Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Vkochs Wochenschrift Seite 305 das -durch die verstorbene Frau Rosa Zifferer vom Frauenhort freigewordene Mandat Frau Sophie Deutsch in Vorschlag gebracht werde, ferner, daß noch folgende Personen in das Kuratorium kooptiert wurden: die Damen Lea Bondy (Verein Bikur-Chaulim), Sophie G r ü n f e l d (Ferienheim), Julie Zern er (Jugendschutz) und die Herren k. k. Hosrat Benjamin Rappaport (Verein Osten), Anton Beck, Karl Freund und Dr. Anselm H alp ern. Ueber Antrag des Herrn Dr. Ascher (Baron Hirsch-Stiftung) werden sämtliche genannte Personen per acclamationem wieder-, resp. neugewählt. Nach Erledigung einer durch Herrn Schick!er vom Ausspeisungsverein für den 16. und 17. Bezirk an den Vorsitzenden gerichteten Anfrage dankt Herr Dr. Ascher dem Kuratorium für seine dem Gemeinwohl dienende unermüdliche Tätigkeit unter allgemeiner Zustimmung der der Anwesenden, worauf der Vorsitzende die Versammlung unter dem Ausdrucke des Dankes an 'die Erschienenen für ihre ausdauernde Beteiligung schloß. Nachstehend reproduzieren wir das interessante Referat des Vorsitzenden Herrn Dr. Rudolf Sch o r st ein seinem vollen Wortlaute nach: Verehrte Versammlung! Das Kuratorium erteilte mir den ehrenvollen Auftrag, Ihnen über das abgelaufene Geschäftsjahr der Zentralstelle Bericht zu erstatten und glaube ich, mich hiebei auf die anläßlich der letzten Generalversammlung gemachten Mitteilungen stützen zu können. Ich beschränke mich daher darauf, nur in Kurzem Ihnen jene Veränderungen mitzuteilen, welche die Zentralstelle im Sinne ihrer Statuten bezüglich einiger Zweige des Wohltätigkeitswesens im abgelaufenen Jahre hervorzurufen im Stande war. Vor allem möchte ich darauf Hinweisen, daß die Blätter unseres Katasters die stattliche Zahl von 20.000 bereits überschritten haben, wobei ich zu beachten bitte, daß ein solches Katasterblatt nicht nur eine Einzelperson, sondern die ganze, mit ihr im gemeinsamen Haushalte lebende Familie betrifft, so daß, abgesehen von dem allerdings in Wien nicht sehr. geringen Anfenthaltswechsel der jüdischen Bevölkerung ein großer, wenn nicht der größte Teil der jüdischen Armen in diesen Katasterblättern mit Nationale, event. vorhandener Recherche, insbesondere aber auch mit allen 8eteilungen der angeschlossenen Vereine laut ihren Meldungen ersichtlich ist. Die Zahl der angeschlossenen Vereine und Körperschaften ist im verflossenen Jahre auf 54, die Zahl der Einzelpersonen a u f 36 g e st i e g e n, so daß tatsächlich der größte Teil der ausschließlich jüdischen Vereine durch ihren Anschluß an die Zentralstelle den leitenden Gedanken derselben gebilligt hat und ich glaube, mit Beruhigung sagen zu können, daß uns von heute ab der Beweis unserer Existenzberechtigung erlassen sein dürfte. Die Zentralstelle hat sich aber nicht allein darauf beschränkt, durch Auskunfterteilung an Wohltäter und Petenten das vermittelnde Glied zwischen denselben herzustellen, sondern sie hat trotz des merkwürdigen Wider st andes einiger Vereine, welche noch immer nicht davon überzeugt werden konnten, daß ihrer Unabhängigkeit in keiner Weise nahegetreten, daß um Gottes Willen jeder Präsident Präsident bleiben und jeder Beirat Beirat bleiben wird, wie gesagt, trotz dieser unbegründeten Furcht und der daraus resultierenden ablehnenden Haltung dieser Vereine hat die Zentralstelle versucht, hauptsächlich auf 2 Gebieten, wo der Zusammenschluß ein außerordentlich dringender genannt werden kann, eine Einigung der einzelnen Vereine herbeizuführen. Das