Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Blochs WochechchM. Nr. 9 Seite 150 Allgemeinheit zu opfern?" Die Mutter Theodor Herzls — darüber besteht kein Zweifel — beantwortete diese Frage mit einem kurzen, scharfen „Nein". Ihr Sohn hatte sich dem Judentum ergeben, sie verfolgte seine Tätigkeit mit sorgendem Stolze, sie genoß fnit ihm auf emem Zionistenkongretz die Freuden des gefeierten Volksführers — aber sie sah mit banger Ahnung die Falten, die sich in seine Stirne gruben, sie horchte besorgt dem unruhigen Pochen seines ungestümen Herzens, das an der Iudenkrankheit siech wurde, und sie bat oft und dringend, datz er, ihr Kind, ihr Einziges, sich der Allgemeinheit ein wenig entziehe und mehr der eigenen Familie lebe. Jede Reise — und Herzl war viel unterwegs -- für den Zionismus galt ihr als Unrecht an der Familie, an der Mutter und kein Erfolg bei Staatsmännern oder Herrschern — und deren gab es genug — schien ihr eine ausreichende Entschädigung für die entgangenen Zärtlichkeiten. Aber so sehr dieser Sohn seine Mutter liebte, sie hatte keinen Einfluß aus sein Wollen, wo es das jüdische Volk betraf, wie denn niemand ihn beirren konnte. Es war ein eisernes Müssen in diesem sonst weichherzigen Manne, ihn jagte ein fast triebhaftes Wollen — vorwärts — abwärts — dem Grabe zu. Aber keine Glorie, keine Volkstrauer, kein noch so treues Gedenken der Freunde und der Massen, konnten die Mutter darüber trösten, datz der Sohn frühzeitig ins Grab gesunken war. Wenn wir dann Reisen unternahmen, sagte sie, still verwundert: „Sie fahren von Ihrer Familie weg?" Und ein bitteres Lächeln umgab ihren stets schmerzhaft verzogenen Mund. Kam man zurück, dann fragte sie wie zufällig: „Nun, hat sich Ihre Familie gefreut?" Und dann konnte es geschehen, datz sie. die karg war in Zärtlichkeiten, wie die meisten Menschen, die von ihrer Umgebung verwöhnt werden, streichelnd die Hand nahm und bat: „Nicht wahr, jetzt bleiben Sie lange hier". Nein, sie sah es nicht gerne, datz man sich der Allgemeinheit widmete, und glaubte stets, unsere Familien schützen zu müssen. Wenn gar Zwietracht erstand, wie sie in allen poli- ' tischen Parteien zu Hause ist, bei den Juden doppelt giftig, weil sie mit innerer Respektlosigkeit gegen die Volksgenossen gepaart ist, dann sagte sie mit leiser Ironie: „Und deshalb hat mein Sohn sterben müssen?" Nein, diese Mutter hat bei allem Verständnisse für die Größe ihres Sohnes, bei aller Hoffnung, datz sein Werk sich erfüllen möge, nie äufgehört, darüber zu trauern, daß gerade er ein Opfer der von ihm selbst angefachten Bewegung geworden war. Nichts konnte sie darüber trösten, nicht unsere Erzählungen über den Eindruck, den er bei den Großen dieser Welt hinterlassen hatte, nicht Trauer- und Erinnerungsfeiern: nicht einmal unsere Berichte von seinem gesenkten Andenken im Lande unserer Väter in Palästina, das wir an Ort und Stelle beobachtet hatten, vermochten sie von der bereits stereotyp gewordenen Antwort abzuhalten: „Das alles gibt mir mein Kind nicht zurück". Versuchte man aber, ihr damit beizukommen, daß andere Mütter noch mehr Leid erfahren haben, denn, so unglaublich es klingen mag, es finden sich noch schärfere Formen des Kummers, dann bat sie: „Erzählen Sie mir nichts Unangenehmes". Denn diese Frau war stets so voll Heiterkeit gewesen, und ihr ganzes Empfinden so sehr in Wohlbehagen und Schönheit gehüllt, datz sie von den Härten des Schicksales ungerne hörte und von Krankheit oder Tod nichts wissen wollte. Da liefen ihr denn die beiden bösen Genossen nach, klopften sie auf die Schulter, bis sie ihnen gegenüberstand, Angesicht zu Angesicht — Krankheit und Tod. Tod — Krankheit — —. Krankheit — Tod, sie hatten ihr schönheitsbedürftiges Leben verunstaltet und fast alle abberufen, die ihrem Herzen nahe waren. Und als die Opfer im Grabe lagen, da traten ihr die zwei dunklen Wandergesellen in den Weg, nahmen sie in ihre Mitte und betteten sie neben den Mann und den Sohn. Dort ruhen sie nun wieder vereint, die sich im Leben so unendlich geliebt haben. Was immer dieser Sohn im Leben gewesen ist, — in meinen Augen war er viel und meinem Herzen war er noch mehr — und wie immer die Legende diesen Grabhügel verklären mag, ich weiß ihm keine bedeutendere Gedenkschrist als diese: „Hier ruht ein wahrhaft jüdischer Sohn, vereint mit Vater und Mutter." Kunst und Literatur. Schalom Asch. Von I. A. Loubetzky. Schalom Asch kommt nach Wien. Der akademische Verein „Jüdische Kultur", auf dessen Einladung Asch seine Dichtungen im „Knrsalon der Stadt Wien" vorlesen wird, will durch diese Veranstaltung Asch auch dem Wiener Publikum näher bringen. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß Asch dadurch einem Teile des Publikums in die künstlerische Sehweite gebracht werden wird, ich zweifle aber sehr, ob das Wiener Publikum ihn wird voll erkennen können. Denn leider ist Asch in Wien nicht mehr unbekannt, und weil er bekannt ist, ist er gänzlich unbekannt. Für einen Künstler und sein Kunstwerk ist sein Ruf das größte Hindernis, um richtig verstanden und gewertet zu werden Die literarische Tagesbörse hat ihn mit einer gewissen Etikette belegt und das Publikum sieht in ihm nur die bekannte Marke, eine Marke, welche jedes volle Verstehen der besondern Eigenart verhindert. Schalom Asch! Da erinnert man sich sofort an den „Gott der Rache" oder an einige überzuckerte sei.timentale Skizzen, die in deutscher Uebersetzung bei Fischer in Berlin erschienen sind und mit dieser Marke wird Asch abgetan. Niemand will den wahren Schalom Asch erkennen, niemand nimmt sich die Mühe, seine zickzackige künstlerische Entwicklung zu verfolgen, die in keinem Falle unter der Marke „Gott der Rache" untergebracht werden kann. Kein Wunder daher^ daß die westjüdische Kritik sich einerseits mit einer philosophierenden Besprechung der Ideen von Asch abgibt, ob da Adonaj wirklich ein so eifervoller und rachedürstender Gott sei und ob Schepiowitsch in Wirklichkeit jüdisch sei, andererseits die oberflächliche und unbegründete Behauptung, Asch sei vom gewöhnlichen Mittelmaß und ohne weitere Bedeutung. Mit der zuerst erwähnten Kritik möcite ich nicht allzustreng ins Gericht fahren. Es sind dies Leute, für die die schöne Literatur nur einen Sinn hat: den historischen Gedanken. Um das übrige, um das ästhetische Moment kümmern sie sich wenig, da ihnen dazu das nötige Organ fehlt: der Geschmack, der künstlerische Sinn. Die zweite Richtung, die schon einen gewissen schöngeistigen Anstrich hat, verdient eine nähere Beleuchtung. Für mich ist Asch etwas mehr und schwerwiegender als der Verfasser von „Gott der Rache" und anderer derartiger Theatermißgeburten. Aber auch darin sehe ich Asch in einer anderen Gestalt, als ihn der Westjude gewöhnlich sieht. Ein Raphael ohne Hände ist noch immer ein Raphael, das gebe ich zu, aber es wird immerhin ein Raphael ohne Hände nur ein verstümmelter, entstellter Raphael sein, denn die Form, oder besser, das Ausdrucksmittel, dessen sich der Künstler bedient.und worin er seine Entwicklung zurücklegt, ist mit ihm eng verwachsen. Ist er durch Zufall oder andere Umstände gezwungen, sich eines anderen Ausdrucksnnttels, das nicht seinem Wesen eigen ist, zu bedienen, darin entstellt er sich dadurch selbst. Asch der Dramatiker ist ein. derartiger verstümmelter Raphael. Er benützt da ein Ausdrucksmittel/das ihm nicht eigen ist, weder als Folge seines Wesens noch seiner Erziehung. Hie und da erreicht er wohl einen schönen Bühneneffekt, aber es sind nur Zufallsraketen, die aufblitzen, keineswegs aber organisch entstanden und verbunden sind. Aber auch noch in seiner Verstümmelung fühlt man den Künstler Asch heraus. Seine philosophischen Ideen sind mir gleichgiltig, ich verschenke sie leicht. Den Monolog jedoch vom „hohlen und finsteren Lande", in „Zurikgekummen" oder den Monolog von Justine nach ihrer Rückkehr von Esterkas Schloß in „Muschijachs-Zaiten" könnte ich nicht leicht w.'ggeben, denn da fühlt man die große Künstlerseele des zarten und feinbesaiteten schaffenden Geistes, der den ungeformten Rohstoff in die edle und geschlossene Form gießt. Denn bis Asch wurde in Jüdisch die Sprache nur für humoristische Darstellungen bemerkt; wurde ernst gesprochen, so merkte man den Inhalt, aber nicht die Sprache. Asch läßt uns neben dem Inhalt auch die Sprache fühlen und empfinden. Die jüdische Sprache wurde durch ihn bereichert und beseelt, das Scharfe, Beißende des Jüdischen wurde veredelt und durch Berührung mit seiner Gefühlswelt weicher. Er hat das ruhelose, lebhaft gesprochene Jüdisch durch die wilde Ursprünglichkeit und naive Verschwommenheit der Bibel zur Klärung gebracht. Schalom Asch ist.einer