Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 155 10 Dr. Blocks Wochenschrift. Führerrollen in der Gemeinde. Daher der religiöse und kulturelle Rückgang mancher vergangenheitsstolzen ehrwürdigen Gemeinde. Die talmioithodoxe Intelligenz hat die Orthodoxie als solche kompromittiert. Kein Wunder, wenn die Massen mehr dem kulturfeindlichen, doch oft religiösem Chassidismus zuströmen. Am Aufkommen des Talmi - Orthodoxismus trifft die Hauptschuld die Rabbinen und mit ihnen die offizielle politische Vertretung der Orthodoxie. Wenn jemand früher darauf hinzuweiscn wagte, daß selbst der inzwischen verstorbene gewesene Sekretär der orth. Landeskanzlei durch sein irreligiöses Leben als nur politisch „Orthodoxer" Aufsehen erregte, so antwortete man mit bedauerndem Achselzucken, man habe eben — mangels genügender Auswahl — seine Intelligenz nicht zu entbehren. Heutzutage mehrt sich aber erfreulicherweise die Zahl der ehrlichen Orthodoxen im Kreise der Gebildeten, so daß man auf streng religiöse Aerzte, Advokaten, Professoren Hinweisen kann und auf zweifelhafte Elemente nicht angewiesen ist. Trotzdem werden diese von den offiziellen Kreisen und den Rabbinern ganz offen poussiert. Sie geben sich nämlich blindlings zu Werkzeugen der jeweiligen politischen Jnteressenpolitik her, und zum Lohn hiefür wird über ihr Verhältnis zur Religion der Schleier verzeihenden Vergessens gebreitet. Sie avancieren zu ollen Ehrenämtcrn — vorausgesetzt, daß für sie der Willen des Rabbiners in politicis — suprema lex esto. Der zweite Hauptgrund ist in der Richtung der Rabbinenpolitik zu finden, die leider nicht durchwegs von idealen, sondern zum Teil — man verzeihe das Wort — von hierarchisch - politischen, also klerikalen Motiven geleitet wird. Um mit der Majorität der chassidischen Kollegen nicht in Widerspruch zu geraten, sehen sich selbst unbefangen denkende Rabbiner veranlaßt, über jedes weltliche Bildungsstreben in Bausch und Bogen offiziell den Stab zu brechen, trotzdem sie wissen, daß die Bachurim im Geheimen die Früchte weltlichen Wissens erhaschen, um einer gänzlichen Devalvation ihrer desolaten wirtschaftlichen Lage für die Zukunft vorzubeugen. Die Jeschibahs aber sind die Bollwerke nicht nur des religiösen Wissens, sondern zugleich der wichtigste Stützpunkt der politischen Rabbinermacht. Breitet sich nun die Erfahrung aus, daß auch außerhalb des ttman rva junge Leute zu religiösen Männern herangezogen werden können, die im Gottesgesetz bewandert, auch in ihrem wissenschaftlichen Berufe bei ihren orth. Prinzipien treu aushalten, so ist das Vorurteil, blrß die Jeschibah (und ihre verbreitenden Talmud-Thora-Jnstitute) seien berufen und fähig, ein würdiges orthodoxes Geschlecht heranzubilden, vernichtet, die Anziehungskraft dieser Institute herabgemindert, der Nimbus vieler nach ihrer Schüleranzahl sich bewertenden Talmudlehrer abgeblaßt. Dies muß nun um jeden Preis verhindert werden. Es liegt uns gewiß ferne, die Autorität des Rabbinerstandes nicht auf das Höchste bewerten, die Wichtigkeit der Thoraschulen verkennen zu wollen. Anerkennen wir ja ohneweiters die zwingende Notwendigkeit des „pro ^Kiötw -vrra narr principe. Doch dürfen wir uns bei aller Hochschatzung für die p'-nn, ihre Vertreter und Lehrhäuser nicht verhehlen, daß gerade im Jntereffe der Wahrung heiligster Güter die Kritik nicht verstummen darf, wenn es gilt, Schäden bloßzulegen, Verderbliches wegzuschaffen. Die Gründung eines rinn 'pnna — Landesverbandes in Ungarn beweist zur Genüge, daß man in den gesetzestreuesten Kreisen fühlt, daß die Rabbinerautorität beim Volke brüchig geworden, daß man auf neue, künstliche Mittel sinnt, diese zu kräftigen. Trotz des Mangels detaillierter, offizieller Berichte — nur die hebräisch-deutsche ,A. I. Z." brachte einen dürftigen Kongreßbericht — geriet doch so viel an die Tagesfläche, daß gegen die an Simonie grenzenden Unregelmäßigkeiten bei Besetzung der Rabbinatssitze, gegen den ungeheuerlichen Nepotismus, gegen zahlreiche anwan und andere Mißbräuche bittere Klage geführt wurde. Dabei hatten die Rabbiner-Gründer des Ve'- bandes ein strenges Augenmerk, nur streng rabbinertreue und nicht allzu bildungsfreundliche, weltliche Delegierte in ihre Ausschüsse zu wählen. Dies ist die Lage des Rabbinerstandes in Ungain und ihre wirtschaftliche Not läßt manches begreifen, wenn auch nicht entschuldigen. Die durch die Kongrua gewährte Gehaltsergänzung erteilt der Staat nur an maturierte Rabbiner. Diese aber gibt es infolge der offiziellen Perhorreszierung aller weltlichen Studien nur in verschwindender Anzahl. Die anderen, falls sie nicht Söhne oder Schwiegersöhne erbgesessener Familiendynastien mit angestammtem, einträglichen Rabbinatssitz sind, führen ein sehr prekäres Dasein. Und erst ihre Schüler, die Bachurim, die wore patrio selbst von den ärmsten Elten auf die Jeschiwoth gedrängt werden, wo sie ihre ganze Jugend in kümmerlichster Weise unter Entbehrungen verstudieren, um dann entweder die Tochter eines armen Dajans, eines Krämers, oder ganz mittellos zu heiraten, und der Wohltätigkeit der Gemeinden, falls sie durch Legate und Jahrzeitvereine, sür die rrnn *33 vorzusorgen in der Lage ist, anheimzufallen. Die gegenwärtig unhaltbare Lage der Jeschiwoth wird mehr und mehr eingesehen; doch keiner der Führer besitzt den Mut, der Initiative ohne Rücksicht auf chastidische Autorität und persönlich interessierte Privat-Rabbiner-Kliquen Wandel zu schaffen. Die Jeschiwoth müssen in ihrer gegenwärtigen. Verfassung als noli me tangere erhalten bleiben, ohne Rücksicht auf soziale und wirtschaftliche Folgen. Die Bachurim haben außer Talmud keinen Unterrichtsgegenstand. In H u s z t wird selbst das Lesen einer Zeitung streng verpönt, auf anderen Jeschiwoth dürfen sich die Jünger wenigstens auf privatem Wege aus den unteren Klaffen der Bürgerschule vorbereiten. (Es wird dieses Minimum vom Staate sowohl bei Anstellungen, als auch mit Rücksicht auf den Militärdienst verlangt.) 7*311 und hebräische Grammatik wird offiziell überhaupt nicht gepflegt und dem Privatfleiß der Jugend überlassen. In manchem Jünger sammelt sich die Erbitterung, da er sieht, daß aller Fleiß, Darben und Entbehrung ihn am Ende doch nicht zum Ziele der Existenzgründung führt und er wird ein Ueberläufer, der vom neologen Seminar mit Vergnügen ausgenommen wird. So sieht es mit der orthodoxen Jugend aus, soweit sie sich dem Thora-Studium, sei es als Beruf oder mxa D»b widmet. Die übrige Jugend wird mangels jüdischer Erziehungsstätten oft in noch stärkerem Maße affimiliert, als dies bei Neologie der Fall ist, und nur vereinzelte weltliche und religiös gebildete Familien verstehen es,' ihre Kinder trotz dieser Gefahren für Religiosität und einen höheren Beruf zu retten. Die orthodoxe, kauft ssionelle Schule bleibt mit Ausnahme von Volksschulen nach wie vor ein plnm desiderium. Weder eine Handelsfachschule, noch die Lehrerpräparandie, noch irgendwelche Gewerbe- oder Mittelschule orthodoxen Charakters hat bisher das Licht erblickt. Ob es in Zukunft geschehen wird, ist bei der hierarchischen Verfassung der chaffidischen Rabbinerliga und der Schwäche der Zentrale schwer anzunehmen. Es müßte denn gründlich Wandel geschaffen werden auf allen Gebieten, Unga n besitzt jedoch zur Zeit große Talmudgelehrte, keinen Einzigen jedoch, der, wenn auch im Besitze weltlicher Bildung des großen Samson Rafael Hirsch' Werk endlich auch in Ungarn zu initiieren den Mut fände. Sie sagen, die Orthodoxie Ungarns sei hiezu noch nicht reif, astdere jedoch, daß