Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Blochs MocheMM. Sette 187 Dies nur zur Stilprobe. Wie man sieht, schreibt Paduch für einen Bauer nicht übel. Allerdings behauptete er. daß Stapinski sein Lehrmeister war und von dem weiß man ja bereits, daß er ein tüchtiger Politiker ist. Diese reizende Idylle aus dem Polenklub erfährt noch eine heitere Fortsetzung durch die Schilderungen des Verteidigers Dr. Heski. Am 6. November, also kurz nach der Absendung dieser Briefe, fand in Turby eine Versammlung statt, in der auch unser ehrwürdiger Pater Stojalowski zum Kampfe gegen die Juden aufforderte. Hierauf folgte eine Rettungsaktion der Bauern gegen die Juden, W i a c e k arrangierte eine heilige Messe in der Kirche, in welcher Gott der Dringlichkeitsantrag gestellt wurde, Turby vor jüdischen Schenkern zu bewahren. In einem jener flammenden Artikel, die nur der reinsten Ueberzeugung entspringen, schrieb er: „Brüder, Bauern! Wehren wir uns, der Teufel schläft nicht! Allmächtiger Gott! Bewahre die Gemeinde Turby vor dem Schenkerteufel! Gemeindevorsteher und Bauern, schlaget mit dem heiligen Kreuz den Teufel tot, damit er nicht neue Schenken in Turby errichte." Nach dieser Aufforderung mußte sich der Abgeordnete aber sehr tummeln und die Ausbezahlung des Wechsels Golinger über 2000 K wurde gleich für den nächsten Tag angesetzt. Die Verhandlung in Tarnobrzeg wurde aus irgend einem tiefsinnigen Grunde vertagt, die Entscheidung, die übrigens für uns ganz irrelevant ist, für einige Zeit hinausgeschoben. Aber die bisherigen Ergebnisse genügen vollständig, um ein grelles Blitzlicht auf die sauberen politischen Verhältnisse gewisser Kreise zu werfen, um eine Hetzjagd zu beleuchten, in der Tausende von notleidenden Juden geradezu in die Arme gewissenloser, bestechlicher Individuen, für die ein Nationalzuchthaus und eine gemeinsame Peitsche passender wäre, als ein Parlament, erbarmungslos getrieben werden. Wir haben uns an das Wörtchen Korruption bereits so gewöhnt, daß es selbst in einem solchen Falle wie eine abgeleierte Phrase klingt. Diese Männer, aus dem Volke und vom Volke gewählt, sind bereits über das Stadium einer gewöhnlichen, anständigen Korruption weit hinaus und überraschen uns durch die Kompliziertheit ihrer Verderbnis. Und das find die bäuerlichen Abgeordneten, die biederen Seelen, die in geschmierten Stiefeln ins Parlament kommen und jedem treuherzig einen schwieligen Händedruck versetzen. Aber Klerisei und Partei vollbringen oft in kurzem Wunder an Dreffur. Wenn das so weiter geht, so werden wir bald dem Parlament einen Zubau geben müssen, in dem sich ein Landesgericht für Parlamentarier etabliert. Thekla Blech-Merwin. Iuditäumsausstelluug im Künstlerhaufe. In ganz Kurzem sind in Wien der Kunst zahlreiche Tempeln errichtet worden; seitdem repräsentiert ein jeder von ihnen eine bestimmte Strömung in der Kunst, ein jeder hat seinen bestimmten Kreis von Anbetern. Heiden oder gar Götzendiener hats ja zu allen Zeiten gegeben. Und nun begeht das Künstlerhaus seine Halbjahrhundertfeier. Wenn die Kunst Jubiläen feiert, so liegt darin eine feine Ironie; denn in ihr liegt doch das ewig Junge. Glücklicherweise merkt es man der Kunst selbst nicht an, sondern nur der Geburtsschein verrät uns das Alter; wie man bei einer Frau nie nach dem Alter fragt, wenn sie nur ihre Schönheit bewahrt. Daß gerade jüdische Künstler so zahlreich in dieser