Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021940--20065-3045083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 196 Dr. Vlochs WochMchM. Nr. 12 achtungen der ägyptischen babylonischen, syrischen und hellenischen Volksmedizin, die er bewahrt hat, gibt es kaum eine wissenschaftliche Fragie der Gegenwart, die er nicht kühn angeschnitten und in Erwägung gezogen hat, die Jnfektionslehre, das Schenksche Problem, die Gallsche Schädellehre, die Kriminalanthropclogie,*) die Antisepsis, die weitgehendste Hygiene des Frauenlebens und der Diät. Daß der jüdische Arzt auf dem Boden des Talmud stand, sicherte ihm durch ein Jahrtausend die Superiorität über den christlichen Kollegen bei Kirchenfürsten und Laien; namentlich auch, was die psychische.Behandlung des Kranken betraf, auf die der Talmud so sehr Bedacht nimmt. Erst in einer so umfassenden Darstellung können wir die richtige Schätzung für die Uebersetzungsarbeit des Judentums gewinnen, wozu es durch seine Zerstreuung, seine gleichzeitige Kenntnis der Sprachen des Morgen- und Abendlandes, sowie durch seine liebevolle Anschmiegung an fremde Größe allein berufen war. Jüdische Gelehrte retten im 5. Jahrhundert so die Schätze indischer und griechischer Medizin (übrigens auch die ältesten uns überkommenen arischen Sagen) durch Uebersetzungen ins Syrische und Persische, für die künftige Welt des Islams; in Bagdad, Damaskus und Kairo tragen sie bis ins 10. Jahrhundert der arabischen Medizin die Bausteine zusammen für ihren ungeahnten Aufschwung. Nachdem diese die Führerin geworden, erfolgte der umgekehrte Prozeß: Juden allein konnten in Toledo, Cüdfrankreich, Neapel, Sizilien, unter Alfons dem X., den Hohenstaufen und Karl von Anjou, dem Abendland diesen Aufschwung übermitteln; noch besitzen wir, im Aufträge des Mörders Konradins, in drei Exemplaren das geistvolle Bildnis des letzten in der langen Reihe, des Sizilianers Al-Faradsch ben Salem: bald darauf, aus den meisten Hochschulen vertrieben, erfolgt nun ihre dritte Uebersetzertätigkeit, die uns auch noch manches Wertvolle bewahrt hat: sie übertragen die Werke der durch sie groß gewordenen Abendländer in ihr geliebtes Hebräisch. Noch ziemlich im Dunkel liegt die dritte Großtat des Judentums, die Mitgründung von Salerno und Montpellier, d. h. die endliche Loslösung der Medizin von der Kirche. Dokumente fehlen, aber wir wissen, daß die christliche Tradition Juden an dieser Gründung beteiligt, daß die Hälfte und darüber der Studierenden Juden waren (weswegen eine eigene Promotionsformel ihnen „ die Erlangung des Doktors erreichbar machte), daß der erste Professor in Montpellier ein Jude war, daß die llebersetzungen der Juden die Lehr- und Prüfungsbücher bildeten. Daß die jüdischen Rabbinatsschulen vielfach als Vorbilder dienten und daß ein Jude manchmal zum Stadthauptmann von Montpellier ernannt, wenn auch nicht bestätigt wurde, dürfen wir hingegen vorläufig nicht mit voller Sicherheit annehmen. Schöpferische Geister sind unter den Juden des Mittelalters nicht im gleichen Maß aufgetreten, als sie Praxis und Arzneibeschaffung beherrschten. Ob der größte Augenarzt des Mittelalters, Benvenutus Graphäus aus Jerusalem, dessen wissenschaftlicher Einfluß bis in die Neuzeit reicht, ein Jude war, ist nicht genau festzustellen. doch ist das erste wissenschaftliche, uns erhaltene Werk im Abendland, der Antidotar, das Werk eines unteritalienischen Juden, Donnolo (10. Jahrhundert). Drei schöpferische Geister weist Kairo auf: den berühmten Pharmakollegen Al Attar, dessen'Lehrbuch noch Jahrhunderte die *) Es ist ein geistreicher Zufall der Geschichte, daß die beiden gleichzeitigen Schöpfer dieser Wissenschaft, Lombroso und mein Vater, im selben Jahr geboren und in inniger Freunschaft verbünden, beide aus berühmten Rabbinerfamilien stammten und eine streng konfessionelle