Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 202 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 13 die Empörung der öffentlichen Meinung. Denn man sagte sich mit Recht, daß der Terrorismus russischer Flüchtlinge im Ostrauer Bergrevier wirtlich bedenklich sei und konnte nicht recht dagegen auftreten, daß bei radikalen Maßregeln der Unschuldige mit dem Schuldigen leide. Aber was haben die zwölf armen Teufel in Sereth mit ihren Familien dem Herrn von Vleybleben getan? Von einer terroristischen Bewegung ist in ihrem Bezirk nicht eine Spur vorhanden. Ueber die Möglichkeit einer militärischen Spionage in dieser Gegend dürfte jeder Sachverständige nur ein mitleidiges Lächeln haben. Es scheint vielmehr ein viel einfacherer Grund vorzuliegen. Herr von Vleybleben scheint der neuen antisemitischen Bewegung in der Bukowina nicht gerade mit großer Feindseligkeit gegenüberzustehen. Obwohl die schmutzigen christlich-sozialen Elemente eine angebliche jüdische Korruption nur hervorheben, um ihre eigene Korruption zu decken, genießen sie an hoher Stelle Wohlwollen, wenn nicht Förderung und Protektion. Daß die Juden für die Loyalität, das kaufmännische und gewerbliche Leben sowie die Zivilisation in der Bukowina der erste Faktor sind, das fällt gegen die ontisenntischen Gefühle hoher Beamter offensichtlich nicht in Betracht. Man will schon lange wissen, daß Herr von Vleybleben in seinen Regierungsakten die Auffassung zeige, als wären auch seiner Meinung nach die Juden bloß Staatsbürger zweiter Klasse. Bei dem Falle der zwölf jüdischen Handwerker in Sereth scheint sich die Parteilichkeit bis zur schweren und unmenschlichen Ungerechtigkeit gesteigert zu haben. Da ist es nun Sache der jüdischen und freiheitlichen Faktoren, mit Kraft einzugreifen und energisch selbst auf aristokratische Finger zu klopfen, wenn sie Willkürakte unterschreiben, durch welche mit der Macht eines kaiserlichen Statthalters hilflose Individuen zerschmettert werden, nicht weil sie Spionage, wohl aber weil sie die jüdische' Religion betrieben haben.- Delegierteukonferenz fit? Regelung des jüdischen Muuderdettels. Auf Einladung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" versammelten sich am 25. und 26. März d. I. die Delegierten der österreichischen Kultusgemeinden zu einer Beratung über die Regelung, beziehungsweise Einschränkung des jüdischen Wanderbettels in Oesterreich!. Zu derselben hatte sich spontan auch der Vorsitzende der „Deutschen Zentralstelle für die jüdische Wanderarmenfürsorge" und Präsident des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", Herr Universitätsprofessor Dr. Martin Philippsohn aus Berlin, eingefunden, um mit den m der deutschen Organisation gewonnenen Erfahrungen unseren österreichischen Glaubensbrüdern zur Seite zu stehen^ Es waren erschienen: Aus Wim: Für die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union": Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein, die Vorstandsmitglieder Dr. Felir Hönigsmann und Doktor I. Samuely, Sekretär Siegfried Fleischer, für die „Israelitische Allianz" Sekretär Dr. Armand Kaminkä, für die Armenanstalt -er Wiener Kultusgemeinde Univ.- Prof. Dr. Josef Pollak, für die „Zentralstelle für jüdische Armenpflege in Wien" kaiserl. Rat Dr. S. Krüger, für das Armenamt der Wiener Kultusgemeinde Amtsleiter Kraus, ferner Gemeinderat und Kultusvorsteher Mar Frank und Schriftsteller Dr. I. S. Bloch. Für die Kultusgemeinde Aussig: Dr. Wilhelm W i ttenberg, Böhitt.