Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 190 Nr. IS Dr. BloKs WoHeMM, Dr. M. Fluegel aus Baltimore. Am 9. Februar d. I. verschied Dr. Maurice Fluegel in Baltimore, wohl einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten unserer Zeit. Geboren 1831 in Leipzig, wurde Fluegel als Kind bei seinem Großvater in Jassy in Rumänien erzogen, studierte in Bukarest, später in Paris und Leipzig Gymnafium und Universität und veröffentlichte bereits in jungen Jahren zahlreiche, historische, literarische, ökonomische und sozioloKsche Aufsätze. 1864 wandte er sich das erstemal nach Amerika, von wo er 1884 nach Leipzig wieder zurückkehrte, um bei Franz Delitzsch seine altertumswiffenschaftlichen Studien zu vervollkommnen, deren Ergebniffe er in seinen zehn großen Werken über theologische, ethische und religions-vergleichende Themen niederlegte. Er schrieb über die „Religiösen Gebräuche und Anschauungen" zuerst in deutscher Sprache (1888) eine vergleichende Studie über biblische und arische Rtten, welche ihm die größte Anerkennung seitens seines Lehrers Delitzsch eintrug, der ebenso wie Profeffor Wundt die Schrift als inhaltsreich und für seine eigenen Arbeiten anregend bezeichnete. 1893 erschien in englischer Sprache „Der Geist der Biblischen Gesetzgebung", über welches Buch Kardinal Gibbons dem Autor eigenhändig schrieb : „Ihr Buch enthält neue Ideen." . . , Gladstone und Profeffor Max Müller, Herbert Spencer und Andere beurteilten dasselbe in gleich günstigem Sinne. 1896 erschien „Die Meffianische Idee", deren erster Band den Stifter des Christentums, der folgende Paulus und Mohammed, das Evangelium und den Koran behandeln. 1898 „Zeud-Avesta und die Religionen des Ostens", Studien über Parsismus, Bramanismus, Buddhismus in ihren Beziehungen zum Judaismus, Christentum und Islam, ferner „Israel, das Volk der Bibel". 1902 „Kabala und Vedanta". 1908 über die „Gesetze des Pentateuch und des Talmud inbezug auf Humanität, Nächstenliebe und Wohltätigkeit" in Parallele mit den Gesetzen Hamurabis, den Lehren der Egypter, Römer und der modernen Gesetzgebung. Kennzeichnend für die Persönlichkeit des Gelehrten find die in der Einleitung dieses Werkes enthaltenen Worte: „In eifriger Beschäftigung mit dem ebenso ftiedlichen wie dankbaren Versuche, die tiefen Menschlichkeitsbestrebungen der mosaischen Gesetzgebung aufzuzeigen, höre ich von jenseits des Ozeans die laute Wehklage eines blinden Fanatismus und grausamer Scheinheiligkeit, gemischt mit dem Aufschrei und den Tränen einer hilflosen Humanität, welche unter den Füßen der Tyrannen zertreten wird, und das noch dazu in dem entheiligten Namen des Gottes der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, im Namen von Religion und Nationalität, die doch zur Einigung und Versöhnung der Menschheit geschaffen sein sollten. Möge dieser Teil meines Werkes den Protest der Zivilisation gegen solche Torheiten und Grausamkeiten bilden!" Ferner: „Mein letzter Band „Philosophy" I ward 1902 vollendet; ich versprach sodann den II. Band zu liefern. Jedoch der unaufhörliche Lärm, das schreckliche Hohngeschrei des Raffenkampfes und Mordes, das aus Rußland und Rumänien tönte, betäubte mein Herz und lähmte meine Feder. Philosophie, Humanität und Religion standen bestürmt beim Anblick solcher Narrheit und Grausamkett. So verschob ich diesen Band, statt dessen biete ich Dir, lieber Leser, diese „Gesetzgebung der Bibel über Menschlichkeit, Nächstenliebe und Wohltätigkeit". Nimm' hier das weite Weltmeer der Gerechtigkett, Liebe und Milde für Me ohne Unterschied; und wenn irgend ein Fanatiker Pogromen im Namen Gottes und der Bibel das Wort redet, sag' chm, er ist ein Narr und Lügner." 