Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 107 in Palästina gestattet war.") Diesen volksfestlichen. Charakter hat der Nmmondtag auch in der gaonäischen und spätrabbinischen Zsit bewahrt. So zum Beispiel erfahren wir aus Massecheth Soferim Kap. 9, daß am Rösch Hachodesch Lehrer und Schüler sich bei Wein unterhielten und dabei verschkedentliche Lobessprüche und Hymnen gesungen haben. Aehnlich berichtet A. Lünel"), daß es Sitte sei in Israel, den Neumondtag durch eine besonders reichliche Festmahlzeit auszuzeichnen, als Erinnerung an das Mahl, welches in Jerusalem den Zeugen bereitet worden war, nachdem sie das Sichtbarwerden der Mondsichel dem Synhedrion gemeldet hatten.") Nach dem Bericht des Eliah Wilna") wurden am Neumondtag Lichter gleich den Sabbatlichtern angezündet. Aus der vorhin erwähnten Episode Rabs in Babylonien scheint hervorzugehen, daß dem Neumondtag in Palästina ein geringeres religionsgesetzliches Interesse entgegengebracht wurde, als in Babylonien. Da der festliche Charakter desselben im Pentateuch bloß durch das Opfer gekennzeichnet erscheint, war es natürlich, daß nach der Zerstörung des Tempels und dem Aufhören der Opfer die Neumondfeier als guantitö negligeable behandelt wurde. Desto eifriger beschäftigte man sich mit dem Opfer selbst und der Ergründung seiner ursächlichen Veranlassung, wobei es sich zeigt, daß schon zur Zeit der Mischnah ziemliche Unklarheit darüber herrschte und man nicht recht gewußt hatte, wo man dieses Neumondopfer hintun sollte. In Labil Lchebncth 9a werden darüber zwei Ansichten mitgeteilt. Nach der Ansicht der Mischnah Hatte d'e Darbringung des "i'J?® den Zweck der Sühne und Entsündigung (msa) für eventuelle, iedoch verborgen gebliebene Unreinheiten und Unzukömmlichkeiten beim Akt der Opferung. In der zweiten wird das Neumondopfer mit der alten Vorstellung von n-p tawa in Verbindung") gebracht, wonach der Mond, ursprünglich der Sonne gleich geschaffen, infolge seiner Unzufriedenheit mit dieser Gleichstellung mit der allmäligen Verminderung seiner Scheibe bestraft worden .s§i, wofür Israel ein Opfer zu bringen habe.") An diesem Punkt setzt nun die Kabbalah ein. Die trostlose Lage der Juden im 16. und 17. Jahrhundert, die schweren Enttäuschungen, die allen Hoffnungen und Berechnungen bezüglich der Ankunft des Meffias auf dem Fuß folgten, haben nicht bloß den Sinn für die glanzvolle und freudige Vergangenheit abgestumpft, sondern jede passende und unpassende Gelegenheit zur Buße und Kasteiung willkommen erscheinen lassen. Eine solche bot auch der Neumondtag. Es werden rnaa und n-p btö die beiden, mit dem Wesen der Neumondfeier nur in losem Zusammenhang stehenden Momente aus der talmudischen Rüstkammer hervorgeholt, mit neuen kabbalistischen Vorstellungen vermengt und aus dieser Mischung der sogenannte „kleine Versöhnungstag" gebildet. Die allmälige Abnahme der Mondscheibe, so lehrt die Kabbalah, würde erst aufhören, sobald der Messias gekommen und das neue Weltreich aufgerichtet sein wird. Durch die Sündhaftigkeit Israels jedoch wurde der Zeitpunkt der Erlösung immer wieder hinausgeschoben und mithin Gott verhindert, dem Mond die ursprüngliche Größe wiederzugeben, worüber Gott selbst Schmerz empfinde. Es sei daher notwendig, durch Buße, Gebet 13) Jerusch. Taanith Kap. II. Hal. 12. Rosch. Haich. 19 a. ") Orchoth Cbaim. S. 67. In Bezug auf das Fasten scheinen überhaupt zwischen Prlästina und Babylonien entgegengesetzte Ansichten geherrscht zu haben. Die Baby'omer hielten nicht viel von dem ethischen Wert des Fastens, z. B. Babl. Taanith 11b: K"ip3 napna awrn ba» Das Gegenteil war in Palästina der Fell, z. B Taanith 1l a: ©np K-tp3 ♦ ♦ . ^a oder Babl. Beracho h d2b: ,-ip-iLa “inv rr3J?n bru ein Ausspruch des El-miar b. Pedaih. Die babyi. Auffassung soll nach Geiger auf den Emfluß des Parsismus zurückmführen sein. Z. f. d. W. IV 213. iS) Jerusch. Taanith 22 a. *«) rr°->3i thd Abichn nn, 17) Sie ist jedenfalls älter als der palästinensische Amoräer, Timon b. Lakisch, in dessen Namen sie mitgeteilt wird: Saahedrin 42 a: bsatrp -an S3n «) Wie bei den Opfern überhaupt vertritt MaimonideS auch hier den rationalistischen Standpunkt, wonach das Neumondopfer nur zum Zweck einer Demonstration gegen das Mondopfer der Herden gebracht wurde: Moreh Nebuchim III 46. und Kasteiung die Ankunft des Messias zu beschleunigen und eine restitutio in integrum bei dem Mond herbeizuführen.19) So wurde die ursprüngliche Freude am Wiedersichtbarwerden des Mondes in eine Trauer ob der allmäligen Abnahme desselben gewandelt und der Neumondtag zu einem Tag der Buße und Kasteiung ob der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem und — des Betens um Wiederaufrichtung desselben umgestaltet?