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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-02-24 · 8 (24.2.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 133 Dr. Goldmann, ein glänzender polnischer Redner und Patriot, pflegte speziell bei festlichen Anlässen den bekannten nationalen Verbrüderungs-Toast: „Kochaj mi sie“ (Lieben wir uns!) auszubringen. Allein die jüdisch-polnische ^Brüderlichkeit" äußerte fich gewöhnlich nur vor und während der Wahlzeit, als die jüdische Wählerschaft fich eifrig in der Unterstützung der christlich-polnischen Kandidaturen lebhaft betätigte. Nur zu dieser Ausnahmszeit wurde die „Brüderlichkeit" gleichsam als Schaustück hervorgeholt, welches bei feierlichen Anlässen aus dem Schreine genommen, öffentlich präsentiert und dann wieder zurückgestellt. Nachdem es aber mit dem „Kochaj mi sie“ nicht gegangen, so wäre meines Erachtens nunmehr das „Nie daj mi sie!“, zu deutsch: „lassen wir uns nicht niederkriegen!"' (es ist dies der Nachsatz des gedachten polnisch-nationalen Trinkspruches), den Juden gegen jede politische Unterdrückung als wirksame Parole zu empfehlen. Lassen wir uns nicht unterdrücken! Auch der Wurm krümmt fich, wenn er getreten wird. Lernen wir von den nach langer polnischer Bedrückung zu Selbstbewußtsein erwachten Ruthenen, die doch als „treue Söhne des Landes" den Allpolen nicht nachstehen und die jetzt die Besserung ihrer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Stellung einzig und allein dem selbstbewußten „nie äaj mi sie“ zu verdanken haben. Ein Volk wie die Polen, das selber außerhalb Oesterreich unterdrückt ist und das seine ganze Hoffnung immer wieder auf den Appell an den Gerechtigkeitssinn der Menschheit gründet, soll nicht im eigenen Hause gegenüber den Schwächeren den Unterdrücker spielen. Die traurige Wahrheit aber ist und bleibt, daß die Polen schon lange vor dem modernen Antisemitismus ausgesprochene Hasser der Juden waren und daß das von den Polen beherrschte Land Galizien zu sehr eine Welt für sich ist, mit wenig Zusammenhang mit dem Reiche. Sache unserer jüdischen Abgeordneten, die fich in polnische Juden, jüdische Polen, in Zionisten und „gemäßigte" Israeliten, in Sozialisten und Wilde splittern, wäre es, vor allem Andern sich für die Vollberechtigung und die Wahrung der Lebensinteressen der Juden mit vereinten Kräften solidarisch einzusetzen, um endlich unser gutes Recht, unser Staatsbürgerrecht nachdrücklich zu f o r d e r n, kein Wohlwollen, kein Akt der Gnade! Die Mahnworte Goethes seien unser unvergeßbarer Wahlspruch: „Allen Gewalten Zum Trutz fich erhalten. Nimmer sich beugen, Kräftig fich zeigen!" ninnv' jna' *6 mrrn cma) Nizza, am 16. Februar 1911. Gin Krief de« Begründer« de« Wiener Hanse« Rothschild. Der Brief des Freiherrn Salumon von Rothschild, welchen der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in seiner Ansprache bei der Trauerfeier im Spitale der israelitischen Kultusgemeinde nach den Akten in dem Archive zitiert hat, ist eines der interessantesten Dokumente zur Würdigung der Familie Rothschild. Der Archivar Herr Sigmund H u s s e r l hat uns den vollen Wortlaut jenes Briefes zur Verfügung gestellt, wobei er mitteilt: Die Anfänge der Beziehungen der Familie von Rothschild zur Wiener Kultusgemeinde reichen nahezu ein Jahrhundert zurück. Bereits lange bevor der Begründer der Wiener Zweiglinie Salomon Freiherr von Rothschild seinen ständigen Wohnsitz von Frankfurt nach Wien verlegte, hat er an der Entwicklung unserer Gemeinde den regsten Anteil genommen und das Gedeihen der von dieser ins Leben gerufenen wohltätigen und religiösen Anstalten durch Zuwendung reichlicher Mittel werktätig gefördert. So hat er besonders zur Erhaltung des im Jahre 1792 neu erbauten israelitischen Spitales durch regelmäßige Spenden beigetragen und unserer im Jahre 1821 gegründeten Armenanstalt die