erste Feld ist die schon im Vorjahre an diesem Orte besprochene Abdirigierung fremder Kranker. Es genügt, wenn ich Ihnen mitteile, daß die von der Zentralstelle hier eingeleitete Aktion, dank des energischen Eingreifens der Vereine „Osten", Armenanstalt und Chewra-Kadischa, zu vollständigem Erfolge geführt hat und daß diese Frage endgiltig gelöst erscheint. In sämtlichen Wiener Heilan st alten wird durch einen B eamten der Armenanstalt nach auswärtigen jüdischen Kranken täglich recherchiert, der bevorstehende Abgang derselben verzeichnet und diese nach Beschaffung der erforderlichen Fahrkarte und Spesen abgeholt und nach ihrem Heimatsorte befördert. Ich brauche Ihnen, die sie wohl alle aus Erfahrung wissen, was es heißt, wenn ein solcher Kranker sich erst die Mittel zur Heimreise durch Bettelei verschaffen muß, wohl nicht zu sagen, welch bedeutender Erfolg hier zu verzeichnen ist. Dabei darf nicht außeracht gelaffen werden, daß es, wie Sie wiffen, außerordentlich oft vorgekommen ist, daß ein solcher entlassener Kranker, wenn er nur einiges Glück im Schnorren hier gehabt hat, sich mit diesem Erwerbe und den lokalen Verhältnissen so sehr befreunden konnte, daß bald auch seine geschätzte. Familie in Wien angelangt war. Viel schwieriger, weil von viel mehr Faktoren abhängig, war die Durchführung einer gemeinsamen Kinderbekleidung. Ich habe von dieser Stelle aus am 21. Oktober 1909 Ihnen in ausführlicher Weise unsere Bestrebungen auseinandergesetzt und war so glücklich, Ihren ungeteilten Beifall zu finden. Alle Fachleute, die damals hier versammelt waren, wußten von der Möglichkeit einer Doppelbeteilung, wußten von dem häufigen Verkaufe der Kleider durch Eltern und Vormünder, wußten, daß mit den vorhandenen Mitteln vielleicht alle bedürftigen jüdischen Schulkinder bekleidet werden könnten und daß dies leider nur zum geringsten Teil der Fall ist. Nach den uns zugekommenen Berichten gibt es in Wien 18.000 Schulkinder, von welchen ungefähr 20% bekleidungsbedürftig sind und jährlich wird durch 160 Bekleidungsvereine eine intensive Tätigkeit auf diesem Gebiete entfaltet. Wir wiffen, daß die Vereine durch die Schulbögen sich vor der Doppelbeteilung schützen wollen und sich gleichzeitig über Ltc Bedürftigkeit der zu beteilenden Kinder zu informieren gedächten. Wir wiffen, daß diese Vereine mit Stolz gerade die von ihnen gespendeten Kleider als die besten und tauglichsten ansehen, wir wiffen, daß sich einige Tausend Menschen bestreben, den notleidenden Kleinen zu Hilfe zu kommen, wir wiffen aber auch, daß es fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, diesen Strom von Wohltätigkeit in ein reguliertes Bett zu lenken, diese edlen Bestrebungen zu vereinigen und damit alle jene Ihnen so wohlbekannten Mißbräuche zu beheben, welche durch die Einzelaktion der Vereine unvermeidlich sind. Ich könnte nun auf das friedliche und angenehme Arbeiten der Zentralstelle, auf den Wöchnerinnen-Verband, auf zahlreiche andere Fälle Hinweisen, wo der Vorteil einer Einigung der Vereine untereinander außer Zweifel gestellt ist, ich könnte aber nicht mit jener unendlichen Langmut und Geduld wie der leider heute abwesende Philanthrop und KollegaHeinrich Mendl in unermüdlicher Weise immer wieder dasselbe jenen widerstrebenden Vereinen vor Augen halten, was sie meiner Uebe^eugung nach selbst am besten zu wissen v e r p f l i ch t e t s i n d. Ich bin stets gewohnt, meine Gedanken nackt und hüllenlos zur Schau zu stellen, sie selbst müssen stark genug sein, sich zu verteidigen» und so sage ich es heute ohne