Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 16t» Dr. Blochr Wochenschrift. gekannt habe, und daß ich mit ihm sehr befreundet gewesen bin: mit Theodor Herzl. Theodor Herzl ist, ein Beispiel, an dem Sie den ganzen Leidensweg des.Juden sehen können. Wiism Sie, was Theodor Herzl war, wie ich ihn kennen gelernt habe? Er war deutschnationaler Burschenschafter. So fing er an. Und er war ein ausgezeichneter deutscher Burschenschafter. Mit der psychologischen Geschmeidigkeit, die dem Juden eigen ist, hatte er im Gehirn das ganze Deutschtum ausgenommen und wußte es nun sozusagen plastisch auszudrücken. Zum Lohn dafür beschloß seine Burschenschaft, als er im dritten oder vierten Semester war, die Juden aus der Couleur cum infamia zu chassieren. Das war das große Jugenderlebnis Herzls. Er, der der bedeutendste unter diesen Leuten war, er, dem es am ernstesten war mit dem Deutschtum, er wurde herausgeworfen, obwohl ihn alle gern hatten. Nun ging Herzl nach Berlin. Nun versuchte er, Weltmensch zu sein. In Berlin fungierte er als Wochenplauderer des „Berliner Tageblatt" in halbfranzösischer Art, etwas, was ihm, wie alle Dings, die dieses starke Talent angriff, vortrefflich gelang. Nach außen. Für sein eigenes Empfinden nicht. Denn er war ein Mensch von einer solchen inneren Unschuld, daß er in der geringsten Verlogenheit nicht eristieren konnte. Und so war dieses Weltmann-in-Berlin-Spielen für ihn bald unerträglich und rasch ergriff er die erste Gelegenheit, um nach Paris zu kommen. In Paris hat er das ganz große, aufrüttelnde Erlebnis seines Daseins gehabt. Er hat mir dies oft mit schlichter Einfachheit und doch so wunderschön erzählt. Er war dabei, als journalistischer Berichterstatter für die „Neue Freie Presse", wie dem Hauptmann Dreyfus die Epauletten vom Leibs gerissen wurden. Und er hat mir geschildert, wie die Gesichter der Menschen ringsherum ausgesehen haben und wie es für ihn war, als hätte er bisher sein ganzes Leben in einer tiefen Nacht verbracht und plötzlich sei ein ungeheurer Blitz gekommen, der ihm mit einemmale einen Moment lang die ganze Wahrheit enthüllte: er sah auf allen Gesichtern den ungeheuren Haß, nicht gegen den armen Hauptmann Dreyfus, sondern gegen das ganze Judentum, und dieser Anblick, dieser ganz unbegreifliche Haß, das wurde das Motiv zur Umkehr und Rückkehr. Das war der Moment, wo er sich sagte: Du stehst unter diesen Leuten, du spielst mit der Kultur dieser Leute, du fühlst dich noch stolz, wenn du dich der Kultur dieser Leute anpassen darfst, die zu dir und deinesgleichen so stehen, mit diesem verzerrten Haß im Gesicht. Die ganze Dreyfus-Grschichte ist ja gar nichts neues, sie ist schon einmal dramatisiert worden im „Kaufmann von Venedig". Dort wird ein Jude um sein gutes Recht betrogen und alle Menschen freuen sich. Was bedeutet Äas? Das ist: daß jede auf feudalem Boden stehende Gesellschaft isoliert leben will. Wie das Fremde herankommt, hört alle Ethik, alle Aesthetik auf: gegen ihn, den Andersartigen, den Fremden ist alles erlaubt. Das hat sich im Falle Dreyfus gezeigt. Ich fürchte, daß sich eine ganz ähnliche Geschichte im Falle Hilsner abgespielt hat. Die Frage des Zionismus, die Frage des m Palästina aufzurichtenden Iudenstaates oder Kolonisationswerkes ist eine Sache, die ich viel zu wenig versiehe, als daß ich über sie ein Urteil fällen könnte. Sie ist auch, meine ich, nicht so notwendig. Notwendig ist der Judenstaat im Bewußtsein des einzelnen Juden. Wo zehn Juden beisammen sind, dort soll ein Judenstaat sein. Im nationalen Leben kommt es auf rein instinktive Dinge an. Ich kann ein vollkommener Engländer im Denken und Empfinden werden. Aber selbst, wenn ich zwanzig Jahre in England gelebt habe, mit einer Engländerin verheiratet bin und mich scheinbar vollkommen assimiliert habe, dann werden noch kleine. Dinge zum Vorschein kommen, die zeigen, daß ich dennoch kein Engländer geworden bin. Instinktive Dinge lassen sich nicht vom Gehirn aus erraffen. Das, glaube