1910 vollendete Fluegel sein Werk über Parsismus, Brahmanismus und Buddhismus, sowie das über die Gesetze des Exodus und den Dekalog. Im Manuskript liegen vor : „Genesis", „Die biblischen Patriarchen", „Kirche und Staat", „Credo", „Sanitäre Gesetze", „Thora und Wissenschaft" u. A. Dr. Fluegel begann mit seinem 20. Jahre schriftstellerisch tätig zu sein. Seine ersten rumänischen Publikationen in verschiedenen Zeüschristen brachten ihn dem damals regierenden Fürsten Cousa und dem Minister Cogelnitcheanu näher. In Paris trat er in Verbindung mit Adolf Cremieux und Gambetta, welche ebenso wie I. Halevy, der Herausgeber der „Revue Semitique", großes Jntereffe an seinen Werken nahmen. Sein Hauptziel war der wissenschaftliche Nachweis, daß die biblische Gesetzgebung das Beste beinhalte, was der menschliche Geist je geschaffen, und daß in ihren Prinzipien alle Völker eine Einigung unter der gemeinsamen Vaterschaft Gottes und der gemeinsamen Bruderschaft der Menschheit erzielen könnten. Er war ein begeisterter Verteidiger der Rechte seiner Glaubensbrüder, wie der aller unterdrückten Völker ohne Unterschied der Rasse oder Farbe. Er stand mit Leo Tolstoi in reger Korrespondenz, welcher ihm kurz vor seinem Tode noch schrieb, daß er unter allen Büchern über Humanität, die er je mit Jntereffe gelesen, sich am meisten von dem angezogen fühlte, das Fluegel über die Messias-Idee geschrieben. Maurice Fluegel war in seiner Jugend mit dem Dichter F. v. Bodenstedt befreundet. Außer den genanten Max Müller, Wundt und Delitzsch haben seine Werke die schmeichelhaftesten Kritiken seitens der Professoren A. H. Sayee (der Universität Oxford), Kittel und Köhler (Universität Leipzig), E. Wilhelm (Jena), Schwarz, Büchler (Wien) u. A. erfahren. Seine in vielen Essays, zum Beispiel über „Diät und Hygiene der Juden", niedergelegten Gedanken sind in vielen Büchern mit und öfter ohne Nennung seines Namens übergegangen, der in Deutschland und namentlich in Oesterreich lange nicht im Entferntesten so bekannt ist, wie er es zu sein verdiente. Ich habe anläßlich einer Arbeit über die „Wohlfahrtspflege bei den Juden" das Werk Doktor Fluegels über die „Gesetzgebung des Pentateuch und des Talmud inbezug auf Humanität, Nächstenliebe und Wohltätigkeit" studiert und bin von der Begeisterung des Autors bei Behandlung seines Themas, von der fließenden, aber trotzdem präzisen Ausdrucksweise und den freiheitlichen, echt amerikanischen Anschauungen desselben mitgerissen worden und habe ihm meine Ansicht kundgeben wollen, daß dieses Werk durch eine Uebersetzung ins Deutsche der ihm gebührenden Verbreitung bei den des Englischen nicht kundigen Glaubensgenossen zugesührt werden sollte. Leider erhielt ich nur mehr von deffen Tochter die betrübende Nachricht von dem mittlerweile erfolgten Ableben des Verdienstollen Gelehrten mit den auch in „The Jewish Voice" in St. Louis erschienenen biographischen Daten, die ich hiemit gerne den Lesern dieses Blattes vermittle. Dr. H e i n r i ch H a a s e. Korrespondenzen Rekonvaleszentenheim „Philanthropia". Sonntag den 26 Februar 1911 fand die XIV. ordentliche Generalversammlung des Rekonvaleszentenheimes „Philanthropia" (XIII.,Lainzerstraße 172) statt. Unter den zahlreich erschienenen Gästen bemerkte man unter Anderen: Gemeinderat Dr. Hein, Dr. Arnold Hildesheimer, Regierungsrat Dr. Schlag, Kultusvorsteher Salomon Brod, Rabbiner Dr. Bauer, k. k. Polizeiarzi Dr. Johann W e n g r a f. In der Fülle von Begrüßungsschreiben, die die Präsidentin Frau Amalie Beck zur Verlesung brachte, kam immer wieder die ungeteilte Anerkennung für das hervorragend wohltätige Wirken des Heimes zum Ausdrucke. Die Präsidentin gedachte zunächst des dahingeschiedenen Gönners des Vereines, des großen Philanthropen Albert Freiherrn v. Rothschild. Das Rekonvaleszentenheim, das in großzügiger Weise von dem Verstorbenen bedacht wurde, wird dem großen Wohltäter ein ehrendes Angedenken bewahren. — Ferner gedachte die Präsidentin des verstorbenen Spitalsdirektors Professor- Dr. Leopold Oser, der dem Heime stets wohlwollende Förderung angedeihen ließ, und der allzufrüh dahingeschiedenen Vereinsmitglieder Frau Regine Pollack v. Parnan und des Herrn Karl Hirsch.