Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 188 Nr. 12 Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Jubelfcker des italienischen Volkes. Die Jubelfeier des italienischen Volkes erweckt in allen Weltteilen aufrichtige Sympathie. Alle zivilisierten Völker beeilen sich, dem italienischen Volke den Ausdruck aufrichtiger Glückwünsche zu übermitteln. Auch wir Juden haben allen Anlatz, die Einigung Italiens und die Gründung des italienischen Königreiches mit Genugtuung gu.begrüben. Und für diese Einigung Italiens haben italienische Juden mit ihrem Geiste und mit ihrem Blute gekämpft, und das italienische Volk erwies sich auch gegen die Juden dankbar. Zu den Tausend von Marsala, den Helden Garibaldis, gehörten acht Juden. Maurogonato, ein venezianischer Jude, kämpfte für die nationale Freiheit. Das Portefeuille eines Finanzministers lehnte er ab, war aber lange Jahre Vizepräsident der Kammer. D'Ancona, Finanzminister in Toskana, und Tullo Massarani, der für Mailands Befreiung gelitten, wurden Senatsmitglieder. König Humbert gab dem Thronerben den jüdischen General Ottolenghi als militärischen Erziehe.'. Als Gesandter in Kopenhagen war der Sekretär und Hauptmitarbeiter Cavours, der verstorbene jüdische Senator Jsacco Artom, Signor Seyre, in gleicher Eigenschaft in Seyre und Graf Hierschel de Wieners bi als Botschaftssekretär in London tätig. Auch die Sektionschefs Malvani und Romain waren Juden. Der jetzige König von Italien ernannte 1902 seinen Lehrer, den General Guiseppe Ottolenghi, zum Kriegsminister, den der deutsche Kaiser eigenhändig mit zwei hohen Ordenszeichen schmückte. 1906 wurde Riva Unterrichtsminister und 1901 der Cavaliere dePolacco Vertreter Italiens in Bulgarien. Luigi Luzatti, der wiederholt Finanzminister gewesen war, war jetzt italienischer Ministerpräsident.. Seit vierzig Jahren ist er, der einer berühmten jüdischen Rabbinerfamilie entstammt, einer der hervorragendsten Politiker, Gelehrten und Finanziers seines Landes. Ernesto Nathan wurde 1907 einstimmig vom Gemeinderat zum Bürgermeister von Rom gewählt. Giacomo L e v i - C i v i t a, Vizebürgermeister in Padua, und Dr. P i o F o a. Professor der pathologischen Anatomie an der Universität Turin, machte der König 1908 zu Senatoren. Leo Wollemberg, der 1906 Unterstaatssekretär im Kriegsministerium wurde, war vorher Finanzminister gewesen. Ein Jude, Giulio Levi, war Gesandter bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Bekehrung des Kanonikus Rohling. Den Lesern dieser Blätter und wohl auch den mcijstM Juden in Oesterreich ist der Prozetz Bloch-Rohling und wie der schwurbereite Kanonikus und Professor vor dem tapferen „Rabbi Bloch" beschämt den Rückzug antreten mutzte, wohl gut bekannt. Seitdem benützt der Professor und Kanonikus Dr. August Rohling seine freiwillige oder unfreiwillige Mutze zum Bücherschreiben, was um so weniger zu tadeln oder zu bedauern wäre, als ja niemand feine Bücher zu lesen gezwungen ist. Die armen Rezensenten müssen sie freilich lesen. Und, vielleicht aus Aerger über dieses „Mutz", hat der Rezensent eines sehr katholischen Blattes („Literarische Rundschau für das katholische Deutschland", Jänner 1909) in Rohlings neuestem Werke. „Die Zukunft der Menschheit als Gattung. nach der Lehre der heiligen Kirchenväter", vieles zu tadeln gefunden. Man ersieht nämlich aus dem Werke