sofortige Aufnahme einer ersprießlichen Wirksamkeit ermöglicht. Er war auch der erste, der einen erheblichen Beitrag zum Baue unseres Stadttempels leistete. Von welchen Gefühlen Salomon Mayer von Rot hs ch i l d dem Judentume gegenüber beseelt war, dokumentiert ein auch in kulturhistorischer Beziehung sehr intereffantes Schreiben desselben an die Vertreter der Wiener Judenschaft ddo. Paris, 26. Jänner 1843. Veranlaffung hiezu hat ein Glückwunschschreiben der letzteren anläßlich seiner durch den Wiener Magistrat erfolgten Ernennung zum Ehrenbürger von Wien und die wegen seiner Konfeffion erforderliche, unter dem 4. Jänner 1843 erfolgte kaiserliche Genehmigung dieses Beschluffes. Das obenerwähnte Schreiben hat folgenden Wortlaut: An die Hochwvhlgeborenen Herren Vertreter der Israeliten in Wien. Verehrteste Herren Vertreter! Ihr freundschaftliches Wohlwollen, die aufrichtig mir neuerdings bewiesene Anhänglichkeit, welche Sie bei der Gelegenheit eines Ereigniffes, das, wie Sie selbst sich ausdrücken, einen neuen Abschnitt in der Geschichte der österreichischen Israeliten bildet, in Ihrer verehrten Zuschrift vom 11. Jänner 1843 so gemütlich mir an den Tag legen, hat mein Herz umso mehr erfteut, als Sie, meine verehrten Herren, in diesem meinen Enkeln noch aufzubewahrenden Dokumente nicht nur die innigste Teilnahme an die Ehrenverleihung, die mir persönlich als die würdigen Repräsentanten der Gemeinde, die in Ihrem Innern längst gehegten, durch das mir Allerhöchst erteilte Zugeständnis noch mehr erweckten Wünsche zum Heile derisraelitischen Gesamtheit aussprechen, der ich mit Liebe und Treue angehöre und der mit Gottes Beistände meine sämtliche Familie bis zum spätesten Gliede und gleichem fromm religiösen Gefühle immer angehören wird. Wenn meine geringen Leistungen, die ich dem österreichischen Staate und seiner Residenzstadt freudig und gewissenhaft widmete, nicht ganz zweck- und nutzlos waren, wenn ich, vereint mit meinen Brüdern, auch noch in anderen Staaten vielleicht manches Ersprießliche zu vollführen so glücklich war, so hatten wir dabei nicht nur unser reges Streben, zum Gedeihen der Staatswohlfahrt unmittelbar beizutragen, sondern auch den mittelbaren Zweck stets vor Augen, durch unser tätiges, von den Staaten nicht unverkanntes Wirken den Beweis zu liefern, daß in dem Fortschritte der Zeit die Israeliten die geistige Befähigung, die moralische Bildung und die patriotische Gesinnung in dem Grade erwarben, um mit geistiger Verwendung, mit Gut und Blut dem Vaterlande dienen zu können, dafür aber auch würdig sein fich zu fühlen, zu jener gleichen Stufe berufen zu werden, die jedem anderen Staatsbürger angewiesen ist. So sehr ich daher das von ihnen zuerst begrüßte Ereignis als die schönste und größte Belohnung meiner schwachen Verdienste zu würdigen weiß, so sehr ich mich höchst geehrt fühle, durch die freiwillige, von der allerhöchsten Gnade bestätigte Wahl der Gesamtbürgerschaft der Kaiserstadt als ebenbürtiges Glied in der festen Kette gereiht zu seyn, die in der Geschichte Oesterreichs durch erprobte Bürgertugend den Ihnen der angestammte Herrscher mit beharrlicher Treue schützend umschlungen; so wird dabey mein Freudegefühl dadurch geschwächt, daß ich gegenwärtig noch als eine begünstigte Ausnahme in dem Bunde meiner Glaubensgenoffen erscheine, welche in der würdigen Stellung, die sie als treue Untertanen in dem Staatenverbande einnehmen, ebenfalls auf Rechte, die allen anderen Religionsbekennern zukommen, Anspruch machen könnten. Ja, meine verehrten Herren, ich bin stolz darauf, der erste meiner Glaubensgenoffen zu seyn, der fich Bürger der österreichischen Kaiserstadt nennen darf. Doch mögen sie auch versichert seyn, daß ich mit diesem gerechten Stolze sogleich den sehnsüchtigsten Wunsch verbinde, nicht für alle Zeiten unter den

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