Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S Dr. Bkochs Wochenschrift. Sette 139 so weit, daß er die in früheren Jahren von ihm veranstaltete Sammlung zur Bekleidung der armen jüdischen Binder mit Winterkleidern Heuer einstellte. Nichtsdestoweniger erfreut sich die Schule bei der jüdischen Bevölkerung der größten Beliebtheit. Es wurden 57 Knaben eingeschrieben. Zur Erteilung des Religionsunterrichtes wurde ein eigener orthodoxer Melamed engagiert, da der Vorsteher der Gemeinde den Kindern, die die Allianz- Schule besuchen, die Teilnahme am Unterrichte an den unter seinem Einflüsse stehendem Chedarim nicht gestattete. Ueber Wunsch der Eltern tragen die Kinder Während des Unterrichtes auch bei den profanen Gegenständen Samtkäppchen. Auch hier hat die Allianz für die Beteilung der Kinder mit Winterkleidung gesorgt. Im Herbste des vorigen Iahres besuchte Fräulein Bertha Pappenheim aus Frankfurt am Main auf einer Reise durch Galizien auch Potok zloty und besichtigte die Schule eingehend. Sie äußerte sich in überaus günstigem Sinne über das Gesehene und spendete dem Lokalkomitee für Ausspeisung der ärmeren Schulkinder einen Betrag von 200 Kronen. Auch in Potok zloty ist mit der Knabenschule ein Abendkurs für Erwachsene verbunden. Die Israelitische Allianz beabsichtigt, die neu aufgenommene Schulaktion, die in der kurzen Zeit bereits so erfreuliche Erfolge aufweist, nach Maßgabe ihrer Mittel energisch fortzuführen, wobei in erster Reihe die von verschiedenen Orten in Galizien bereits vorliegenden Gesuche um Gründung von Schulen und Kindergärten berücksichtigt werden sollen. Mi» der rumänische Ministerpräsident im Anslande spricht und im Inland» handelt. Rumänische Staatsmänner lieben es, sich im Auslande als die Hauptführer und Träger der westeuropäischen Zivilisation im Balkan zu präsentieren. Vor Entrierung einer Anleihe oder Einbringung eines neuen Gesetzes in der Deputiertenkammer, das bestimmt sein soll, die Rechte der Bürger gegen die „Fremden" (Juden) zu schützen, versucht es immer so ein rumänischer Minister in einem der angesehensten europäischen Journale, vorwiegend in einem französischen, die wirtschaftliche und politische Lage des Landes in den rosigsten Farben zu schildern. In bezug auf die Juden wird vieles in Abrede gestellt und manches Unrecht, das an ihnen begangen wird, zugegeben — immer aber mit dem Bemerken, daß die Regierung alles anwenden wird, die Juden der ihnen vom Berliner Kongreß eingeräumten Bürgerrechte teilhaftig werden zu lassen. Wie eine Ironie klingt der Ruf des Herrn Ministerpräsidenten Carp nach einschneidenden Reformen in einem Interview, das vor einigen Tagen im Pariser „Figaro" veröffentlicht wurde. Herr Carp erklärt, die Gesetzgebung über die Juden müsse abgeändert werden, da die Juden unzweifelhaft ungerecht behandelt würden. Man zwinge sie zum Militärdienste, räume ihnen aber gar keine politischen Rechte ein und verbiete ihnen, Grund und Boden zu erwerben. Nach dem Berliner Kongreß wurde 2000 bis 3000 Juden das Bürgerrecht verliehen, seither höchstens 30 im Jahre. Wir müssen aber mit den Juden in Frieden leben, da wir sie weder verbrennen, noch vernichten können. Die Art und Weise, wie die Juden derzeit in Rumänien behandelt werden, macht sie zu rechtlosen Parias, zu Heloten. Zu dem Mangel an politischen Rechten kommt, daß die Juden, insbesondere auf dem Lande, vielfach politischen Chikanen der subalternen Beamten ausgesetzt sind, die oft versuchen, ihre rechtlose Lage auszübeuten und auf unerlaubte Weife Geld zu verdienen. Wie