Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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SeKr 92 Dr. Blochs Wochenschrift. SN. 6 Jeder Hader und jeder Streit mutz bei Seite bleiben, denn Israel steht noch heute als unverwüstliches Monument der Vorzeit da, und jeder Einzelne ist ein unentbehrlicher Teil, der zur Aufrechterhaltung des Ganzen beizutragen hat. So lange dieser Zwist, der einen düstern Schalten auf die Gemeindezustände im ungarischen Israel wirft, nicht beseitigt, kann es zu einer ruhigen und gedeihlichen Entwicklung nicht kommen. Diesem Ziele sollten also alle besonnenen Elemente im neologen und orthodoxen Lager mit aller Energie zustreben. Siegmund Läufer. Serech. Endlich fand hier, am 31. Jänner und 1. Februar, nach zwölfjährigem Bestände des bisherigen, größtenteils ausgestorbenen Kultusrates eine Neuwahl statt. Und gingen folgende Herren 'als gewählt hervor, Md zwar im 2. Wahlkörper die Herren Handelskamm errat und Vizebürgermeister Isak Berall, Gemeinderat und Bankdirektor Nachmann Kraft, Abraham Pariser, Akiba Schreiber, Abraham Schalet, Hersch Kliffer, Natan Gläsel und Josef Katz, im 1. Wahlkörper die Herren Schulim Achner, Dr. Isidor Rosenzweig, Karl Plitter, Moses Lackner, Abraham Katz, Jakob Aszknasy und Meier Leib Brüll. Wir wollen hoffen, daß der neue Kultusrat seinen Anforderungen vollkommen gewachsen sein wird, zumal sehr viele Aufgaben seiner harren, und zwar ist es an 1. Stelle die Rabbinerfrage, welche schon zirka 6 Jahre unerledigt ist, dann ist die Achnersche Stiftung, die noch sehr vieles zu wünschen übrig läßt. und noch viele andere, welche der alte Kultusrat vernachlässigt hat. Die Psychologie des Juden. Ueber dieses Thema sprach Abg. Prof. Dr. Artur Mahler im Vortragszyklus der „Zephirah". Der Redner führt aus: Die Identifizierung technischer Errungenschaften mit kulturellem Fortschritt ist falsch, denn die mühelose Ueberwindung der Materie durch die Technik erweist sich als eine Nivellierung der Menschheit. Es ist ein Verdienst unserer Zeit, durch Individualisierung der Menschheit auf ihren wesentlichen Inhalt gekommen zu sein, die Höhen und Täler aufgesucht zu haben. Für Voltaire beginnt der Mensch mit dem höheren Bürgertum, wir haben gelernt, von der beseelten Menge zu sprechen, das harmonische Klingen der Volksseele tönen zu hören. Denen der Egoismus ihrer Individualität ertränkt ist im Gemeinsinn, die sind die Schwimmer und Visionäre, die der Menge den Stempel ihres Geistes aufdrücken, die Männer, die in die Volksseele blicken können, sind unsere Dichter und Propheten, und verfügen diese noch über ein großes Können, so haben wir es mit den Regeneratoren der Menschheit zu tun. Das sind die Representativen der Menschheit. So ist Herzl vielleicht die reinste Inkarnation der vollendetsten Volksseele. Wir sind jedoch bescheiden geworden, es ist uns klar, daß die Zusammenfassung der ganzen Menschheit unter einem Titel ein Traum bleibt, und das ein nicht grade sckö er. Als die friicbibarüe Einheit erwies sich di Vereinigung des Volkes in der Nation. Ihre Seele an den Representativemen zu erkennen, wäre nicht ergebnisvoll: sie würden uns nur zeigen, wie sie ist, nicht wie sie geworden. Aber nicht das Wissen, sondern das Erkennen ist wichtig. So wählen wir denn zur Erkenntnis der Volksseele den Weg über die große Menge. In der Einzelbetrachtung ergeben sich gewisse Akkorde, die oft übertönt sind, bei einer großen Erscheinung der Volksseele aber als gemeinsames Denken und Fühlen entgegentreten. daß das in seinem Dienste Geleistete anerkennt. Das ist das Edelste, Opferfreudigste, der Unsterblichkeit Teil. Bei der Untersuchung der Seele des modernen Juden drängt sich