Umschweife, als Privatperson bitte, nicht als Berichterstatter der Zentralstelle, für mich liegt der Grund des Widerstandes der Vereine nicht in der Schwäche unserer Argumente, nicht in der Richtigkeit der uns gemachten Einwendungen, sondern einzig und allein in der großen Triebfeder der Wohltätigkeit, in der Eitelkeit der Menschen! Kaiser und Könige haben von ihren ererbten Rechten an Parlamente abgegeben, aber ein Vorstand solcher Vereine wird, und wenn es im eklatantesten Jntereffe der Wohltätigkeit läge, die vernünftigsten Vorschläge aus Besorgnis vor der Einschränkung seiner Machtvollkommenheit abzulehnen im Stande sein. — Wenn ich mir so zu Ihnen zu sprechen erlaube geschieht dies nur, weil ich mir vorher eine genaue Liste der Erschienenen zu verschaffen im Stande war und mit Befriedigung daraus konstatieren konnte, daß diese Sorte von Wohltätern, für welche ich eben meine Verehrung zum Ausdruck gebracht habe, heute hier nicht vertreten ist. In fünf eigens zu diesem Zwecke einberufenen Sitzungen hat der von mir so sehr verehrte Kollega Mendl versucht, eine rayonsweise Verteilung der Kinderbekleidungstätigkeit durchzusetzen, er hat die Mühe nicht gescheut, an den einzelnen Versammlungen und Sitzungen noch widerstrebender Vereine teilzunehmen und trotzdem nicht mehr als 23 Vereine vereinigt. 17 davon haben bereits einen eigenen Rayon übernommen und es ist kein Zweifel, daß sich auch die anderen dem anschließen werden. Ich kann es mir nicht versagen, die Namen dieser Pionniere der Wohltätigkeit Ihnen bekanntzugeben. Es sind: der Erdberger Kinderverein, Kinderbekleidungsverein „Erdberg", Kinderbekleidungsverein „Weißgarber", Frauen-Wohltätigkeitsverein IV./V. Bezirk, Frauen-Wohltätigkeitsverein VI./VII., „Frauenhort"-Verein zur Bekleidung armer Schulkinder, „Himmelpfortgrund" Humanitätsverein X. Bezirk, Frauen- Wohltätigkeitsverein XI. Bezirk, Hietzinger Frauen-Wohltätigkeitsverein. Die Brüder, Brigitt. Frauen-Wohltätigkeitsverein, Reichsverein für Kinderschutz, Verein zur Ausspeisung hungernder Schulkinder, Donauperle, Verein Jugendschutz, Therefien-Kreuzer-Verein, Rudolfsbund. Mögen sich die anderen, welche nur aus objektiven Gründen noch zögern, sobald als möglich dieser Aktion anschließen. Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß die Zentralstelle in keiner Weise es wagt oder wagen wird, die Tätigkeit des einen oder anderen Vereines zu bekritteln, sie wird vielmehr, wie sie es bei der Krankenunterstützunq getan, in dem Augenblick sich zurückziehen, als der angestrebte Erfolg erreicht zu sein scheint, wie die Kinderfrau von dem Kinde, dem sie gehen gelernt hat, sich naffen Blickes verabschiedet, um wieder bei einem anderen mit derselben Mühe zu beginnen. Eigentlich nicht ganz im Rahmen der Zentralstelle, aber doch unvermeidlich mit ihrer TÄigkeit zusammenhängend, ergab sich die Notwendigkeit, den Wünschen der angeschlossenen Vereine und Privatwohltäter in der Weise Rechnung zu tragen, daß in besonders berücksichtigungswerten Fällen andere angeschloffene Vereine zu einer gemeinsamen Aktion zugunsten einer Familie eingeladen wurden. In solchen Fällen hat die Zentralstelle es für ihre Pflicht gehalten, obwohl sie dem Vereine, welcher ihr einen solchen bedürftigen Fall, welchem nur durch gemeinsame Aktion zu helfen war, mitteilte, volles Vertrauen schenkte, durch den Leiter der Zentralstelle Herrn Jung, eine verläßliche Nachrecherche zu provozieren und hat sich erst dann im Zirkularwege an die in Betracht kommenden Institute gewendet. Der Erfolg war tadellos.