-L6pa: Dr. I. Oesterreicher. Brünn: Dr. Friedr. Aug. Hermann, Budwcks: Doktor 2. Kohn, Bielitz: Heinrich Heilpern, Franzensdad: Ernst P i ck, Gablonz: Emil Lederer, Graz: Mar Mayer, Holleschau: Rosenblatt, Leipnik: D. Spitz e r, LeitnMitz: Dr. Wilhelm Raubitschek und Vinzenz Pollak, Lim: B ernh ard T a ü s s i g. Mähr.- Ostrau: Moriz Krasny, Mistelbach: Ludwig Abeles, Nikolsburg: Beruh. L. Teltscher, Prag: Dr. N. L. Köhner, Pilsen: Dr. Josef Schanz er, ReichenMg: Dr. Wilh. Schnür mach er, Pardubitz: Dr. Verth. Thein, der zugleich den aus 54 Gemeinden bestehenden „Verband der tschechischen Kultusgemeindm Böhmens" vertrat, Teplitz-Schönau: Dr. Sigmund Hahn, Tck/chen: Dr. Leopold Silber st ein, Trautenau: Dr. Alfred Taussig, Ung.-Hradisch: Sam. Hahn. Zustimmungskundgebungen lagen vor von den Kultusgemeinden: Baden, Brüx, Voskowitz^ Beraun, Beneschau, Vodenbach, Bisenz, 6aslau, Dobruska, Friedek-Mistek, Gaya, Hohenems, Innsbruck, Iiein, Krakau, Komotau, Kuttenberg, Kojetein, Kolomea, Karlsbad, Kl ad n o, K o l i n, K ar o li n en th al, Königliche Weinberge, Lemberg, Matienbad, Mähr.- Weißkirchen, Mißlitz, Mödling, Mies, Nachod. Neuern, Neutitschein, Olmütz, Ober- Hollabrunn, Oswiecim, Prerau, Przemysl, Pisek, Proßnitz, Rakonitz, Raudnitz, Salzburg, Schüttenhofen, Schlau, Strakonitz, St. Pölten, Suczawa, Tabor, Tach au, Trebitsch, Troppau, Ungar.-Ostraund 2tzfoto. Namens der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" begrüßte Dr. Orn st ein die Versammlung und insbesondere Herrn Prof. Dr. Philippsohn, dem er für das große Opfer, welches er der Sache durch seine Reise nach Wien gebracht hat, unter dem Beifalle der Versammlung seinen innigsten Dank aussprach. Sodann wurde Dr. Orn stein zum Präsidenten, Dr. Josef Schanz er (Pilsen) zum Vizepräsidenten und Sekretär Siegfried F l ei sch er-zum Schriftführer gewählt. Sekretär Fleischer erstattete nun das Referat: Redner führte aus, daß die zunehmende Misere d!es Wanderbettels seit Jahren eine ständige Klage der jüdischen Kultusgemeinden bilde, daß die Ausgaben für den Wanderbettel in keinem Verhältnisse zu den einzelnen Gemeindebudgets stehen und sowohl die Gemeinden, als solche, wie auch die einzelnen Mitglieder derselben schwer belasten. Er wies ferner auf den schweren moralischen Schaden und auf die Steigerung der Gehässigkeit gegen die .seßhafte und arbeitsame jüdische Bevölkerung hin, welcher aus der Tatsache erwächst, daß jahraus, jahrein Tausende von Berufsbettlern sich im Kreise durchs alle österreichischen Kultusgemeinden bewegen. Durch diese sinnlosen Bettlerfahrten habe nur das Eisenbahnärar Zeinen Vorteil und die österreichische Judenschaft müsse dafür einen jährlichen Beitrag von etwa 2 Millionen Kr. ausgeben. Eine Reform dieser Zustände sei unerläßlich geworden. Durch diese Reform sollen selbstverständlich die wirklich Hilfsbedürftigen und Unterstützungswürdigen nicht um ihr karges Stück Brot gebracht werden, sondern es soll nur die große Zahl jugendlich-arbeitsfähiger, jedoch arbeitsscheuer Gewohnheitsbettler getroffen werden, welche den jüdischen Wohltätigkeitssinn ausbeuten. Redner bringt das vorhandene statistische Material zur Kenntnis der Versammlung und betont, daß die Grundlage der Reform vor allem in einer sorgfältigen'Sichtung und Differenzierung der Wanderarmen bestehen soll. Es sei notwendig, zu unterscheiden, wer wirklich durch! Krankheit, Alter und sonstige Umstände hilflos und wer andrerseits gesund, kräftig und .arbeitsfähig sei, Diese Scheidung, müsse mit aller Strenge und Rücksichtslosigkeit durchgeführt werden. Wahrhaftig bedürftige einheimische Arme müssen, von dem Fluche des ewigen und zwecklosen Manderns erlöst, in ihre Heimatsorte gebracht und dort als Orts arme verpflegt werden. Die jugend-