Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 149 Koste!. (Mähren.) Am 24. Februar verschied hier im Patriarchenalter von 100 Jahren Herr Ephraim Neu mann, gewesener Kultusvorsteher und Bürgermeister der Israeliten-Gemeinde. Der Verblichene, der bis zu seinem Todestage eine staunenerregende körperliche und geistige Frische und Regsamkeit verriet, genoß wegen seiner seltenen Frömmigkeit und Rechtschaffenheit allseitige Wertschätzung. Dem würdigen Greise, dem die ganze Gemeinde und viele Fremde das Ehrengeleite gaben, widmete Herr Rabbiner Hoffmann einen tiefempfundenen Nachruf. Leipnik. Der Kultusvorstand in Leipnik veranstaltet anläßlich des Hinscheidens des Herrn Baron' Albert von Rothschild, der sich stets durch seinen großen Wohltätigkeitssinn und die vielen Beweise seiner Opferwilligkeit für das Judentum hervorgetan, Montag den 6. März einen Trauergottesdienst, bei welchem die Trauerrede Herr Rabbiner Dr. Hillel halten wird. Der aus »Anlaß des 80.^Eeburtsfeftes Sr." Majestät unseres vielgeliebten Kaisers Franz Joseph I., ins Leben gerufene Verein der Leipniker Israeliten, „Centrale Wien", dessen Statuten von der hohen k. k. niederösterreichischen Statthalterei genehmigt wurden, hält die konstituierende Generalversammlung am 8. März laufenden Jahres in Wien, Hotel de l'Europe, ab. Der Verein zählt bereits 100 Mitglieder. Nachod Am 23. Februar wurde Herr Max Goldschmidt, Chef der Firma S. Goldschmidt & Comp., zu Grave getragen. Der Verblichene war ein edler Chrrakter und genoß in hohem Grade das Vertrauen seiner Geschäftssteunbe und seiner Mitbürger. Eine lange Reihe von Jahren war er Mitglied des Vorstandes der iiraeUtiichen Kultusgemeinde und Obmann des Schulkomitees. Aber auch ein wohllätiper Mann war er und bei jeder Sammlung, welchem wohltätigen Zwecke sie immer angehörte, stand sein Name obenan. — Von der hohen Achtung, die er genoß, gab der imposante Leicheuzug Zeugnis. Die Fabrikanten und Großindustriellen der ganzen Umaebung, der Herr Bezirkshauptmann Dvorak, der Herr Bezirksrichter Novak, der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, die Spitz n der Behörden und Korporationen und zahlreiche Leidtragende folgten seinem Sarge. Oderberg. Am 25. v. M. beging das Ehepaar Joses und Charlotte Zänker die Feier seiner silbernen Hochzeit. Mit Rücksicht darauf, daß der Jubilar fast seit dem Entstehen des hiesigen Bethousvereines Tempelvorsteher sowie gegenwärtig Kultusrat in der Kultusgemeinde ist. überreichte unser Herr Bürgermeister Viktor Lustig dem Jubilar ein Diplom als Ehrenmitglied des Bethausvereines, 'indem er in einer kurzen Ansprache die Verdienste des Jubilars um das Emporblühen des Vereines betonte. Feuilleton» Theodor Herzls Mutter. Von Heinrich Zork-Tteiner. Frau Jeanette Herzl war am 28. Juli 1836 zu Budapest geboren: sie starb am 20. Februar d. I. in Wien, wo sie am Mittwoch, den 22. mit ihrem Manne und dem Sohne im Familiengrabe vereinigt wurden Die Mutter Theodor Herzl's ist arm gestorben: nicht etwa, daß es ihr an den gewohnten äußeren Lebensbedingungen gefehlt hätte, der übliche bürgerliche Komfort war ihr geblieben, sie starb viel ärmer, als die ärmlich Lebenden, sie litt in ihren letzten Lebensjahren Mangel an Liebe. Die Ueberlebenden der Familie halten ihr alles gegeben, was sie an Liebe besaßen — aber es war wenig, was dieser Fürstin der Mutterliebe geblieben war. - Denn fürstlich war der Reichtum an Liebe dieser Frau zugemessen gewesen, die einen Theodor Herzl geborem und erzogen hatte. Und das nicht etwa, weil es Theodor H e r z l war, sondern, weil ec seine Mutter von jeher schwärmerisch geliebt hatte, weil er sie noch mehr glaubte lieben zu müssen, als