uns von selbst der Gegensatz von West und Ost aus, den Juden Wiens, Berlins und den Juden, bei denen der Begriff des Judentums mit dem Begriffe des Kampfes identisch ist. Wir wollen uns in gleicher Weise mit den wirklichen Juden, wie mit den zufällig in die Matriken eingetragenen beschäftigen. — Redner führt uns mehrere Generationen einer Familie unter der Einwirkung aufsteigender und fallender sozialer Bedingungen vor, vom orthodoxen Großvater, seinem Sohn dem Pietätsjuden, bis zum in religiösen Dingen skeptischen, getauften Enkel. Dieser zieht ohne Bedenken einen modernen Rock an und glaubt in dir vornehmen Salons Eingang zu finden: sind ihm aber auch dann die Türen nicht offen, glaubt er, der Rock wäre zu wenig elegant. Er will sich nicht eingestehen, daß seine Nase den verschließenden Riegel bildet. Redner sieht in der Taufe im Einklänge mit der PettenkofferscheN Theorie einen Selbstreinigungsprozeß vom Kranken, Faulen. Aber von hier drohe keine Gefahr: größere Besorgnisse flößen die Mischehen ein, die z. B. in Dänemark 84%, in Italien 61% ausmachen. Die größte,, Gefahr mißt Redner der Assimilation bei, deren geistige und materielle Wurzeln er im Folgenden aufdeckt: Gemeinsam sei allen Assimilationsjuden ein wissenschaftlich haltloser Pantheismus in religiöser Beziehung die verschwommene Vorstellung von. der: jüdischen Vergangenheit. Den Antisemitismus halten sie für eine Gemeinheit, sind selbstverständlich keine nationalen Juden, ja kennen alle Gegenargumente. Das alles hindert sie nicht, zur Frage' der Nationalität Stellung zu nehmen. Nach der Art ihrer Stellungnahme unterscheiden wic dann die liberalen Assimilanten, die in einem Wust kosmopolitischer Phrasen herumpendeln, und den nationalen, die sich ihr polnisch oder deutsches oder — oder — oder magyarisch Herz nicht aus dem Leibs reißen lassen. Fragt man sie, was sie sind, so sagen sie: „Das ist eine jüdische Frechheit." In der modernen Welt können sie sich nicht zurechtfinden. Ihr höchstes Ideal ist der arische Verkehr, doch wollen sie in ihrer beängstigenden Empfindsamkeit von der Seite niemals daran gemahnt sein, daß es Juden gibt. Dem Juden gegenüber beobachten sie eine lächerliche Herablassung und Arroganz. Die nationalen Juden machen sie den Vorwurf, Stürmer und Schwärmer zu sein, ein Vorwurf, der begreiflicherweise eher auf sie selbst paßt. Das sind aber nicht allein Erscheinungen des politischen und wirtschaftlichen Lebens. An dem Weiterbestände dieser Tatsache tragen wir ein gut Teil Schuld durch den Kampf, den wir gegen die Assimilationsjuden entfacht haben. Doch wissen w i r sehr wohl, was wir unter dem Kampf gegen die Assimilation verstehen. Wir meinen damit den Kampf gegen das bewußte Ablegen alles jüdischen, das Ablegen des nationalen Mimikry. Auf der anderen Seite verlangen wir die Pflege des jüdischen Elementes und die Erhaltung der Geltung der uns traditionell anerzogenen Sitten und Gebräuche. Der viel geübte Vorwurf der Kulturfeindlichkeit, im Sinne der Assimilationsjuden wohl der Zivilisationsfeindlichkeit, entbehrt der Wirklichkeit. Da wir uns doch nur gegen die sinnlose Wahllosigkeit bei der Aufnahme fremder Kulturbestandteile wehren. Wir denken nicht daran, die Juden in den Zustand der Vormendelssohn'schen Zeit, in die Gtzetti zurückzuführen. Wir wünschen mit der europäischen Kulturentwickelung Schritt zu halten, wollen aber dabei nicht um unsere nationale Eigenart, um unsere Nationalität kommen. Aus ihrem Gedankengange heraus nehmen die Assimilanten für sich allein das Lob in Anspruch, für den Fortschritt der Juden zu kämpfen. Die Gegnerschaft gegen diesen entnationalisierenden Fortschritt nennen wir Kampf gegen die Assimilation. Der