Volksschule besuchten. War ihnen vielleicht unbewußt der Satz des Talmud in Fleisch und Blut übergegangen, der das Programm ihrer Theorie enthält: „Kein Mensch begebt eine Uebertretung, wenn nicht der Geist des Irrsinns über ihn gekommen ist". Grundlage für den pharmakologischen Unterricht bildete, den großen Maimonides und vor allem den Jsaac Jydäus im 10. Jahrhundert. Die historische Tat des Maimonides. der übrigens auch als Chirurg schöpferisch wirkte, war der Rationalismus, mit dem er, bei aller Verehrung^ an die Werke Galens herantrat, was uns bei dem großen Rationalisten in der Bibelerklärung nicht wundern kann. Die Werke des Judäus über Uroskopie und Fieber bildeten viele Jahrhunderte lang einen reichen Stoff für die Kommentatoren des Abendlandes, ein solcher Kommentar wurde noch 1515 zu Leyden gedruckt. Mehr interessiert uns seine Führung der Aerzte, die noch jeder Aerztekammer zur Richtschnur dienen könnte. Wohl selten hat ein Arzt von der Würde und Heiligkeit seines Berufes von der Humanität gegen Arme, von der Wahrung seines Ansehens bei den Großen, von der Kollegialität gegen geistig minderwertige Kollegen einen so hohen Begriff entwickelt, dabei aber auch viele Lebensklugheit, die sich auf heutige Verhältnisse anwenden läßt. Es beweist auch den freigeistigen Zug jener Zeit, daß er, nsie Mohammed dem Kranken den Wein, so hier das Schweinefleisch dem Kranken erlaubt, weil ihm das Wohl des Kranken über alles ging. Sollen wir aus dieser Zeit höchster geistiger Entwicklung hinabsteigen in jüngere Jahrhunderte, wo durch Konzilbeschlüsse die Praxis den Juden immer mehr eingeengt, sie schließlich aus die Behandlung ihrer Glaubensgenossen und des Klerus legal beschränkt wurde, weil sie deren Seelenheil nicht so schaden konnten, wie dem Laien. Abgesehen, daß die Kirche durch merkwürdige Fassung ihrer Beschlüsse dem hervorragenden jüdischen Arzte einige Bewegungsfreiheit ließ, bewirkte sie nur das Uebel, daß sie, weil sie das Vertrauen der Laienwslt, Hoch und Nieder, zum jüdischen Arzt nicht vernichten konnte, die wissenschaftliche Ausbildung des Juden aber...überall hemmte, dem jüdischen Kurpfuscher, namentlich auch weiblichen Geschlechtes, Tür und Tor öffnete, und der Henker und die jüdische Matrone die gesuchtesten Konkurrenten des jüdischen und christlichen Arztes in Deutschland wurden. Daß die Augenheilkunde und die Chirurgie aber immer die Domäne der Juden blieben, namentlich in Deutschland, dürfe mit dem grazileren Handbau derselben Zusammenhängen, wie denn die jüdischen Augenärzte zum großen Teil Frauen waren (in Salerno und Montpellier als gleichberechtigt zum Studium zugelassen); von der Chirurgie hatte sich aber der christliche Arzt, als einem unwürdigen Zweig, bekanntlich bis tief ins 13. Jahrhundert hinein abgewendet. Als vor Lord Byron einmal geklagt wurde, daß sich nunmehr ein englischer Jude unter die englischen Lyriker eindrängen wolle, macht Byron die geistvolle Bemerkung: Wem stünde es besser an, zur Leyer zu singen, als einem Nachkommen König Davids? So wird auch heute vielfach über die Ueberfüllung des ärztlichen Berufes von Seiten der Juden geklagt, die sich, wie im Mittelalter, zu ihm als den einzig für sie aussichtsvollen Eelehrten- Beruf flüchten müssen. Auch diese Tadler und Nörgler bedenken aber nicht, daß hier der Jude auf dem Gebiete arbeitet, das er der europäischen Menschheit vielfach erst erschlossen hat und daß ohne das Judentum keltisches sind germanisches Folklore noch Jahrhunderte lang, gleich Schlinggewächs, den gestürzten Palast der antiken Medizin Überwuchert hätten, wenn das Judentum ihn nicht aufrecht erhalten und frei gehalten hätte für den arabischen und abendländischen Forscher. So haben sich die Juden einen Platz erobert, den sie auch .im 19. und 20. Jahrhundert ehrenvoll behauptet haben. Clotilde Benedikt.