Jubiläumsausstellung vertreten sind, erfüllt uns mit Stolz und Freude. Es ist noch gar nicht lange her, da war im Künstlerhaus nur ein jüdischer Maler, Isidor Kaufmann; noch zwei Jahre und er feiert das Vierteljahrhundert seiner Mitgliedschaft; sieben Jahre später gesellte sich ihm Leopold H o r o w i tz bei und erst von 1900 an ist eine ganze Reihe von jungen, hochbegabten Künstlern aufgetaucht, die sich im Sturme einen bedeutenden Namen in der Kunstwelt geschaffen. Sie alle sind heuer erschienen, an ihrer Spitze in jeder Hinsicht Isidor Kaufmann und dann — Leopold Horowitz. Isidor Kaufmann bringt diesmal drei Bilder. „Sabbatheingang" betitelt er das eine. In weißer Stube steht eine Frau in echt jüdischer Tracht und segnet die Kerzen; sie erwartet den aus dem Tempel heimkehrenden Mann, draußen kämpft das Licht mit der Dämmerung. Ganz in tiefheilige Andacht ist diese Frau versunken und wie ein Schein von Ueberirdischem liegts über dem Gesicht. Durch das geöffnete Fenster streicht der Blick über die blühende Natur, bis in der Ferne die Berge den Himmel berühren, als ob Irdisches und Ueberirdisches so nahe aüeinandergrenzten. In diesem Bilde liegt eine Poesie, eine seelenvolle Weihe, die vom Herzen kommend laut zum Herzen spricht. Dabei ist das malerische Problem, das Weiß in Weiß, in vollster Meisterschaft gelöst. — „Den Sohn des Thoraschreibers aus Wielkowice" und den „Tempelvater aus Przeworsk" stellen die beiden anderen Bilder dar. Jedes von ihnen erzählt ein ganzes Leben. Mit einer Feinheit und Weichheit sind diese Meisterwerke behandelt, die nicht mehr zu übertreffen, einer Kunst, die nur mit den alten Meistern zu vergleichen ist. Wohl uns, daß wir diesen Großen als den unseren bezeichnen können. Aus demselben Stoffkreis, aus dem Altmeister Isidor Kaufmann schöpft, holt auch Lazar K r e st i n seine Motive.' Wir müssen es eingestehen, er hat ein schweres Stück Arbeit vor sich, will er seinem Meister würdig zur Seite treten. In Jerusalem bat er zwei Jemenitenköpfe gemalt; ehrlich empfunden zeigen sie den ihnen charakteristischen Typus. Weitaus am besten ist sein Porträt des Dichters „Morris Rosenfeld". Wir hatten Gelegenheit, den Dichter persönlich kennen zu lernen; das Wehschmerzliche im Ausdrucke ist glänzend wiedergegeben. L. B. E i ch h o r n und I e h u d o Epstein haben in früheren Jahren Szenen aus dem jüdischen Leben dargestellt. Nun ist's anders geworden. L. B. Eichhorn hat im Aufträge des Erzherzogs Franz Ferdinand ein Bild für die neue Hofburg gemalt. „Die Sturmdeputation der Protestanten und Ferdinand II." ist in einem Triptychon festgehalten. Ein schweres Problem, das der junge Künstler ausgezeichnet gelöst hat. Nummer 129 ist wohl das beste unter den drei Teilen; dieses Bild hat Leben und Ausdruck. Jedenfalls eine Leistung, der volle Anerkennung gebührt. Jehudo Epsteins „Im Gemüseladen" zeigt viel Lebhaftigkeit, entsprechend dem Süden, aus dem es stammt. Der Akt in der Mitte befremdet uns ein wenig in Farbe und Haltung. Wenn dieser begabte Künstler der Kraft, die aus seinen Bildern unzweifelhaft spricht, ein tieferes Eingehen und Studium zugesellen wollte, könnte er noch Besseres leisten. Sein Bild „Versehgang" leidet an ungünstiger Verteilung der Personen im Räume, ist vielleicht unserem Empfinden nach seinem Hauptwerke vorzuziehen. Den Porträtisteu voran schreitet Leopold H o r o w i tz. In seinem „Bildnis des