Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021938--20021-3045037- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Srefr je*, jm* •|*‘ir-',1TTM;-ff,i lYgt^-am'i *,'-ifyn**Tiy*^r—:i-”«r ir*r--.-,~.i - - Seite 154 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 10 A propos, schimpft die christlich-soziale Presse am andern Ufer der Leitha auch über den Manfred Weih? Wir glauben nicht. Denn sonst müßte sie über den Mann losziehen, der in Ungarn durch seine neuen industriellen Schöpfungen ermöglicht hat, daß sich Ungarn an den technischen Lieferungen für die großen Schiffsbauten überhaupt beteiligen kann. Ohne Manfred Weiß hätte die Budapests! Regierung überhaupt ve-zichten müssen. So aber ist es der Tatkraft und dem Unternehmungsgeist eines Juden zu danken, daß ungarische Arbeiter, Bergwerke, der Holzhandel beschäftigt wird, daß Geld ins Land kommt, das zum größten Teil wieder in Löhnen ausgegeben wird. Das wird aber die christlich-soziale „Reichspost" bei ihrer Judenkampagne nicht stören. Diesmal macht sie glauben, daß ein jüdischer Industrieller die halbe Regierung, Delegation und Flotte gekauft. hat. Bei einer anderen Variante wird sie verkünden, daß die Juden überhaupt keine großen Arbeitswerte schaffen, daß sie ein parasitäres Volk sind und von den industriellen und kaufmännischen Unternehmungen der sieghaft.n und .fleißigen arischen Rasse leben. Wie man's halt braucht, aber immer verlogen. Krief aus Ungarn. I. Sehr geehrter Herr Redakteur! Bei dem regen Interesse, welches Ihr sehr geschätztes Blatt alle« Erscheinungen innerhalb des konservativen Judentums aller Länder entgegenbringt, erlaube ich mir Ihnen hiemit sine ira et studio ein Bild der Orthodoxie Ungarns zu entwerfen, welches eben km Interesse rechter Gläubigkeit und wahrer Religiosität nach Treue und Wahrhaftigkeit strebt und nicht, wie dies leider so oft aus parteipolitischen oder egoistischen Motiven zu geschehen pflegt, die Flecken übermalt und Verzerrungen zu retouchieren sich bemüssigt sieht. Dies ist die Ursache, daß die wenigen o thodoxen Blätter Ungarns eigentlich nicht den unverfälschten Ausdruck der öffentlichen Meinung darstellcn, da sie entweder abhängig, oder als bezahlte Organe nurdas schreiben, was sie dürfen, um ja nicht die Autorität der orthodoxen Landeskanzlei oder gar der das ganze Land umspannenden solidarischen Rabbinergewalt durch ein Wort der Kritik zu tangieren. So kommt es, daß die Politik der Landeszentrale und der einzelnen Gemeindevertretungen der Kontrolle der öffentlichen Meinung entbehrt. Denn die meist über Gebühr aggressiven Auslaffungen neologer, zionistischer und misrachistischer Blätter werden als Feindesverleumdungen a limine abgewiesen und vom orthodoxen Lesepudlikum überhaupt nicht beachtet. Unabhängige Blätter, wie es die misrachistische Wochenschrift: „Allg. Jüdische Rundschau" war, können sich selten aus eigener Kraft erhalten oder verfallen, gleich der „Ungar!. Jüdischen Zeitung", auf den maßlosen Radaustil des Kampfzionismus zur Zeit feines Flüggewerdens, um durch Preß- und tzhrenbeleidigungsprozeffen ihren Angriffen Gewicht zu leihen. Auch diese durch persönlichen Groll verbitterte Kritik kann dem Gros des objektiven Publikums nicht behagen, das umsonst nach Wahrheit und Recht, frägt und sich zurechtfinden möchte. Es mangelt der Orthodoxie in Ungarn an einem Organ der Kritik, die objektiv und vorurteilsfrei die. Schäden im eigenen Lager aufdecken, eine untendenziöse Aussprache ermöglichen, die öffentliche Meinung zur Teilnahme bei der Diskussion aller den bbs berührenden Fragen heranziehen und auch die Initiative der maßgebenden Faktoren heilsam beeinflussen würde. In