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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-02-24 · 8 (24.2.1911) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 133 semitischen Ursprungs seien — die Ueberbringer der berühmten Botschast Chasdai-Jbn Sapruts an die Chasaren sollen jüdische Minister im Hofstaate des dalmatinischen Kroatenkönigs Zvonimir gewesen sein — historisch lassen sich die Juden erst bei der Austreibung aus Spanien Nachweisen. Im Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts gab es zwei jüdische Gemeinden — in Ragusa und Spalato — und beide haben sich bis zum heutigen Tag erhalten. Die Juden eigneten sich gar bald Sprache und Sitte des Landes an, im Anfänge des 16. Jahrhunderts, in der Blütezeit der kroatischen Literatur, gab es auch einen jüdischen Dichter, hochangesehen unter seinen Genossen. Nicht allen Juden ging es aber gut im alten Dalmatien — Ragusa hatte ein Ghetto und auch eine grauenvolle Judenverfolgung mit allen Schrecken der Tortur gab es im 15. Jahrhundert — wie überall auch hier durch das Märchen von dem rituellen Gebrauche des Christenblutes entstanden. So lebte das dalmatinische Judentum isoliert von aller Welt, doch dann kam es zum Verfalle, zur Auslösung. Dandolo, ein Venetianer, der Liebling Napoleons, war zur Zeit der französischen Herrschaft Statthalter in Dalmatien — als Täufling stets zur Proselytenmacherei geneigt. Er verstand es, in die ehrwürdige Spalatiner Gemeinde Zwist zu bringen, Denunziationen an die Regierung waren an der Tagesordnung und was es bis damals noch nicht in Dalmatien gegeben hatte, es kam zu Abfällen. Immer mehr verbreitete sich die Taufmanie, seinen Höhepunkt erreichte der traurige Verrat, als Mussafia, der Sohn des Rabbiners, der vor kurzem in Wien als Univerfitätsprofessor für romanische Sprachen starb. Christ wurde. Es schien, als ob es mit dem Judentum jenseits des Velebits und des Dinaragebirges zu Ende ging; ein Teil wanderte aus, ein Teil wollte im Christentum verschwinden. Damals erstand den dalmatinischen Juden Vita Morpurgo. Es war kein Durchschnittsmensch, es war ein Genie, ein Genie im kleinen armen Lande, unter kleinlichen armen Verhältnissen. Das ganze Land war damals italienisch — die Glanzperiode der kroatischen Literatur in Dubrovnik war vergessen, alle Behörden amtierten italienisch, die spärlichen Zeitungen erschienen in dieser Sprache und im ganzen Landtag gab es nur zwei Kroaten. Morpurgos scharfsinniger Geist erkannte aber, daß dies Land kroatisch sei und das Italienische ein bloß äußerlicher Firniß — im Lande geboren und erzogen schloß er sich der kroatischen Partei an und wird gar bald einer der Führer. Er gründete die erste kroatische Buchhandlung Dalmatiens. Er gründete und leitete durch viele Jahre das Hauptorgan der kroatischen Nationalpartei, den „Narod". Es gab keine Ehrenstelle im Lande, die ihm das Volk nicht nach dem nach heißen jahrzehntelangen Ringen erfochtenen Siege des Kroatentums angeboten hätte. Vid Morpurgo vertrat sein geliebtes Split im Gemeinderat und im Landtage, er war Präsident der Handels¬ und Gewerbekammer, Präsident zahlreicher Geldinstitute und gemeinnütziger Vereine. Die Wahl in den Reichsrat konnte er nicht annehmen, so sehr auch seine Parteigenossen dazu drängten, so sicher seine einstimmige Wahl war — die umfangreiche Berufstätigkeit gestattete nicht jährlich einen mehrmonatlichen Aufenthalt in Wien. Spalato * ist heute der wirtschaftliche Mittelpunkt Dalmati'ns — lang war es aber das italienifierte Zara und Niemand bestreitet es, daß es nur Morpurgos unermüdlicher, publizistischer und parlamentarischer Tätigkeit zu verdanken ist, daß es so geworden ist. Dabei bilden die Juden Spalatos viel weniger als ein Perzent der ganzen Stadtbevölkerung — und nie hat sich eine Widerrede