Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 176 Dr. Blochs WochenWMt. Nr. 11 Wahrend ich die Verbeugungen erwiderte und darüber nachdachte, wie die Herren wohl in ein Gespräch zu ziehen seien, erklang ein sanfter Chor. Die Teppiche rückten auseinander, der Raum, in dem wir standen, entschwand den Blicken, es hob uns in einer sanften Luftwelle leicht zur Höhe, während ein zartes Dämmern die Augen erquickte. Der Chor tönte näher: „Wer wird auf seinem Berge wohnen und wird stehen auf seiner heiligen Stätte. . . Der reine Hände hat und unschuldigen Herzens ist der nicht Lust hat zu loser Lehre und schwöret nicht fälschlich. — Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe." Und wie auf ein gegebenes Wort flogen alle Türen auf, ein Rauschen zog durch die Hallen, ein harmonisches Wehen und sanftes Klingen umschmeichelte die Sinne. Eine ernste Stimme ertönte mit markiger Kraft durch die zarten Akkorde: „Ihr Heiligen, lobsinget dem Herrn, danket und preiset seine Herrlichkeit! Denn sein Zorn währet einen Augenblick, und er hat Lust zum Leben: den Abend lang währet das Weinen, aber des Tages die Freude." Die Harmonien umschlangen das Wort, sie umkosten den herben Ton, daß er gedämpft und wohltönend durch die Luft drang. Die Musik wurde immer stärker, die Harmonien markiger — aus dem Dunkel des unermeßlichen Raumes drang ein weiches Licht. Rosenfarbene Tinten verschmolzen mit Purpur, ein leises Glühen und Gleißen — und immer mächtigere Tonwellen, ein hell aufsteigendes Lied: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes — und die Feste verkünden seiner Hände Werk. Ein Tag sagt es dem andern und eine Nacht tut es kund der andern. Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme hört. Ihr Faden geht aus in alle Lande und ihre Rede an der Welt Ende — er hat der Sonne eine Hütte darin gemacht. Sie geht auf einem Ende des Himmels und laufet wieder an das Ende und bleibet nichts von ihrer Wärme verborgen." Ein warmer Sonnenstrahl drang durch die Krystallkuppel, die hoch oben schwebte, nahe dem Himmel, und erhellte den weltenweiten Raum mit herrlichem Glanz. Da ich emporblicken wollte die geheimnisvollen Chorsänger gu sehen, schoß mir ein scharfer Lichtstrahl ins Gesicht, daß ich geblendet die Augen schloß. Als ich sie wieder öffnen konnte, stand ich vor einer hohen Mannesgestalt. Ein mächtiger, brauner Bart floß über das lange Gewand, die wallenden Haare hielt ein schmaler Goldreif: in der linken Hand ruhte sein Saijienspiel. Das tiefdurchfurchte Antlitz war in die Farbe satter Seligkeit getaucht. Die Augen blickten himmelwärts. Die Lippen bewegten sich leise. Dann legte er den Psalter beiseite. Das Gesicht ordnete sich zu tiefem Ernst. Die Augen richteten sich abwärts: sie blickten auf mich. — Dann Hub er an zu reden: „Du bist tapfer mit Deinen Augen, darum siehst Du, was Vielen verborgen ist, und erlangst Gnade. Viele kommen her gen Zion und finden den Staub auf den Straßen, die Hitze im Gemäuer, die Ruinen auf den Bergen und leere Gräber im Gefels. Dann ziehen sie heimwärts ihrer Straße und künden auf dem Wege: Zion ist gestorben und Jeruscholajim geschleift. David ruht starr im Sarge, er liegt leblos im Tiefen allein. — Der aber Augen hat, der soll sehen, wer Ohren hat. der soll hören." Er setzte sich auf einen breiten Stuhl von Olivenholz und stützte seine Arme auf die wuchtigen, geschnitzten Armlehnen. Das Gesicht verfiel, die Augen schlossen sich. — Der Schreiber stand noch immer regungslos in tiefer Verbeugung. — Lautlose Stille herrschte... . : Da wurde mir's unheimlich. „Gestatten, Majestät," wagte ich einzuwenden, „in der Tat, es ist furchtbar staubig hier — auch die Hitze quält sehr — besonders weil es doch nur Cisternenwasser gibt, das voll Bakterien sein kann, und Bier nur in einer einzigen deutschen Kneipe. Kein Wunder, wenn die Leute etwas enttäuscht davongehen. — Und schließlich. Majestät mögen entschuldigen, tatsächlich beliebten Sie doch vor einigen Tausenden von Jahren zu sterben und Höchstihr Grab wird von den Muhammedanern so eifersüchtig bewacht, daß man es gar nicht zu sehen bekommt." Der König sprach, hielt aber die Augen geschlossen: die Rede kam wie unbewußt aus seinem Munde. „Der Du die Menschen lässest sterben und sprichst: kommet wieder Menschenkinder, denn tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der gestern vergangen ist." „Seraja, Seraja!" rief er. Der Schreiber erhob sich aus seiner gebeugten Stellung.; - =1 £!-V|»l „Seraja, wie heißt es weiter?" Seraja rezitierte: wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Nachtwache." „Gestatten, mein königlicher Herr, Psalm neunzig, Vers vier war es . . . Erinnern sich Majestät an 'Vers zehn desselben.Stückes, der dann durchs ganze Land schwebte wie eine Möwe und wieder zurückkam wie eine Taube, die in ihr Nest fliegt?" „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig — und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen." - „Als ich das zum erstenmal unten im Tale Josaphat vorgelesen hatte, da kamen die Leute und küßten das Pergament — besonders die alten Männer waren außer sich, sie wollten alle den Psalm geschrieben haben. — Zwei Schekel Gold bekam ich fürs Stück, und jedes vollendete Blatt wurde von anderen Schreibern abgeschrieben und jenes wieder von weiteren — das ganze Land war voll des Liedes. Ach, welche Zeit! Damals, wo die Hirten mit Deinen Hymnen zu Berge zogen, o, Herr und König!" „Das Meer sah und floh, der Jordan wandte sich zurück, die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe." „Das war auch ein wunderbar Lied, aber kurz. Sie lernten es Alle auswendig, ,die Landsleute — .es war leicht zu behalten und trug mir nichts ein." Die zusammengesunkene Gestalt des Königs begann sich zu regen, das Gesicht belebte sich.' Die -Erinnerung an seinen Dichterruhm schien ihn zu bewegen. Da dächte ich denn auch meinerseits zum Lobe des königlichen Dichters ein klebriges zu tun. Denn schließlich, etwas Eitelkeit haftet allen Poeten an. „Gewiß", stimmte ich ein, „die Erfolge Eurer Ma- - jestät müssen ungewöhnliche genannt werden, denn noch heute werden Höchstihre Werke mannigfaltig gedruckt und viel gelesen, fleißig rezitiert und vielfach in Musik gesetzt und gesungen." Die Gestalt stand nun hochaufgerichtet vor mir, im Gesichte ein tiefer Ernst, fast an Trauer grenzend. Es ist bekannt, daß jene Rezensenten, die zu sehr loben, an Wert verlieren : ich war daher mit meinem Urteil sehr zurückhaltend und das, meinte ich, verdrieße den königlichen Autor. Ich begann nun, die einzelnen Vorzüge seiner Dichtungen hervorzuheben: den Glanz der Sprache, die Plastik des Ausdrucks, die poetische Wirkung der Bilder.