Fräulein M." zeigt sich sein gewaltiges Können. Die Behandlung der Farbe ist nobel, edel in Haltung und Linie. Ebenso trefflich ist das Porträt des Dr. A. N. David K o h n bringt zwei Rötelststudien, die eine stellt seine Tochter dar, ungemein weich, die andere ist ein Studienblatt, auf dem er zahlreiche Köpfe in seiner bekannten wohlstudierten Manier gezeichnet hat. Nikolaus Schatten st ein und V. W. K r a u s z sind die beiden jung-jüdischen Porträtisteu. N. S ch a t t e n st e i n s „Porträt des Mr. Vilmarth" ist ausgezeichnet in der Bewegung, nur im Ton zu gleichmäßig braun, Hände, Gesicht, Mantel, Schuhe und Boden haben dieselbe schmutzigbraune Farbe. Das zweite Bildnis der Baronin Stefi G. ist elegant in Auffassung und Erscheinung. V. W. K r a u s z hat nur ein Bildnis des Herrn Franz Freih. v. D i r s z t a y ausgestellt, das zu den guten Porträts der Ausstellung zu rechnen ist. Damit hätten wir im Wesentlichen der bedeutendsten Werke Erwähnung getan; sollten wir beim ersten Rundgang etwas übersehen haben, soll es demnächst nachgeholt werden. Aeußerungen Sr. Majestät des Kaisers zu jüdischen Künstlern. Samstag den 18. d. M. wurde die Jubiläumsausstellung im Kllnstlerhause in feierlicher Weise durch den Kaiser eröffnet. Auf dem Rundgange geruhte der Kaiser zahlreiche jüdische Künstler durch Ansprachen auszuzeichnen Als einen der ersten sprach der Monarch den Maler Isidor Kaufmann an. „Sind alle drei Bilder von Ihnen?" Der Künstler bejahte, und erklärte hierauf dem Kaiser sein Gemälde „Sabbatheingang". Der Monarch sprach dem Künstler in hervorragender Weise seine Bewunderung aus. Das Bild wirkt ergreifend und ist von überwältigender Empfindung, die Durchführung ungemein fein. Zu den beiden anderen Bildern gewandt, sprach der Kaiser: „Sie malen diese Typen an Ort und Stelle?" Der Künstler bejahte, worauf der Monarch sich mit den Worten: „Sehr schön!" verabschiedete. Maler David K o h n wurde von Sr. Majestät in ein Gespräch über eines seiner Bilder gezogen. Der Kaiser fragte den Künstler „wen die Studie darstelle?" Der Künstler erwiderte: „Meine Tochter". „Sehr fein durchstudiert", bemerkte Se. Majestät. Ten Maler Jehudo Epstein fragte der Kaiser, ob er das Bild „Im Gemüseladen" nach der Natur in Italien gemalt habe, was der Künstler bejahte. Das Porträt der Budapester Baronin Stefi G u t m a n n von Nikolaus Schatten st eiu fand der Kaiser sehr intereffant und fragte, ob die Dame eigens von Budapest nach Wien gefahren sei, was der Künstler bejahen konnte. Der Kaiser besichtigte das Porträt des Baron Dirszlay von V. W. Krausz und bemerkte: „Ein eleganter junger Mann. Sehr hübsches Bild." Lange verweilte der Monarch vor dem Triptychon L. B. Eichhorns „Die Sturmdeputation der Protestanten und Ferdinand II.". Der Künstler erklärte dem Monarchen die Bilder. Das erste Bild fand der Kaiser sehr charakteristisch und packend. Der Kaiser stand vor dem Mittelbilde und sagte: „Die Inbrunst des Gebetes kommt auf dem Bilde sehr gut zum Ausdruck". Vor das dritte Bild tretend, äußerte sich der Kaiser: „Das Bild ist sehr lebensvoll!" Zum Schluffe fragte der Monarch den Künstler, ob er schon früher ein größeres Gemälde gemalt habe, worauf der Künstler erwiderte: „Die Wallfahrt". Im französischen Saal ließ sich der Kaiser den Porträtmaler Leopold Horowitz vorstellen und bewunderte das Bild des Frl. M o r a w i tz, das er sehr lebensvoll fand.