den einzelnen Körperschaften macht sichern übertriebener Autoritätskullus geltend, persönliche Rücksichtnahme gefährden Interessen der Allgemeinheit. Der zentrale Vcrtretungskörper der Orthodoxie, die sogenannte Hunderterkommission ist in ihrer Majorität aus geistlichen Vertretern zusammengesetzt. Deren Ansicht ist daher in allen Fragen ausschlaggebend. Hierzu kommt, daß die orthodoxen Rabbiner Ungarns untereinander eine Art Hierarchie bilden; sobald der eine oder der andere sich für einen „größeren Gaon" halt, bei der Majorität als solcher anerkannt wird, erwartet er, daß andersdenkende Kollegen in allen Fragen sich seiner Autorität unterordnen, so daß eigentlich diese Rabbiner, meist einem extremen Chassidismus ergeben, .allein allen politischen Einfluß absorbieren und .ihre Macht in rücksichtslosester Weise zur Geltung zu bringen verstehen. Umso mehr als dir jetzige Kanzleipräses, ein wohl von den besten Intentionen geleiteter Mann, aüch in den außerhalb des religiösen Bereiches liegenden politischen Fragen sich willenlos dem Diktate der geistlichen Führer unterwirft, um ja nur einen Streit im eigenen Lager zu verhüten. Diese Politik der Schwäche und jener Opportunismus, der selbst unbefangen denkende Rabbiner zwingt, ihre bessere Meinung zu unterdrücken, um sich bei den chassidischen Machthabern nicht mißliebig zu machen, ist auf die Dauer nicht ohne schweren Schaden aufreä t zu erhalten. Der innerhalb der Orthodoxie bestehende Zwiespalt, der in Zerklüftung auszuarten droht, läßt sich vor den Eingeweihten nicht länger verheimlichen, mögen offiziöse Zeitungsschreiber, noch so sehr sich bemühen, die „rosige" Lage der Orthodoxie zu preisen. Gewöhnlich sind es die über die Neologic errungenen „Siege", welche diese Herrin die Backen voll nehmen lassen, wobei sie jedoch vergessen, daß die gegenwärtige Kultusregierung Zichy-Rakoczy auch weiterhin das pon dem KalksburgevJesuitengrafen Apponyi ordinierte Rezept: die ungarischen Juden durch das »Tlivide et imperac kirre zu machen, getreulichst befolgt. 'Sie verspricht den Juden die Autonomie, weil sie weiß,' daß die 'Orthodoxie niemals einwilligen wird, auf Kosten einer Vereinigung mit der Neologie eine Gesamt-Autonomie zu erlangen, scheint bald die eine, bald die andere Partei zu bevorzugen, während sie in Wirklichkeit die eine gegen die andere ausspielt, and steht den Orthodoxen in Kaftan.und Streiml nur insoferne lieber, als dieser sich nie einfallen lassen wird, auf irgend einem höheren Berufe der christlichen Intelligenz Konkurrenz zu bieten. Möge sich nur ein orthodoxer Lateiner, deren es ja dank der Bemühungen der „unterländischen" Rabbiner nicht, allzu viel gibt, jemals einfallen lassen, eine Beamtenlaufbahn zu erwählen und er wird die Erfahrung machen, daß der Staat se in e m religiösen Örthodoxisnms keinerlei Verständnis oder geringste Gleichberechtigung entgegenbringen wird. Dem Neologen kommt ein anderes Moment zn ^Gute, die begründete Hoffnung, daß er im Interesse; des Avancements sich mit dem Gedanken des „Religionswechsels" früher oder später vertraut machen wird. Darf uns nun der .Umstand, daß auch die Neologie die Segnungen des gegenwärtigen „konservativen" Regimes zu spüren bekommt, in den Wahn' lullen: Die jüdische Orthodoxie würde von der Regierung der „Arbeitspartei", in welcher in jüngster Zeit Antisemiten von reinstem Wasser vors Parlament getreten sind, dem neologen Judentum vorgezogen werden? Sollte nicht eher der gemeinsame Feind uns. die Frage näher bringen, wie wir wenigstens iu politieis, sei es durch gemeinsame Defensive ihm wirksamer die Parole bieten könnten? Gewiß wäre eine doppelte orthodoxe und ncologe Autonomie ein