erhoben, daß der Parteiführer Jude sei — nie hat Jemand in den zahlreichen Institutionen, in denen Vid Morpurgo mitwirkte, etwas daran ausgesetzt, daß Samstag keine Sitzung stattfinden könne — es war ja sein Feiertag. Noch sehe ich die ehrwürdige Gestalt Vid Morpurgos in dem kleinen, aber wohl von allen Synagogen der Welt am kostspieligsten ausgestatteten Gotteshause — umgeben von seiner Familie, von allen Gemeideangehörigen — so müssen die Patriarchen, so müssen die Gaons ausgesehen haben — in unseren modernen Gemeinden gibt es solche Gestalten fast nicht mehr. Noch ist es mir wie heute, wie er zu uns, den fremden Studenten, herantritt und seiner innigen Freude Ausdruck gibt, Juden aus der kroatischen Hauptstadt zu begrüßen. Stundenlang läßt er sich von allen Einzelheiten unserer Gemeinden, unserer Vereine erzählen und kann es nicht verstehen, warum bei uns Politiker sich taufen lassen, wenn sie Einfluß und Macht gewinnen wollten. Auch ich konnte es schon damals nicht verstehen, als ich den ungeheueren Einfluß, die allgemeine Beliebheit Morpurgos im ganzen Lande wahrnahm und damit die fortwährenden Angriffe gegen unsere politisch führenden Täuflinge verglich — wie kann man so einfältig sein und glauben, daß gerade die Taufe notwendig sei, um Macht, Ansehen und Ehre zu erlangen. Vid Morpurgo war kein scheuer Auch-Jsraelite — er war ein vollbewußter, stolzer Jude, er war sich seines Volkes wohl bewußt, bei aller Liebe und Arbeit fürs Kroatentum betonte er stets, daß er kein Sklave sein könne — sondern Jude und jüdischnationale und zionistische Bestrebungen fanden bei ihm das wärmste Interesse. Nun ruht er am herrlich gelegenen Spliter Friedensfelde — und immer wird kleiner die Zahl der Gemeindemitglieder, deren Ahnen einst von Spanien kamen, in Split's Mauern Heimat fanden. Vid Morpurgo ist aber nicht mit einem Ritus des Judentums verbunden — sein Name und Andenken gehört der Gesamtjudenheit. Wenn heute in kroatischen Gauen die Wogen des Menschenhasses, genannt Antisemitismus, unbekannt oder ganz sporadisch find, wenn heute in den großen Massen des kroatischen Volkes der jüdische Mitbürger gleichgeachtet ist — Vid Morpurgo hat an dieser Arbeit redlich teilgenommen. Es wird daher im ganzen kroatischen Volke die Trauer um ihn groß sein — in der kroatischen Judenheit, unter den stolzen, zielbewußten, hoffnungsfreudigen, jungen kroatischen Juden wird Vid Morpurgos Andenken als des größten unvergeßlich bleiben. Er ruhe in Frieden! Z a g r e b, am 20. Februar. Dr. L a v o s l a v Schick. Sinn der jüdischen Geschichte. Ueber dieses Thema sprach im Vortragszyklus der „Zephira" Herr Dr. Daniel P a s m a n i k am 29. Jänner 1911 und führte beiläufig aus: „Zu den kompliziertesten Welträtseln, deren Lösung vielen, auch christlichen Gelehrten unmöglich schien, gehört wohl auch die Geschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora. Des Rätsels Lösung, wenn auch nur eine temporäre, liegt in jener Epoche des jüdischen Volkslebens, wo die Juden im eigenen Lande, in Palästina, wohnten, ihre Selbständigkeit hatten und reich waren an großartigen Ideen, an geistiger Produktivität, in jener Zeit, da das Judentum die Bibel geschaffen und die Propheten hervorgebracht hatte. Diese bedeutungsvolle Epoche der jüdischen Geschichte beantwortet uns die Frage, wie es denn möglich sei, daß ein Volk ohne Heimat, ohne Zentrum, beraubt aller normalen, wirtschaftlichen Funktionen, verfolgt von Neid und Haß, die Leiden einer zweitausendjährigen Diaspora ertragen konnte und sich trotz allem erhalten hat. Drei Werte, das ist die Lösung, hat das Judentum in Palästina selbständig geschaffen. Werte, deren Originalität in keinem Falle bezweifelt werden kann, und sie waren es, die das Judentum erhalten haben.

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