ich. ist der tiefe, psychologische Irrtum der Assimilationsjuden. Was ich sagen will, ist dies: daß nach meiner Ueberzeugung das einzig Notwendige für die Juden und das einzig Notwendige für die anderen Nationen in Europa ist, daß die Juden sich auf ihre eigene Nationalität besinnen, daß sie sich als Nation in Europa organisieren, wobei sie ja in jedem einzelnen Staat sehr gute, brave Staatsbürger sein können, und daß sie als organisierte Nation lob sie nun einen Staat haben oder etwa nur eine große Kolonisation, ist da gleichgültig) sich bekennen und leben. Das Innen ist das Judentum und wenn die Juden sich als Nation fühlen, dann müssen sie. historisch, ob sie wollen oder nicht, auf der richtigen Seite der Menschheit stehen, auf der Seite der Freiheit, auf der Seite des Volkes. Ueberall dort, wo irgend welche Bedrückte sind, dort sind ihre Freunde und nirgends anders. Seien Sie die Freunde dieser Bedrückten, und Sie werden immer auf dem rechten Wege sein. Litrratnr. Krauss 8, Talmulische Archäologie. I. TI. (Grundriss der Gesamt Wissenschaft des Judentums. Schriften heraasgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums) Leipzig 1910, Gustav Fock. M. 15. Das umfangreiche Werk, ans dem in diesen Spalten vor Kurze n eine Probe geboten wnrde, zeigt alle Vorzüge des literarischen Charakters seines Verfassers. Mit peinlicher Gewiasen- Inf.igkeit und erstaunlicher Ausdauer wurden die bibliographischen Belege gesammelt und gesichtet, der Lesbarkeit des Textes zuliebe (las Gewimmel schier unzähliger Anmerkungen in das Hintertreffea formiert. Dieser erste Band behandelt einen Riesenstoff in den Kapiteln: Wohnung und Hausgerät, Nahrung und ihre Zubereitung, Kleidung und Schmuck und Körperpflege. Dem Er cheinen des zweiten Bandes sehen wir mit Spannung entgegen. Er wird uns die Möglichkeit bieten, über das monumentale Werk unser Urteil abzugeben. L. R. M. Bienenstock. Das jüdische Element in Heines Werken. Verlag für Literatur, Kunst und Musik, Leipzig 1911. M. 3.50, geh. M. 4.50. Ueber ein bis zur Ermüdung beackertes Thema ein lesbares Bnch zu schreiben, ist eine achtungswerte Leistung. Sie ist hier vollbracht. Objektiv wird Heine mit seinen Vorzügen und Fehlern geprüft und genau abgewogen, was dem Konto des Judentums in ihm zufallt. Seine lyrische Kunst kommt voll zur Geltung. Dia Virtuosität seiner Uneiuheitlichkeit wird mit Recht als das Vorbild der Dekadenz des modernen Gefühles und der Vernunft bezeichnet. x. Schrutz D. Mütterchen’s Ehrenbuch. Verlag Anton Heidelmann, Bonn a. Rh. 1911. M. 2.—. Seit Chaxissos „Fraueuliebe und -Leben“ haben wir ein solches Buch nicht wieder erhalten. Es ist jetzt, da es uns vorliegt, unbegreiflich, weshalb man so lause darauf warten musste. Durch das Ganze klingt eine sinnige Wehmut. In dieser Anthologie deutscher Dichter hat man auch einem Heine den Platz nicht verweigert. Mancher wird staunen, selbst Saphir hier zu begegnen. Wo er von der Mutter spricht, verliert sogar er die Grimasse. x. Heinrich Heine s sämtliche Werke in 10 Bänden. Unter Mitwirkung von Jonas Frankel, Ludwig Kräh», Albest Leitzmann und Julius Petersen, herausgegeben von Oskar Walzel. Jeder Band gehaftet M. 2. —, in Halbpergament M. 3.-. Vorzugsausgabe (einmalig): 1000 Exemplare auf Insel-H ulerupapier. Geheftet M. 5.—, in Halbleder M. 7.—, in Leder M. 10.-. (Iusel-Veil.ig, Leipzig, Kürzest,asse 7.) Heine, Bd. VII, 5o4 8. Heine’s Aufsätze über die Romantik und das vorhergehende deutsche Geistesleben haben auch für den heutigen Leser wahre Blüten geistvoller Literaturbetrachtung, durch Walzel einen Kommentar erhalten, der nur als verbild ich tür d e Lösung ähnlicher Aufgaben bezeichnet werden kann. Das ist gewiss ein erfreuliches Prognostiken für das Fortschreiten dieser zugleich an Ausstattung und Billigkeit unübertrefflichen Heine-Ausgabe; den bereits erschienenen Bänden VII und IX werden zunächst die Bände I bis III (enthaltend alle Gedichte und D amen und Walzel’s Gesamteinleitung fo'g-n.