Neberreife den Prozeß der Fäulnis beschleunige. Wir glauben, die Wahrheit liegt in der Mitte. Noch ist es Zeit, die Krise der Orthodoxie in die rechte Bahn zu lenken, chaff.dtschem Uebereifer und Kulturfeindschaft die Spitze zu bieten, noch ist es Zeit, daß die gebildete und religiöse Kerntruppe der Orthodoxie von den geistlichen Führern gestützt, sich ralliiere, um den beiden Extremen den Krieg zu erklären, noch ist es Zeit, politischen Seelenschacher aus den Hallen der Tempel und Gemeindestuben zu verbannen . . . ., noch ist es Zeit, doch es ist die allerhöchste Zeit, und die zwölfte Stunde hat geschlagen. Historien» Das Opfer eine» österreichische« Justizirrtum». Am 5. Juli 1897 wurde der jüdische Kaufmann Heinrich Hofstädler vom Kreisgerichte in Ragusa wegen angeblicher gefährlicher Drohung, die er an dem Chemieprofessor Nikolic begangen haben sollte, zu einer Kerkerstrafe verurteilt Diese gefährliche Drohung soll darin bestanden haben, daß Hofstädter, den die Söhne des Nikolic und andere Schuljungen beschimpften und anspuckten, im Hause des Nikolic erschienen sei, um sich bei t em Vater zu beschweren und mit einem Stocke auf den Profeffor Nikolic losgegangen sei. In Wirklichkeit war Hofstädter ohne Stock zu Nikolic gekommen und hatte dort infolge seiner hochgradigen Aufregung einen Qhnmachisanfall erlitten, was auch ein Polizist bestätigt hat. Ungefähr 15 Monate nach diesem Vorfälle zeigte Nikolic, anscheinend von antisemitischen F-eunden und Richtern hiezu veranlaßt, den Hofstädter an und dieser wurde von einem ihm feindlich gesinnten Senate, unter dem Vorsitz des damal'gen Gerichtspräsidenten Mrlic, verurteilt, nachdem man ihn in Czernowitz, wo er sich gerade aufhielt, verhaftet und in Ketten als schweren Verbrecher nach Ragusa eskortiert hatte. Alle von dem Angeklagten angebotenen Beweise wurden abgelehnt, da die Verurteilung schon im Voraus beschloffen war. Er wurde mit Rücksicht auf seine Unbescholtenheit bloß zu 3 Wochen schweren Kerkers wegen eines Deliktes verurteilt, daß. wenn er cs wirklich begangen hätte, nur als Ehrenbeleidigung einer Privatperson zu betrachten wäre. Hofstädter büßte die Strafe ab, da ihn der Staatsanwalt Jllich darauf aufmerksam gemacht hatte, daß er im Falle einer Berufung zu 3 bis 4 Monaten verurteilt werden würde. Weder eine Anklage noch eine Begründung des Urteils war ihm zugestcllt worden. Infolge des Prozesses hatte er sein gutgehendes Geschäft verloren, auch die Hausierbewilligung, die er besaß, wurde ihm entzogen und Hofstädter irrte jetzt in der Monarchie herum, überall sein Recht suchend und die Rehabilitierung verlangend. Er lernte in dieser Zeit deutsch lesen und schreiben und schrieb Gesuche an den Kaiser, die Gerichtsbehörden und eine 70 Seiten lange Bittschrift an den Justizminister, welch letztere Hofrat Wach und der l. Staatsanwalt in Wien, Hofrat Lux. auch kennen. Vier Jahre lebte er in Budapest im größten Elend. Am 13. Mai 1901, nachdem er schon einige Tage nichts gegessen hatte, warf er Sr. Majestät während einer Fahrt in die Ofner Hofburg das neunte Bittgesuch nebst 2 Flugblättern in den Wagen, da er zu einer Audienz nicht zugelassen worden war. Er wurde verhaftet und ohne ärztliche Untersuchung in das Leopoldfelder Irrenhaus in Budapest gebracht, wo er 18 Monate und 6 Tage festgehalten wurde. Dort bekam er allerdings zu essen. Der Oberarzt Jakob Sälgo erklärte ihm, er könne sofort vor eine Kommission kommen und dann freigelassen werden,. wenn er das in diesem Irren- Hause übliche Lösegeld zahle. Da er kein Geld hatte, mußte er weiter dort verbleiben, trotzdem er vollkommen normal war. Erst am 23. November 1902 wurde er, da der Herr Sälgo doch Unannehmlichkeiten fürchtete, fortgeschickt und zwar in die Irrenanstalt seines Heimats-