«) Indes, den Neumondtag selbst zu einem Bußetag zu machen, gelang auch den ihre Zeit beherrschenden Kabbalisten nicht. Dagegen standen das ausdrückliche Verbot des Talmud und die Volkssitte, welche den freudigen Charakter des Tages unter allen Umständen gewahrt wissen wollte. Um diesem Dilemma zu entgehen, wurde der Vortag, bezw. der Zeitpunkt gewählt, wo mit Ablauf des letzten Mondviertels der Mond ganz unsichtbar wird?7) Nach der Ansicht einiger Forscher 22) wäre diese Einrichtung von dem „Löwen" der Kabbalisten Jzehak Lurja getroffen worden. Bei der heillosen Verwirrung, welche in den literarischen Erzeugnissen des lurjanischen Kreises herrscht und dem Mißbrauch, der mit dem Namen Lurja getrieben wurde, wäre diese Annahme selbst in dem Fall nicht sichergestellt, wenn sie in einem diesen Namen tragenden Siddur oder Tikkun ausdrücklich bezeugt würde, was aber, soweit ich sehen konnte, nicht der Fall ist. Zudem werden wir durch Zunz -s) belehrt, daß der Brauch, den Tag vor jedem Neumond mit Fasten zuzubringen, bereits um das Jahr 1500 vorkommt. Die Wahrheit dürfte auch hier in der Mitte liegen, wonach der im Jahr 1500 vereinzelt vorkommende Brauch durch die eifrige Propaganda Lurjas und seines Kreises zu einem allgemein gültigen gestaltet worden war. Sein Ursprung ist jedenfalls in Palästina zu suchen. 21) Für die Propagierung ihrer Lehren besaßen die Kabbalisten ein eigenes Organ; es sind dies die verschiedenen Buß-, Bet- und Fastenvereine, von denen es um jene Zeit in Palästina und dem von diesem kabbalistisch beeinflußten Italien wimmelte. Ein jeder von diesen Vereinen hatte seine Minhagim, Tikknnim und Siddurim, wodurch ihre Namen erhalten geblieben find: p-,3* "std -in® n j?a» npa1? nna^ u. v. a. In Safet gab es um das Jahr 1550 einen Verein, in dem zehn Männer abwechselnd täglich einen Fasttag hielten, welchen sie wie den Bersöhnungstag zubrachten.25) Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Fasttag vor dem Neumond von einem dieser palästinensischen Vereine seinen Ausgang genommen und von da aus nach Italien gedrungen war. Einen besonderen Namen hatte der Tag in Palästina noch nicht geführt, in den Quellen, welche den kabbalistischen Kreisen daselbst nahestehen, wird er «nn ®rr-> 3-1® 2s) genannt. Ebensowenig hat es ein bestimmtes Gebetritual für diese Tagen in Palästina gegeben. Es gelangten vielmehr einzelne, auf den Wiederaufbau des Tempels und die Einführung der Opfer sich beziehenden Partien aus Pentateuch, Profeten und Psalmen und aus der Mischnah, die Traktate, Aboth, Midoth und Tamid, zur Verlesung. Die Buße, die abends vorher begonnen hatte, erreichte am Morgen ihren Höhepunkt und fand ihren Abschluß mit einer Bußrede und dem darauffolgenden Minchagebet.27) 19) Vgl. das kabbalistische v-in.-l ma * a -no von Moses Zakut, Venedig 16^9. Einleitung. Der Gedanke, daß Golk darüber Schmerz empfindet, wird auch in Tossafoth z. St. erwähnt, von Aruch daselbst jedoch zurückgewiesen. 2°) Buße obne Fallen ist nach kabbalistischer Auffissung undenkbar. Vgl. das kabbalistische Werk sp” jkm 3.T3 von Josef Jospa, Hanau 1.21. mia3 nany vstan rs ary rauncki ai) Israel Saruk und ,-m Anvang haben, unabhängig vom rrn stets vor dem Neulrcht ("taa) gefastet. Vgl. A. Gumbinner, zu Orach Chajim § 417. 2-) Brück. Pharisäische Bolkssitten. S. 42. N. Brüll, Ben Chananjah X 679. 2») Dre Ritus S. 150. 2*) Chiskia Silvia: «nn ’-ia zu Or. Chajim 417 und CH. Benvenisri ,n ,-6-tan ncsa Avschn. m. 25) Vgl. Zunz, Runs. 1»0. 2«) Benvenisti rbrun nroa und Horowitz ,t : “©, Abschnitt rr?. 27) snn na zu Or. Ch j m 417. A. Gumbinner 579. 6. (Fortsetzung folgt.)