schlecht muß es den rumänischen Juden gehen, wenn der Ministerpräsident selber im Auslande Erklärungen über ihre Lage abgibt. In keinem Staate der Welt, selbst nicht in Rußland, werden die Juden seit Jahrzehnten so drangsaliert, wie in Rumänien. Der Ministerpräsident eines konstitutionellen Staates darf nicht im Auslande über Uebelstände, die in seinem eigenen Lande vorhanden sind, klagen, er muß mit Hilfe der Macht, die ihm ja zur Verfügung steht, dafür sorgen, daß sein Wille, wenn er ehrlich ist, durchgesetzt wird. Wir wollen nicht neuerdings die ganze Leidensgeschichte der rumänischen Juden aufrollen, in diesem Blatte bildet sie ja ohnehin eine ständige traurige Rubrik. aber während Herr Carp im „Figaro" von Wandel und Hilfe spricht, spielen sich unter seinem Regime in Rumänien Dinge ab, die die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes in Angst und Verzweiflung treiben. Die Wahlagitation, die soeben begann, wird von der Regierungspartei dazu benützt, den Juden ihr kümmerliches Dasein gänzlich zu rauben, und wir verweisen diesbezüglich auf einen uns aus Bukarest zugekommenen Bericht, den wir in der vorigen Nummer veröffentlicht haben. Täglich kommen neue Hiobsbotschaften aus dem Lande der modernen Pharaonen, und angesichts dieser Zustände bleibt uns keine andere Bezeichnung für die Sympathien des Herrn Carp übrig als Hohn. Einen ehrlichen und guten Dienst würde die westeuropäische Journalistik den Juden Rumäniens leisten, wenn Sie in Zukunft es vermiede, rumänischen Ministern Gelegenheit zu geben, ihr Wohlwollen den Juden gegenüber zum Ausdrucke zu bringen. I. G r o b t u ch. Anmerkung der Redaktion: Vergleiche unter „Vermischtes". Die Zurückweisung jüdischer Offiziere iw deutschen Heer. (Debatte im deutsche« Reichstag.) Bei der zweiten Lesung des Militäretats im deutschen Reichstag hat der Antisemit Raab mit einer Rede eine für ihn sehr unerwünschte Wirkung hervorgerufen. Er hat sich mit dem Radauantisemiiismus auf dem militärischen Gebiete gütlich getan und sich bis zu der Aeußerung verstiegen, christliche Soldaten sollten einem jüdischen Vorgesetzten den Gehorsam verweigern. Darauf wurde die abgeschlossene Debatte neuerdings bloß zu dem Zwecke wieder eröffnet, um dem Herrn Raab gründlich den Kopf zu waschen. Das wurde von Vertretern aller Parteien bis aus die verzopfte Junkerpartei und dem Kciegsminister mit Elan besorgt und die Folge des Angriff s war ein weithin hallender und eindrucksvoller Protest der deutschen Volksvertretung gegen die Zurückstellung der Inden in der Armee und im deutschen Staate überhaupt. Ein solches Feuer wie in dieser Judendebatte hat es schon lange im deutschen Parlamente nicht gegeben. Unsere Stammesgenosien im Deutschen Reiche können stolz darauf sein, daß ihre Aufführung ihnen so leidenschaftliche Anwälte geschaffen hat. Der württembergische. katholische Zentrnmsführer Gröbner fordert die Zulassung jüdischer Offiziere unter rühmendem Hinweis auf die Beispiele Oesterreich-Ungarns Italiens, Englands und Frankreichs, unter Anführung der Statistik dekorierter Juden in den Kriegen gegen den ersten und dritten Napoleon. Er führte ein Wort Kaiser Friedrichs über die Gleichberechtigung an und schloß mit den Worten daß der Kampf der Juden für Recht und Gerechtigkeit das Zentrum stets zum Helfer haben werde. Der national-liberale Sprecher Dr. Osam wies die gegen die jüdischen Mitbürger gerichteten Angriffe namens seiner Partei entschieden zurück. Das Rüstzeug vergangener Jahrhunderte gegen die Juden sei lächerlich. Der Antisemitis-