und schon aus dieser Rezension, datz der. gelehrte Professsor und Kanonikus die Schriften der Kirchenväter nicht besser kennt als — den Talmud. Der Kritiker wirft ihm vor, datz er „den Versuch macht, seine eigentümlichen eschatologischen Ansichten mit der Väterlehrein Einklang zu bringen". Das heitzt nicht, datz er seine Ansichten nach den Lehren der Kirchenväter bildet, sondern datz er diese Lehren nach seinjen Ansichten auszulegen versucht. Und was hätte der Kritiker noch gesagt, wenn er gewutzt hätte, datz diese „eigentümlichen" Ansichten einem Ausspruch zwar nicht des Talmud, doch! des diesem verwandten Midrasch entlehnt sind. In dem Midrasch rabbah zu Exodus (Kap. 12) heitzt es nämlich, datz im goldenen Zeitalter, nach Ankunft des Messias, auch Sodom und Gomorrha wieder erbaut werden sollen. Dieser Midrasch ist zwar erst im sechsten Jahrhundert geschrieben worden, aber die darin ausgedrückte Idee ist viel älter. Denn schon im vierten Jahrhundert berichtete der Kirchenvater Hieronymus: „Die Juden träumen, datz Sodom, Samaria und Jerusalem werden bei ber Ankunft ihres Messias zu ihrem alten Zustande zurückkehren". Eine solche Prophezeiung findet sich in Ezechiel XVI, 55, und wurde nur vom Midrasch weiter ausgeführt. Während also die „Religion der Liebe" die Ewigkeit der Höllenstrafen lehrt,*) verspricht der „jüdische Gott der Rache" die einstige Begnadigung auch der ärgsten Sünder. Dieser jüdischen Anschauung nähert sich nun Rohling, indem er die Ewigkeit der Höllenstrafen bezweifelt, da diese „zum Hatz gegen Gott disponiert". Ja er geht noch weiter, indem er sogar auf eine Besserung und Erlösung des Teufels hofft und ganz ketzerisch behauptet, man dürfe keinem die Sakramente verweigern, der an die Ewigkeit der Höllenstrafen nicht glaubt. Das erregt freilich den Zorn seines frommen Kritikers, der solche Behauptungen für „direkt falsch! und irreführend" erklärt, und den frommen Kanonikus daran erinnert, datz schon ein anderes seiner „zahlreichen Bücher" auf dem Inder der von der Kirche verurteilten Schriften steht. Aber Rohling geht noch weiter und stellt sogar hie Verwerfung Jesu durch den Hohepriester Kaiphas in Parallele mit der Verurteilung Galileis durch mehrere Päpste. — Und damit noch nicht genug, gibt er zum Schlutz fast noch eine Verherrlichung des Judentums: „Dieses dem Nichtjuden oft unerklärliche Zusammenhalten", sagt er, „ist aber durch den tiefen, im Prophetismus gestützten Glauben an den ewigen Fortbestand Israels und seisne glorreiche zentrale Zukunft im Kreise 'der Völker begründet.Hier liegt -er eigentliche Grund des innerlich selbstbewußten und berechtigten Stolzes, den der unterrichtete und ehrliche Jude der Einladung der Scholastik zum Christentum entgegensetzen mußte, wo diese den Hauptzweck der Mission des Messias, ein ewiges Reich der Vollkommenheit und des Friedens auf Erden, mit Jerusalem als seiner Metropole, zu gründen, vermeinte". Nach diesen Aeutzerungen Rohlings müssen wir wohl ännehmen, datz Gott jetzt mit den Juden besonders zufrieden ist. Heitzt es doch in den Sprüchen des Königs Salomo: „Wenn der Ewige Wohlgefallen hat an jemandes Wandel, lätzt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen. M. *) Ueber die Ewigkeit der Höllenqualen nach der Lehre der christlichen Kirche. Siehe mein Werk „Hölle und Fegfeuer", Heidelberg 1909, Seite 174—'.79.