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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 10 Dr. BloHs WocheMM. Seite 163 Feuilleton» Me Inden in Oesterreich. Vortrag von Hermann Bahr. Ich möchte hier über das so merkwürdige, für alle Nationen Europas so bedeutungsvolle Problem des Judentums sprechen, und zwar so, wie es mir am ersprießlichsten scheint, ganz von meinen eigenen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen aus. Ich bin kein Philosoph, kein Prophet, kein Seher, ich kann Ihnen nicht versprechen, die Wahrheit zu sagen. Ich kann nur meine subjektive Wahrheit sagen. Das, was ich mir denke, wird wahrscheinlich für keinen von Ihnen richtig sein. Denn es gibt, meine ich. nur subjektive Wahrheiten, die man sich nach eigenen Erfahrungen für sich zum persönlichen Gebrauch zu eigen gemacht hat, und es gibt nur eine wissenschaftliche und Kulturaufgabe jedes einzelnen: seine persönlichen Eindrücke zu prüfen, zurecht zu legen, durch Erfahrung zu erhärten, dann aber auf ihnen zu bestehen. So lassen Sie mich in ruhiger und sachlich-persönlicher Weise ein paar Dinge über das Judentum in Oesterreich sagen, die mich befremden, die mich verwundern, erstaunen, interessieren, die mich zum Teil bewegt haben. Vorher: Ich bin kein Jude. Ich stamme väterlicherseits aus den Rheinlanden, von wo mein Vater nach Oesterreichisch-Schlesien eingewandert ist, und mütterlicherseits aus der Gegend, die ich in Oesterreich am wenigsten schätze, aus der kleinen Bureaukratis, aus den Staatsdienern. Mir ist das nicht sehr sympathisch. Aber niemand kann ja für seine Geburt und ich habe mich mein ganzes Leben lang bemüht, diese Tradition in meinem Blute zu überwinden und das Gegenteil davon zu werden. Aber es ist, soweit man in diesen Dingen irgend eine Sicherheit haben kann, ziemlich unwahrscheinlich, daß ich einen Tropfen jüdischen Blutes in mir habe. Das hat aber nicht verhindert, daß in gewissen Zeitungen, wenn ich nämlich etwas diesen Zeitungen Unangenehmes sage oder schreibe, zu lesen ist: „Der Jude Hermann Bahr" oder, daß ich als ein besonders krasser Fall jüdischen Geistes zitiert werde. Es gibt eine deutsche Literaturgeschichte von einem deutschen Professor, in der ein Kapitel, das Kapitel über das junge Wien, mir gewidmet ist, und in dem an meinem Beispiel gezeigt wird, wie jüdischer Einfluß ein ganzes Land korrumpieren kann. Nun, ich habe den Herrn nie berichtigt. Es hat mir widerstrebt, dies zu tun, weil da leicht das Mißverständnis «ufgekommen wäre, als würde ich mich etwa schämen, ein Jude zu sein. Ich würde mich aber genau so wenig schämen, ein Jude zu sein, wie ich mich schämen würde, ein Franzose oder Japaner zu sein. Ich achte alle Nationen gleich hoch. Alle sind mir gleich wichtig in dem großen geheimnisvollen Schauspiel des Lebens. Ein eifriger Freund von mir war über jenen deutschen Professor -gekränkt und schrieb ihm einen Brief, worin er ihm nachwies, daß ich kein Jude sei. Er forderte ihn übrigens auch auf. mich anzusehen, worauf er dies sofort bemerken würde. Der große deutschnationale Autor antwortete darauf, das sei ihm ganz gleichgiltig. Wenn ich auch kein Jude sei, so sei ich doch ein Jude, und wenn ihm nachgewiesen würde, daß ich keinen Tropfen jüdischen Blutes haben könnte, so würde ihn dies nur veranlassen, an die Seelenwanderung zu glauben; denn dann sei eben durch einen geheimnisvollen Prozeß in einen rein arischen Körper eine jüdische Seele gefahren. Diese jüdische Seele hat mich übrigens nicht verhindert, eine zeitlang recht antisemitische Stimmungen in meinem Busen zu hegen und so manchmal auch recht deutlich auszusprechen. Ich habe mich dann mit einer Jüdin in erster Ehe verheiratet und mich dabei sehr wohl gefühlt. Ich habe