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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-02-17 · 7 (17.2.1911) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 108 Dr. Blochs Wochenschrift. Sk. 7 Eine moderne jüdische Propagandaschrist von Rabbiner Dr. M. Roseumann. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die intensive Pflege der jüdischen Wissenschaft, die unermüdliche Hebung der im biblischen und talmudischen Schrifttuin ruhenden Schätze, gle'chwie vor einem Jahrhundert zur Zeit R a p aports, Zunz und Luzzattos, so auch in unserem eine unerläßliche Notwendigkeit bilde und zu den Lebensaufgaben des gegenwärtigen Judentums gehöre: ein vor nicht langer Zeit erschienenes und jetzt bereits in sechster Auflage vorliegendes ivhaltsaber nicht umfangreiches Schriftchen könnte ihn voll und ganz erbringen. Seit etwa einem Jahrzehnt sind die religiösen Fragen dadurch wieder in Fluß geraten und aktuell geworden, daß eine immer tiefer werdende Kluft zwischen dem Denken und Empfinden der modernen Menschheit und den herrschenden Anschauungen der einzelnen christlichen Kulte sich aufgetan hatte.. Sowohl die Resultate der historischen Forschung, die sich mit den Uranfängen des Christentums befaßt, als auch die Ergebnisse der aufblühenden anderen voraussetzungslosen Wissenschaften weisen weitgehende Diskrepanzen zu den Dogmen und Lehren des Christentums in ihren verschiedensten Formen auf. Erscheinungen wie der Austritt Haeckels aus der protestantischen, der Zerfall Tolstois mit der orthodox-russischen, die Modernisten-Bewegung in der katholischen Kirche deuten hin auf tiefgehende Erschütterungen in der christlichen Intelligenz sowie auf die Unzulänglichkeit, die christliche Weltanschauung mit den Erfordernissen - des modernen Lebens in einen, wenn auch bloß scheinbaren Einklang zu bringen. Allein, gleichwie der verwundete Löwe mit umso größerer Wut auf jeden, auch den gleichgiltigen Zuschauer seines Kampfes sich stürzt, also versuchen auch die Wortführer des in seiner geistigen Herrschaft bedrohten Christentums an dem Judentum, trotzdem es sich gegenüber den inneren Kämpfen der Kirche streng reserviert verhält, ihre Kräfte zu messen. Der längst als unbegründet anerkannte, von Friedrich D elitzsch hervorgerufene „Babel und Bibel"-Rummel wurde, wie dies einer offenherzigen Aeußeruug von der allerhöchsten Stelle Deutschlands zu entnehmen war, nicht wenig von dem Bestreben gefördlrt, das Judentum seines „Nimbus der Auserwähltheit", sowie des Vorzuges zu entkleiden, zuerst der Menschheit den Monotheismus verkündet zu haben. Aber auch die schier unübersehbare Flut von Schriften, die von christlich-theologischer Seite direkt oder indirekt über „das Wesen des Judentums" in den letzten Jahren sich ergoß — so, um nur einige zu neunen: F. Weber, System der altsynagogalen palästinischen Theologie; Köberle, Sünde und Gnade im Volke Israel bis aus Christum; Bousset, Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter, und nicht zuletzt H a r n a k, Das Wesen des Christentums — wurde hauptsächlich von der Tendenz hervorgerufen und geleitet, „zur Erhöhung des Christentums" — wie dies Oberrabbiner Dr. Güdemann bezeichnend bemerkte — „dasJudentum herabzudrücken", es gleichsam als geistiges Fossil aus einer überwundenen Zeitepoche hinzustellen. Umso freudiger ist es zu begrüßen, daß ein Mann wie der berühmte Kantforscher Professor Hermann Cohen in Marburg aus seinen weitreichenden biblischen und talmudischen Kenntnissen heraus die Kraft schöpfte, um nicht etwa bloß das angegriffene Judentum zu verteidigen, sondern