Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021935--19973-3044986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 109 Dr. Blochs Wochenschrift. teilnehmern nicht gefaßt war, so hatte man auch nicht genügend Schlafstellen für die in zwei Partien angekommenen Galizianer vorbereitet. Die Folge hievon war, daß mehrere Hundert Reiseteilnehmer und Teilnehmerinnen in den Kupees des zuletzt angekommenen Zuges bis zum anbrechenden Morgen verbleiben mußten. Dienstag vormittag versammelten sich die Schenker beim „Goldenen Widder" und im Hotel „Zentral" auf der Taborstraße und von dort setzte sich die Menge in Bewegung und marschierte mit den Abgeordneten Dr. Mahler, Staud, Dr. Straucher und Breiter an der Spitze durch die Taborstraße, über die Marienbrücke, Franz Josef-Kai und den Ring. Der Zug, dem eine Tafel mit der Inschrift: „Brotlos gewordene Schenker aus Galizien" vorangetragen wurde, erregte auf dem ganzen Wege lebhaftes Aufsehen. Vor dem Postsparkassengebäude wurde Halt gemacht. Eine Deputation von zehn Schenkern, darunter zwei Frauen, begab sich, von den vier genannten Abgeordneten geführt, in das nahe gelegene Handelsministerium, um dem Handelsminister Dr. Weiskirchner ihre Wünsche vorzubringen. Bei Dr. Weiskirchner 'hatte sich inzwischen der Minister für Galizien Ritter v. Zaleski eingesunden und mit ihm eine längere Konferenz gepflogen. Die Deputation wurde von den beiden Ministern gemeinsam empfangen. Die Deputation überreichte dem Handelsminister Doktor Weis.kirchner ein längeres Memorandum, dem die folgenden Stellen entnommen seien: „Von Hunger und Not gepeitscht/ sind wir aus dem weiten Osten nach Wien gekommen, um hier, an dem Sitze der Zentralregierung, Gerechtigkeit und Mitleid für unsere exisienzlosen Familien zu suchen. Plötzlich unseres bisherigen Berufes beraubt, stehen wir heute, aller Exrstenzmöglichkeiten bar, vor Eurer Exzellenz. - Manche politischen Parteien haben im ganzen Lande eine starke Agitation gegen die alten Schankwirte entfaltet und das Verlangen aufgestellt, daß insbesondere in den Dörfern die Schankkonzessionen an Gemeinden, Vereine und Bauern erteilt werden sollen. Unter dem Einflüsse dieser Agitation haben also nicht nur die früheren Schankwirte, sondern auch viele Tausende verschiedener Leute, die bisnun mit dem Schankgewerbe nichts gemeinsames hatten, Gesuche um Erteilung einer Schankkonzession überreicht. Es erhielten insgesamt 9687 Personen Schankkonzessionen, davon 2664 Personen, die im Schankgewerbe nie tätig waren und daher die laut Gesetz erforderliche fachmäßige Ausbildung zu diesem Berufe nicht besitzen. Großgrundbesitzer, reiche Bauern, wohlhabende Handwerker, einzelne Gemeinden und Vereine erhielten 2700 Konzessionen und zugleich hatte man für 8166 gewesene Schankwirte, die in diesem Gewerbe oft viele Jahrzehnte hindurch gearbeitet haben, keinen Platz mehr. Viele tausende Rekurse (l7.000) wurden gegen diese Entscheidungen der Bezirkshauptmannschaften als Gewerbebehörden erster Instanz eingebracht. davon aber hat die k. k. Statthalterei nur 741 Rekurse berücksichtigt. Vielen Schankwirten wurden ihre Gesuche abgewiesen, weil man in der betreffenden Ortschaft die Konzession an einen Protegierten, wenn auch oft mit Kriminal bestraften, erteilen wollte. Insbesondere in Westgalizien hat die Statthalterei an Hunderte von Personen, die sich niemals mit dem Schankgewerbe beschäftigten. Konzessionen erteilt, um nur nicht den dort seit Jahrzehnten ansässigen und arbeitenden Schankwirten die Möglichkeit zu geben, weiter von ihrem Berufe ihre Familien zu ernähren. Die Folge davon war, daß über 8000 Schankwirte (nach unseren Berechnungen stellt sich die Zahl doppelt so hoch) jetzt ihren Beruf und ihre Erwerbsmöglichkeit verloren haben. Alle diese Leute sind arme, wirtschaftlich ganz vernichtete Existenzen. All diese Tausende erwarten von der Regierung Hilfe und Rettung. Die