Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 179 Je mehr ich sprach, desto ernster, desto trauriger wurde das Antlitz des königlichen Sängers. Die Augen bohrten sich fragend in mein Gesicht, sie drangen in mein Innerstes und suchten und forschten. Mit einem Male donnerte mir ein kräftiges „Nein!" entgegen. „Nein, nicht das ist es, was meinen Werken ein langes Leben schuf, was sie unsterblich macht! Der Gedanke, die Empfindung, denen sie entsprungen sind, das gibt ihnen jene geheime Ueberlebenskraft." Nun, hätte ich Sr. Majestät gerne ein Privatissimum gehalten, über unsere Meinung von der Idee im Kunstwerk. Wir wollen bekanntlich Kunst um der Kunst willen — ja beileibe keine Idee! Aber ich kam überhaupt nicht mehr zu Worte. Der König fuhr fort: „Jene große Idee, die hier zuhause ist, aus diesem Boden gewachsen, in dieser Luft schwebend, die ist es, die meine Psalmen geschaffen hat." Und Wieder schloß er die Augen und sprach wie unbewußt i „Als Samuel kam gen Bethlehem und mich salbte im Namen des Herrn, der war, ist und sein wird, da kam es über mich, wie ein großer Stolz. Mir durfte kein Leid geschehen, ich konnte nicht fehlgehen. So schlug ich den Philister. Als ich aber sähe, wie sündhaft Saul sei, her gesalbte König, da erbebte mein Herz. Und Samuel lehrte mich und wies mir den Weg, Er las mir die Lehre Mosis und ich verstand bald ihre innerste Meinung- „Gott ist in Allem, was da lebet, und alles Seiende ist Gottes und darum ist alles Lebende gleich vor ihm, ausgewählt aber Jene, die ihn verstehen." In Ziklag.auf dem Berge war's, wohin ich vor Saul geflohen, dort ward meine Seele erleuchtet. Ich war geflohen, mein Leben zu retten und fürchtete den Tod. Da sah ich hinunter in die blühende Welt unter mir. Die, Bäume beugten sich im Wehen des Windes, die Wasser glänzten im Sonnenlichte, die Aehren schwankten unter der Last der Körner. Alles voll Leben und Kraft, und ein feierlicher Odem zog über die Erde. Mein trübes Herz ward fröhlich, meine zerknirschte Seele jauchzte. . Sie erhob sich, sie schwebte frei im Raume, Gott zu suchen — und voll seiner Herrlichkeit kam sie zu mir zurück. So ward ich Gottes und sang von ihm, der unsterblich ist." Die Unterredung begann mich zu interessieren. Ich dachte: nicht jeder Schreibersmann wird so ohne weiteres vom König David empfangen. Das muß man zu einem regelrechten Interview ausnützen. „Gestatten, Majestät." begann ich meine Fragen, was Sie da sagen, das ist ja der reine Pantheismus, verwässerter Spinoza! Nach unserer Ueberzeugung haben Sie doch einen eigenen, genau umschriebenen Nationalgott besessen." Da bekam ich eine Antwort, die mir keine zu sein schien. „Saul war ein König, der erste in Israel. Das Volk wollte seine ganze Macht in einem Manne sehen. Und Saul fiel, weil er den Gedanken nicht faßte. Das Volk wollte seinen Gott sehen, doch er blieb unsichtbar — vor ihm her zog der Gedanke. Und ich diente dem Gedanken, der Gottes ist. Sie aber kamen und baten: Baue ihm einen Tempel, Deinem Herrn! — Aber ich baute Gott kein Haus. Doch als sie die Bundeslade brachten, darin das Wort des Herrn lag, da tanzte ich vor ihr. Und ich sang ihm Lieder, dem großen Gedanken, der uns überliefert war und den nur wir verstanden und kein anderes Volk zu jener Zeit." Ich suchte das Gespräch zu wenden. „Majestät mögen verzeihen, aber Höchstdero Sohn