden, aber auch Perlen in der Tiefe. (Starker Beifall.) Zum Schlüsse verwies Oberinspektor F. R. Engel, der Schriftführer des Vereines, auf ein kürzlich bei A. W. Hayns Erben in Berlin, unter dem Titel: „Der Fall Hilsner, ein europäisches Iustizverbrechen" erschienenes Merkchen und empfahl dessen Propagierung auf das wärmste. Bibel-Borlesung Konrad Loewe s. Einen erlesenen und ganz eigenartigen Kunstgenuß bot die „Oesterreichisch-Israelitische Union" ihren Mitgliedern und den Delegierten der österreichischen Kultusgemeinden mit der am 25. d. M. im Festsaale des ..Gewerbevereines" veranstalteten Matinee. Den reichen künstlerischen Gehalt der Bibel und ihre mannigfaltigen künstlerischen Formen aufzuzeigen, war der Zweck dieser Veranstaltung, die einen ganz außerordentlichen Erfolg hatte. Konrad L o e w e. der Meistersprecher unseres BurgthccLcrs, lieh seine große Kunst dieser dankbaren Aufgabe, und am Konferenztische erschien Herr Siegfried Fleischer, der in formvollendeter, von warmer Empfindung für die Schönheiten der Bibel durchglühter Rede von der „Bibel als Kunstwerk" sprach. „Dieses Wort", so führte der Redner aus. „sei selbstverständlich nicht so zu verstehen, daß die Bibel als Ganzes einen einheitlich künstlerischen Eindruck hervorbringe; es bedeute nur, daß viele Stellen der Bibel künstlerische Formen zeigen, und daß dieses einzige Buch .überall