Ziel aufs Innigste zu wünschen. Doch glauben die führenden Kreise wirklich, daß es der Regierung damit ernstlich zu tun ist. Und wie viele unter uns hoffen schon jetzt im Falle der Verwirklichung'mit umso grö ßerer Selbständigkeit' auf den jüdischen Gegner losfahren zu können, anstatt lieber zu prüfen, wie viel im eigenen Lager an religiöser und ethisch kultureller Arbeit zu leisten wäre, ohne Rücksicht, ob und wann die gewiß sehr' wichtige Autonomiefrage gelöst werden wird. Die Neologie beginnt aller Orten in konservativere Bahnen einznlenken; aps ihrem Kulturtaümel aufgeschreckt, merkt sie zu spät, daß ihre hhperchauvinistischeu Assimilationsbestrebungen uyd Anbiederungen nur dann gewürdigt werden, wenn sie in die alleinseligmachende Kirche einmünden'und auch dann wird der Geldadel bevorzugt. Ihre besseren Elemente flüchten daher in den Zionismus, andere hoffen durch Anschluß an die Orthodoxie ein wenig Judentum zurückzugewinnen, wenn auch Viele nur der Machtkitzel»anspornt, in einem geeinigten Judentum durch ihre größere Intelligenz auch politisch an Macht zu gewinnen. Wäre , die Orthodoxie nicht .nur an Zahl, sondern auch an Bildung und Intelligenz und, was .das wichtigste, an durchwegs ehrlicher Religiosität der Neologie überlegen, die Frage einer gemeinsamen Autonomie würde, gleichwie in anderen Ländern, vieles von ihrem Schrecken verloren haben. Kraft ihrer Majorität würde sie in allen strittigen politischen. Fragen.(um wie viel mehr in religiösen) den Sieg davontragen und die neologe Minorität müßte sich fügen. Nun aber besteht die ungarische Orthodoxie gus zwei betrogenen Gruppen: aus den zahlreichen Chassidim mit ihren unumschränkt herrschenden Rabbinen und der westlich -liberaleren Richtung, die jedoch zwischen Chassidismus und. dem wirtschaftlichen Zwange kulturellen Fortschritts hin- und herpendelnd das Gleichgewicht verloren hat. Kein Wunder, wenn diese Richtung mehr und mehr vom Chassidismus aufgesogen wird. Jener bietet nämlich das einzige Gegengewicht gegen die Gefahr des Talmiorthodoxi^smus, der leider, von den Rabbinen aus politischen und materiellen Motiven geduldet, die. Rolle des trojanischen Pferdes zu spielen beginnt. Es' gibt eben nur sehr wenige orthodoxe. Gemeinden, die konsequent genug wären — gleichwie dies in der Pester Gemeinde der Fall ist — jeden öffentlichen Sabbateniweiher a limine von der Aufnahme in die Gemeinde auszuschließen; die meisten haben nur das fiskalische Interesse, .neue Steuerträger zu gewinnen, im Auge uno wähnen. durch zahlenmäßige Vermehrung die Orthodoxie politisch zu kräftigen. Dies hat zur Folge, daß die Talmiorthodoxen, zumeist der Jntelligenzklasse angehörend, kraft Bildung und Vermögens nicht nur in die administrativen Vertretungskörper eindringen, sondern sich selbst, in Kultus- und Schulkommissionen breit machen, wo ihr Treiben durch Anstellung talmiorthodöxer Lehrer und Funktionäre geradezu verheerend wirkt. Oder ist es jemals amtlich widerlegt worden, wenn das nedloge Kawpfblatt „Egyenlösäg" immer wieder seinen Lesern auftischt, es gebe einen orthodoxen Gemeindepräses, der eine Christin (!?) zur Frau hat, wenn der Direktor selbst der Pester orthodoxen Bürgerschule nicht gerade im Rufe eines Talmud-Orthodoxen steht üsw. üsw. Die Orthodoxie braucht aber Talmud-, nicht Talmijuden. Diese sind „orthodox" bloß durch ihre politische Zugehörigkeit zu einer orthodoxen Gemeinde und infolge der Verblendung der nur. zu leicht beeinflußbaren armen, ungebildeten, oft nur klerikal-religiösen Wählermassey befleißen sie sich nicht nur eines mehr als neolog-unreli'g.ipsen Lebenswan d e l s, sondern arrogierenssich oft' die r i ch t u n ggebend st'e n