haben^doch schließlichLeinen Tempel errichtet."; Darauf der König: „Immer drängen die Menschen zum Verkörpern der Idee, und dann zerstören fie, was sie geschaffen." „Wir meinen." warf ich ein, „daß der Tempel als Mittelpunkt des Reiches auch politischen Zwecken diente." Der König seufzte. „Es ist ein ewiges Mißverstehen! Die den Gedanken haben, suchen die Gewalt und die Herren der Gewalt wollen die Gedanken beherrschen. - Mein Sohn nahm Frauen aus aller Herren Länder, denn er dachte, die Völker zu vereinen und seinem Gotte zuzuführen. Aber Gott ist unübertragbar, den muß Jeder finden im Tiefsten seines Herzens, -auf daß er ihn besitze." „Ach, Majestät." wandte ich ein, „das widerspricht den Dogmen. Das könnte Ihnen bei uns sehr schaden." Der König fuhr fort: „Und wieder leuchtete ein Stern auf in Bethlehem über einem Sohne meines Stammes. Das Wort von der Liebe zog durch die Lande und übers Meer und weit hinaus bis an die Grenze des Lebens. Der Ruf ertönte aus Jerusalem und widerhallte von den vier Enden der Welt: „Friede den Menschen, die eines Gottes sind, Kinder eines Vaters!" Eine große Pause trat ein. Der König seufzte tief auf, dann sprach er mit gepreßter Stimme: „Von hier strahlte das Licht und zurück kam die Finsternis. Von hier zog der Friede aus und heim kam der Krieg. Sie bauen hier Gotteshäuser, jeder in seiner Weise, und streiten, wessen die bessere sei: sie bekriegen und bekämpfen sich im Namen der Liebe. S i e wollen zu viel und erreichen zu w e n i g. Mein Gott ist ewig und mein Volk ist nahe. Der Tempel Salomonis rufet voll Sehnsucht nach allen Menschen, sie zu einen, aber sie kommen nicht/Später zog aus Bethlehem die Sehnsucht, Himmel und Erde zu vermählen — Uebermenschliches wurde ersehnt und Unmenschliches kam oft ans Licht." Das war ein gutes Stichwort für mich, eine Anknüpfung. um aus dem Metaphysischen in die Sphäre des Tages zu kommen. „Jawohl, Majestät," stimmte ich ein. „und wie die Kinder Ihres Stammes behandelt werden! Die Straßen Jerusalems sprechen davon. Arme, kranke Juden aus Marokko, fieberhafte Kinder Israels aus Persien, halbverhungerte Söhne Davids in Arabien, aus Rußland, aus Polen, eine rechte Musterkarte des Elends, die auf ein nettes Warenlager von Jammer in den Ländern schließen läßt, aus denen sie kommen." „Sie haben die reine Idee," unterbrach er. „Reine Kleider wären ihnen besser," witzelte ich. Der König blickte finster. Ich suchte den üblen Eindruck zu verwischen. „Majestät, verzeihen, aber wir leben im Jahrhundert der wirtschaftlichen Weltanschauung: nicht die Ideen regieren mehr, sondern das Geld." Er schüttelte das Haupt. „Majestät, verzeihen, in letzter Linie das Geld. Die bösen Antisemiten in Wien wollen den Juden aber gerade das Geld nehmen, auch denen, die es nicht haben. Die Idee hat gar keinen Wert bei uns. höchstens wenn man aus ihr ein Theaterstück macht. Das trägt noch etwas. Die Poesie weicht der Tantieme. Der liebe Gott ist ganz aus der Mode, und wer an ihn glaubt, dem schlägt man die Fenster ein." Der König hörte mich gar nicht mehr, er hob die Arme empor und ich fühlte, wie wir in die Höhe strebten. Der scharfe Luftzug nahm mir die Worte aus dem Munde, daß sie ungehört verhallten. Wir zogen immer zweiter in die Höhe. 8 Wie wir so in die Lüfte wanderten, überlegte ich. »was das bedeuten solle. Ich fürchtete so eine Art Wan-