ihr eine blühende, geistig hochstehende, in körperlicher Schönheit leuchtende Tochter im 18. Lebensjahre jäh entrissen wurde, und weil er seine Mutter mit Liebesbezeugungen überschüttete, sie in Liebe und Zärtlichkeit einhüllte, als der Vater gestorben war, und die Einsamkeit drohte, das ihm so teuere Leben in ihre Schalten zu bannen. Die Liebe dieses Sohnes zu seiner Mutter muß geschrieben werden, so sehr wir Juden an Kindesliebe gewöhnt sind. Vom Todestage seines Vaters angefangen, teilte Theodor Herzl sein Leben in zwiefache Hausväterschaft. Nach erledigter Vormittagsarbeit ging er zur Mutter, nahm mit ihr ein einfaches Essen, worauf er in die Redaktion der „Neuen Freien Presse" fuhr. Und es war gut, daß die Pflicht ihn rief, denn sonst wäre er nicht leicht losgekommen. Begleitete ihn die Mutter in das Vorzimmer, blieb er dort in langem, zärtlichen Abschiede, führte sie ihn endlich zur Treppe, dann wendete er sich immer wieder zurück, um der alten Frau liebe Worte oder doch innige Blicke zu widmen. Wie oft rief sie ihm nach: „Gieb acht, mein Kind, du fällst noch einmal die Stiege hinunter"; er liebkoste die Mutier mit den Blicken, solange sie ihm sichtbar blieb. Herzl, der die Sentimentalität nicht liebte, obwohl er von diesem Gefühle, oder vom Hunger nach Liebe bis in die letzte Neroenverzweigung erfüllt war. suchte seine Liebe zur Mutter zu erklären. „Wissen Sie, warum ich meine Mutter so sehr liebe", fragte er mich einmal. „Mein Vater hatte bekanntlich sein ganzes Vermögen verloren, er mußte ein zweites erwerben, und dabei hat meine Mutter so viel geleistet, sie war meinem Vater eine solch wackere Gefährtin, daß ich das nie vergessen kann." Die Tatsache ist nicht abzustreiten, aber sie sollte nur dazu dienen, rationell zu erklären, was ihm in kritischen Augenblicken vielleicht übertrieben erschienen war. Frau Jeanette hatte mir oft genug gesagt, wenn des Sohnes Liebkosungen kein Ende nehmen wollten: „Mein Sohn verwöhnt mich: es ist zu viel, was er mit mir treibt". Dabei leuchteten ihre ausdrucksvollen Augen in hellem Stolze. Und es war zu viel gewesen. Das sah man am Tage, da die Mutter Theodor Herzls klagend am Sargs dieses einzigartigen Sohnes stand, mit dem sie ihr letztes Kind begrub. Dieser stolzen, schönen Matrone hatte ein grausames Schicksal das Rückgrat gebrochen. Herzls Frau war Gott gnädiger gewesen als der Mutter: von schwächlicherer Konstitution, ging ihr Wille, zu sterben, rasch in Erfüllung. Die Mutter lebte lange Jahre als Almosenempfängerin weiter: sie nahm den Bettelpfennig der Liebe von uns, den alten Freunden Herzls, demütig und dankbar entgegen, sie, die einst von einesn Theodor Herzl bis an die Grenze der Uebertreibung verhätschelt worden war. Jeden Brief, den die Enkel schrieben, mußten wir lesen und — bewundern: die Kinder Herzls, von denen der prächtig gedeihende Sohn, des Vaters letzten Willen gehorchend, in England erzogen wird, lebten wenig in Wien. Und wenn ich mich auch vor jeder Reise wie ein treuer Verwandter verabschiedete und ihr die Hände so zärtlich küßte, wie ich es von ihrem Sohne gesehen hatte — und wenn ich ihr auch von jeder merkwürdigen Stelle Bilderkarten sandte, für die sie beim Kommen gerührt dankte, und wenn auch unsere Familien viel mit ihr lebten, was konnten wir Fremden ihr geben? — Wie wenig war das und wie demütig dankte sie. Sie konnte nur mit Worten danken, aber manches dieser Worte wiegt schwer und verdient, weiter gegeben zu werden. Denn beim Anschauen dieser gebrochenen Frauengestalt, die wir alle stolz a.-ufrecht und dem Auge angenehm gekannt hatten, stand von selbst die Frage auf: „Ist es recht, sich zum Schaden der Familie einex großen