vielmehr die in demselben wallenden lebendigen Kräfte zu verherrlichen und deren Bedeutung nicht bloß für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft der Menschheit nachdrücklichst zu betonen. Als wenn auch gemessener, so doch furchtloser Propagator und Herold also und nicht etwa als zaghafter Apologet trat dieser moderne Philo auf den Plan und wählte kühn als Forum für seine Ausführungen den im Sommer vorigen Jahres in Berlin tagenden fünften Weltkongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt, um so zu manifestieren, daß die siltliche Entwicklung der Menschheit und der religiöse Fortschritt auch des Christentums nicht weg vom, sondern vielmehr h i n zum Judentum sich bewegen müssen. Seine Auseinandersetzungen über die Eigenart des jüdischen Monotheismus, das Ziel der jüdischen Religion, die Thora als Lehre, die Heilighaltung des Sabbat, diejüdische Auffassung von der Reinheit des Herzens, die Messiasidee enthalten Satz für Satz in konziser Form eine solche Fülle von Gedanken, verbunden mit einer stillverhaltenen Begeisterung sowie einer selbst dem Laien verständlichen Schlichtheit der Sprache, daß man wünschen müßte, daß gleichwie einst in Rom die wichtigsten Gesetze in zehn steinernen Tafeln zur öffentlichen Schaustellung festgehalten wurden, so auch die 17 Seiten seines gedruckt vorliegenden Vortrages: „Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Me n s chheit" zum eisernen Bestand eines jeden modernen jüdischen Familien- und Schulhauses gehören mögen! Zwei Stellen bloß seien hier angeführt. Die eine ist eine scharfe Antithese hinsichtlich der Gegenwart und lautet: „Man weiß, wie oft jetzt innerhalb der gebildeten und auch der gelehrten protestantischen Welt die Frage gestellt wird: Sind wir noch Christen? Die Diskussion, welche über diese Frage gestellt wird, stellt es außer Zweifel, daß es sich nicht um den Gottesbegriff dabei handelt, sondern um die Person Christi in demselben... . Dagegen steht das Judentum, bedrängt, beschimpft, verleumdet und politisch Hintergaugen, wie dies leider nicht nur von Rußland gilt, dennoch allen Gefahren und allen Schädigungen und staatlichen Verführungen zum Trotz aufrecht da als ein Hort religiösen Fortschritts, auch in dem Sinne, daß innerhalb seiner Gemeinde die Frage nicht entstehen kann: Sind wir noch Juden? Der Satz des Talmud hat lebendige Wahrheit behalten: „Wer höre Israel ruft, ist Jude!" — Die zweite Stelle ist ein hvffnungsfreudiger, visionärer Ausblick in die Zukunft: „Und was schon die Wissenschaft fordert, das fordert gebieterisch die Not der Zeit. Es gilt den Glauben wiederzugewinnen an die sittliche Wiedergeburt, an die sittliche Zukunft der Menschheit. Es gilt diesen Glauben wiederzugewinnen' gegenüber der Selbstsucht der Völker und dem Materialismus der Stände. Nur in sozialer Sittlichkeit und nur in WeltbürgerlicherHumanität atmet der echte, lebendige Gott, den die Propheten Israels zum Gotte Israels und zum Gotte der Menschheit gemacht haben." Die Propagandaschrift dieses mit dem Rüstzeug der jüdischen Wissenschaft ausgestatteten Philosophen lädt einen jeden, jung wie alt, den Gebildeten wie den Mindergebildeten, zum Lesen ein. Sie wird m a n.ch em Juden sein Judentum lieb und wert machen! Korrespondenzen Die Maffendepntation der galizifchen Schenker in Wien In zwei Separatzügen sind über 2000 zumeist jüdische Schenker aus Galizien am Nordbähnhofe eingetroffen, um hier Hilfe gegen ihre Not zu erflehen. Da man hier auf eine so große Anzahl von Deputations-

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