Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. iÖ Dr. Bloch’s Jahrgang XXYIII Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. -□..z. - Wien, 10. März 1911 LrscbeLnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie-', IX/i, Hahngasse 15. 1 Telegramm-Adresse: Btoch'S Wochenschrift. Wien. Inhalt: Leitartikel: Eine freche antisemitische Verdrehung. — Brief aus Ungarn. — Dos Opfer eines österreichrschen Justizirrtums.— Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom I. März IN. Brudermahl der Chewra-Kadischa FünfhauS. Mitteilungen des Distrikts-Komitees für Mähren und Schlesien vom Verbände „Zion". Die Huldigungsadresse der österreichischen Judenschaft im Kunsthistorischen Museum. Der B'nei B'rith-Orden in der Türkei. Ooerberg. Ein jüdischer Religionslehrer Mitarbeiter einer antisemitischen Zeitung. Eröffnung einer jüdischen Mensa. Die Prozentnorm in ungarischen Schulen. Budapest. Ein jüdischer Richter des obersten Gerichtshofes. Die Lage der israelitischen Gemeinde-Angestellten. Rozsahegy. Pozsony. Leeds. Die Judenverfolgungen in Rußland. Die Testamentsbestimmungen des Lord Swaythling. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Juden in Oesterreich. — Literatur. — Briefkasten. — Noti en. — Inserate. Otr- ■ - -üO p De;ugsprris für Oesterreich: *7 Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen.; Anzeigen: Dis 4mal gespal» 2 tene Petttzetle 24 Heller. <1. r>Q - —Oo ' =0 o r TBL. ft. Postlxarftaffenarni Sleartng--Verk ebr «r. 610.976. Redattion und Administration: » Wien IX/i. Hahngasse Nr. 15. ^Telefon Nr. 14.847. J qo - - ...—Oo Eine freche antisemitische Wrdrehnng. In ihren letzten Sitzungen verhandelten die österreichische und die ungarische Delegation auch über den 312 Millionentredit, den Marinekömmandant Graf Montecuccoli für Schiffsbauten bis zum Jahre 1916 in Anspruch nimmt. Als diese Forderung bekannt wurde, entstand in der Bevölkerung eine große Aufregung. Denn in Oesterreich sind die Steuern hoch genug, um eine weitere Erhöhung kaum zu vertragen. Die Christlich-Sozialen machten nun großen Lärm und gaben ihrer Entrüstung läuten Ausdruck. Aber diese Komödie der Volksrettung war eitel auf den Gimpelfang berechnet. Zeitungsartikel sind keine Abstimmung. In der Delegation verstummte der Rettungslärm, dem Anlauf folgte durchaus kein Sprung auf die oppositionelle Seite. Denn mit der Regierung und dem Hof verderben es sich die Herren unter der schwarz-grauen Fahne um keinen Preis. Dagegen fand sich ein anderes Häkchen, an dem man etwas Populaxität herausziehen konnte. Die 312 Millionen für die Flotte strömen zum allergrößten Teil in der Form pon Lieferungen an Rohmaterial und Arbeiten wieder in die Monarchie zurück. Diese Lieferungen werden nun nach dem Schlüssel der Quote an die beiden Reichshälften verteilt. Darüber existiert ein Abkommen vom Juni 1906, welches zugleich angibt, daß die Verteilungen innerhalb derselben Beschaffungsgruppe vorgenommen werden müssen. Wenn z. B. Ungarn in der Beschaffungsgruppe „Schiffsbauten" aus Mangel an genügenden Werften seinen Anteil nicht in Anspruch nehmen kann, so verliert es diesen vollständig und kann nicht etwa unter der Veschafsüngsgruppe „Munition" entschädigt werden. Nun wird behauptet, daß dieses Abkommen tatsächlich durchbrochen worden ist. Ungarn habe etwa 9 Millionen von den ~ Lieferungen unrechtmäßig zugewiesen bekommen. Darüber beschwerten sich alle österreichischen Delegierten, und nicht nur etwa die christlich-sozialen. Diese aber, alte Meister des Lärmschlagens, entwickelten bei dieser Gelegenheit ihre Talente und Organe und schafften so den Eindruck, als währten sie allein das österreichische Interesse. Das hinderte sie jedoch nicht, einen erbarmungswürdig kläglichen und vollständigen Rückzug anzutreten, als die ungarische Delegation mit den schärfsten Ausdrücken die christlich-sozialen Angriffe zurückwies. Als sich jedoch die Christlich-Sozialen noch als Volksvertreter kräftig in die aufgeblasene Brust warfen, hat die Wiener „Reichspost" als nunmehriges offizielles Organ der Christlich-Sozialen den Forderungen ihrer Delegierten Resonanz gegeben. Die Art nun, in welcher sie das tat, ist schändlich und kann nicht hoch genug an den Pranger gestellt werden. Die „Reichspoft" arbeitete wieder einmal in der verlogensten und verdrehendsten christlich-sozialen Manier. Sie kündigte nicht etwa dem Marinekommandanten, der die Verteilung der Lieferungen vornahm, oder der österreichischen Delegation, oder der Regierung den Kampf bis aufs Messer an. Dazu hat sie nicht den Mut und würde ihren Pseudopatriotismus geschäftlich stören. Sondern wieder einmal mußten die Juden herhalten, um als Sündenbock zu dienen. Man lacht geradezu zu dieser Groteske. Wo nimmt die „Reichspost" nur die Juden her? In den Delegationen befindet sich kein einziger — sollte etwa ein gemeinsamer Minister . . . .? Nein, keine Furcht vor diesem Entsetzlichen. Die schuldtragenden Juden der „Reichspost" befinden sich unter den Lieferanten. Namentlich dieser Manfred Weiß, dessen Weifte an den Schiffsbauten beteiligt ist, soll daran schuld sein, daß die ungarische Delegation Treu und Glauben vergaß. Da hört aber aller Menschenverstand auf und sollte die Geduld des Staatsanwaltes auch einmal, aufhören. Der ungarische Handelsminister Hieronymi hat sich unter dem rauschenden Beifall aller ungarischen Delegierten gerühmt. daß er es war, der die Beteiligung der ungarischen Industrie durchgesetzt hat, so wie sie ist. Ist der Minister, sind die Delegierten bestochen, sind sie Vasallen des uns ganz unbekannten Manfred Weiß, daß sie seine Interessen vertreten, wollen sie die diesseitige Reichshälfte einem jenseitigen Juden verkaufen? Was doch Ritualmordgehirne ausschwitzen, wenn es zur höheren Politik kommt und ihnen ein Jude begegnet! Man wird in Ungarn nicht wenig lachen über die christlich-soziale Presse.