viele jüdische Freunde, ich kenne das jüdische Familienleben. Ich habe mich sehr oft in starker innerer Opposition gegen Juden befunden. Ich habe also Erfahrungen gesammelt. Und nun will ich einige dieser Beobachtungen und Erfahrungen, die mir seltsam waren, hier mitteilen. Ich blicke herum bei jüdischen Familien und sehe hier, daß die Leute sich taufen lassen. Man sagt meist: aus Heuchelei oder aus irgendeiner Streberei. Ich weiß es nicht. Nichts ist törichter, als über Motive zu sprechen. Wir können die Menschen nicht „aufmachen und in sie hineinsehen. Wir täuschen uns immerfort. Diskutieren können wir nur so, daß wir bei jedem Menschen anständige Motive voraussetzen. Aber das Merkwürdige ist: Juden, die nur das Bedürfnis haben, aus ihrer Vergangenheit herauszukommen, und die sich dies durch die Taufe zu erleichtern glauben, bekommen nun sehr oft denn die Erscheinung ist typisch - ein fanatisches Verhältnis zu dieser angenommenen Religion. Ich kenne Juden, die direkt katholische Mystiker geworden sind. Einer meiner besten Freunde, ein Jude, hat sich ohne jeden äußeren Anlaß taufen lassen. Er will Priester werden und ist einfach ein katholischer Mystiker. Und nun denken Sie sich, wie befremdend diese Erscheinung auf den Durchschnittskatholiken wirken muß. auf den indifferenten Katholiken, für den alles eine Form geworden ist und eine schöne Erinnerung, der die Kirche nicht verläßt, weil er sich sagt: meine Mutter ist so gerne zur Kirche gegangen; weil seine ersten Kindheitseindrücke noch nachwirken und bestehen. Aber das ist alles doch nur so etwas wie eine historische innere Dekoration geworden, in de'- man sich noch gern bewegt, ohne irgend eine tiefere gedankliche oder seelische Beziehung. Und nun denken Sie. wie so ein katholisch mystischer Jude auf diese indifferenten Katholiken wirken muß. Meistens sind sie empört und tun das ihnen Unbegreifliche mit Worten, wie „Schwindel, Hochstapelei. Streberei. Heuchelei" ab. Nun betrachten Sie die andere Art der Katholiken und Protestanten, die heute schon eine große Rolle spielen, ich meine jene, die wirklich wieder ein religiöses Bedürfnis haben. Es gibt heute in Deutschland eine ganz beträchtliche religiöse Bewegung unter den jungen Leuten, die mit dem Materialismus nicht auskommen und nun auf die Zertrümmerung der alten religiösen Formen und auf die Schaffung einer neuen religiösen Form hinarbeiten, einer Reform, die sich mit unseren wissenschaftlichen Anschauungen verträgt. Wie erbittert müssen erst diese Katholiken und Protestanten sein, denen es tiefernst mit ihrer Religion ist, die die fürchterlichsten inneren Krisen durchgemacht haben, um sich vom Dogma zu befreien und um sich auf der anderen Seite vom Durchschnittsmaterialismus frei zu machen, der auf ihre tiefsten Probleme keine Antwort geben kann, und die darum nach neuen religiösen Formen greifen. In ganz Deutschland und England kann man, wenn man aufmerksam hinsieht, sehnsüchtig zum Himmel emporgestreckte Hände erblicken, die nach einer neuen Religion suchen und verlangen. Und nun kommen da getaufte fromme Juden mit religiösen Bedürfnissen und entpuppen sich als die fürchterlichsten religiösen Reaktionäre. Verstehen Sie, wie jeder Katholik und Protestant. ob er nun indifferent oder mit ernsten religiösen Bedürfnissen erfüllt ist, den getauften, aber dabei fromm gewordenen Juden einfach als etwas Entsetzliches ansieht? Statt daß uns diese Leute helfen müßten, schlagen sie sich in die finsterste Vergangenheit zurück und werden so zu Karikaturen. Nun eine andere Seite: die soziale Karriere. Wir alle begegnen im Leben reich gewordenen Juden. Irgendein Jude, der sich sehr schwer emporgearbeitet hat und

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