Schänkerfrage in Galizien ist eine soziale Frage dieses Landes. Die gewesenen Schankwirte verlangen, daß man ihnen lebenslängliche Konzessionen erteilen soll, die mit ihrem Tode erlöschen würden. Nach nicht vielen Jahren würde sich mit dem allmählichen Aussterben der früheren Schankwirte auch die Zahl der Schänken allmählich vermindern, so daß schließlich sogar das von der Statthalterei aufgestellte Prinzip, daß eine Schänke nur auf 560, beziehungsweise 800 Einwohner entfalle, voll und ganz durchgeführt werden könnte. Sie bitten um die Schaffung einer Uebergangszeit, damit sie nicht auf einmal ihren Beruf und die Möglichkeit verlieren, ihre Familien zu ernähren. Sollte die Durchführung dieser Forderung unmöglich erscheinen, bitten die galizischen Schankwirte, daß wenigstens diejenigen unter ihnen, die mehr als zehn Jahre im Schankgewerbe arbeiten, lebenslängliche Konzessionen erhalten, während für die jüngeren Schankwirte eine gewiffe materielle Entschädigung bestimmt werde, die ihnen die Möglichkeit gibt, sich einem anderen Berufe zuzuwenden. Angesichts dieser unhaltbaren Lage stellen die gewesenen Schankwirte die ergebenste Bitte: Die Regierung geruhe die Frage der Schankkonzessionserteilung in Galizien von Amts wegen untersuchen und dm Tausenden um ihre Existenz gebrachten Schankwirten Gerechtigkeit willfahren zu lassen." Handelsminister Dr. Weiskirchner, der auch im Namen seines Amlskollegen sprach, erwiderte, er habe sich über die Angelegenheit bereits eingehend informieren lassen. Er glaube aber, daß die Kraft der Argumente genügen sollte und eine Unterstützung derselben durch massenhaftes Auftreten nicht notwendig gewesen wäre. Wenn einer der Herren Vorredner von der Urplötzlichkeit der neuen Verhältnisse gesprochen habe, so müsse er betonen, daß die heutigen Verhältnisse durch ein Gesetz geschaffen wurden, welches schon vor zirka 26 Jahren zustande gekommen sei und daß daher genügend Zeit gewesen wäre, sich auf die neue wirtschaftliche Lage vorzubereiten. Was die Berufungen an die Zentralstellen anbelange, so mache der Minister auf die Bestimmungen der Gewerbeordnung aufmerksam, wonach gegen zwei gleichlautende Entscheidungen keine weitere Berufung zulässig sei, demnach die Ingerenz des Handelsministeriums von vornherein sehr eingeschränkt erscheine. Die Regierung werde jedoch die Frage mit Wohlwollen studieren und sich bemühen, die durch die Aufhebung des Propinationsrechtes geschaffene Lage nach Tunlichkeit zu mildern. Die Deputation begab sich nun zu den auf Hem Ring wartenden Manifestanten zurück, worauf sich der Zug über die Ringstraße gegen die Hofburg in Bewegung setzte. Dort hielt der Zug abermals an. Die Abgeordneten begaben sich mit mehreren Schenkern in die kaiserliche Kabinettskanzlei und überreichten dem Kabinettsdirektor Freiherrn von Schießl eine Huldigungsadresse für den Kaiser. Kabinettsdirektor Baron Schießl empfing die Abordnung sehr freundlich. Abg. Professor Mahler hielt eine Ansprache. Baron Schießl ^erwiderte, daß er noch heute die Huldigungsadresse dem Monarchen nach Budapest übermitteln werde. Der Zug bewegte sich nun zum Parlamente. Eine Abordnung der Massendeputation wurde zunächst vom Obmann des Polenklubs Dr. Lazarski empfangen und waren polnische und ruthenische Abgeordnete anwesend. Abgeordneter Stand richtete dort an den Obmann Lazarsky eine längere Ansprache, in der er die Situation der jüdischen Bevölkerung schilderte, in die sie durch die Aufhebung des Propinationsrechtes geraten sei. Viele der anwesenden ergrauten Männer und Frauen fielen Dr. Lazarski und den übrigen mitanwesenden Mitgliedern des Polenklubs zu Füßen, umklammerten deren Hände, bedeckten sie mit Küssen, weinten und jammerten und baten unter Tränen nochmals, sich ihrer annehmen zu wollen. Die anwesenden Abgeordneten hatten vollauf zu tun, um die verzweifelten Leute nur wenigstens einigermaßen zu beruhigen.