Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ceffe 90 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 6 Breslauer Studienzeit ist es mir bekannt, datz er oft bis zwei Uhr nachts und noch darüber hinaus arbeitete. Schon die talmudische Disziplin bringt es mit sich, daß Prof. Lewy die angestrengteste Tätigkeit unter den Dozenten hat und zur Vorbereitung die meiste Zeit braucht. Aber ganz abgesehen davon, ist Lewy ein Feind der Vielschreiberei und mutz zur Veröffentlichung seiner gedankenreichen, von ihm aber nur kurz skizzierten Arbeiten immer erst gedrängt wer.den. Dafür aber erhält man von ihm, sowohl in den Vorlesungen als auch im Privatverkehr, zahlreiche Anregungen, und fast in allen Dissertationen seiner Schüler, die sich auf talmudischem Gebiete bewegen, kann man lesen: „Dies verdanke ich mündlichen Mitteilungen meines verehrten Lehrers, des Herrn Seminarrabbiners Dr. Lewy". Hochinteressant sind Lewys Bemerkungen für die Entstehung unserer Gebete. Auch darüber hat er nur wenig veröffentlicht. Ich möchte beispielsweise nur einen Punkt hervorheben, der auch für weitere Kreise von Interesse sein dürfte. Lewy spricht beispielsweise in der Vorlesung über Kidusch am Freitag Abend und dessen Einführung im Gotteshause aus späterer Zeit. Hiebei bemerkt er, datz die spanischen Juden keinen Kidusch im Gotteshause machen und datz die Anschauung, datz man der Orchim wegen im Tempel Kidusch mache (Schulchan Aruch Orach Chajim, § 269) wohl nicht stichhältig sei. Er zitiert den „Or Sarua" (R. Isaak b. Mose aus Wien, zirka 1200—1270), welcher einem zeitgenössischen .Gelehrten gegenüber erklärt, datz die religiöse Sitte, im Tempel Kidusch zu machen, auch wenn keine Orchim da sind, gerechtfertigt sei. Hieran knüpft Lewy die Bemerkung. datz öfter im ..Or Sarua" ein „Ieruschalmi" zitiert wird, der sich bei uns nicht findet, und gibt hierüber seinen Vermu ungen Ausdruck. Nach Lewy selbst verlangt die Oeffentlichkeit der Feier, datz man im Gottesbanse, wo di? richtige Stätte ist, den Kidnsch vornimmt. Lewy ist aber nicht blotz einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten, sondern auch ein edler und biederer Charakter, der seinen Hörern gern mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich verkehrte in seinem Hause, begleitete ihn oft auf seinen Spaziergängen und habe ihm viele gute Ratschläge zu danken. Oft wurde ich von ihm zu Tische geladen, und er nahm auch ein offen gesprochenes Wort nicht übel. Als ich nach abgelegter Rabbinatsprüfung, bei der Lewy bekanntlich sehr hohe Anforderungen stellt, zu ihm zu Tische geladen war, fragte er mich: „Ist wirklich die Prüfung bei mir so schwer?" „Nun, Herr Doktor", erwiderte ich, „zum zweitenmale möchte ich eine Prüfung bei Ihnen nicht machen wollen". So sprach ich, wiewohl ich dir Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte. Lewy lächelte nur. Während der Mahlzeit forderte er mich auf, doch mehr zu trinken, und bemerkte: „Wenn Sie auch schon fertigtfind, so habe" sie deck neck nicht aufgebört. Student zu sein". „In dieser Beziehung", erwiderte ich, „habe ich noch nicht angefangen. Student zu sein". Ich erwähne dies nur, um den gemütlichen Ton zu zeichnen, der im Hause Lewys herrschte. Die Gerechtigkeit aber verlangt es. auch der edlen, aufopferungsvollen Gattin Professor Lewys zu gedenken, welche jenem Biederweibe gleicht, jener „Esches Ehajil", wie sie der Spruchdichter schildert. Wenn Prof. Lewy heute noch in vollster Körper- und Geistesfrische tätig ist, so verdankt er dies, nächst der Gnade Gottes, seiner treuen und aufopferungsvollen Gattin. Möge es dem hochverehrten Herrn Professor Lewy noch recht viele Jahre beschieden sein, zum Heile des Judentums, zum Segen der jüdischen Wissenschaft zu wirken. Die Segnungen des 128. Psalms haben sich an Israel Lewy erfüllt, und so wünschen wir ihm und seiner treuen Gattin das Schlußwort des 128. Psalms: „Urpeh Ixmim leboueeho sdiolamn al j i s r o e 1!“ Korrespondenzen Rosa Zifferer Schüler. Statt der frischen Blumen, welche Deine Kolleginnen Dir in dir Gruft nachwarfen, in drr Du, ach allzu früh, mit Deinem Gatten, Donat Ziffer er, nunmehr vereinigt ruhst, möchte ich Dir, meiner langjährigen'Präsidentin und mütterlichen Freundin, einige trockene Worte treuen Gedenkens Nachrufen. Trockene Worte, denn wie lietze sich in Worten der Zauber Deines Wesens fassen, die Du den Geist und die Vornehmheit der französischen Salondame, die Selbstzucht und Beherrschung der Norddeutschen, das Herz des Judentums, den reifen Verstand des Mannes, die milde Lebensweisheit der vom Lsbensschicksal abgeklärten Frau, die Herzensreinheit und Empfänglichkeit für alles Gute und Schöne, die sonst nur der Jugend eigen, in seltener Mischung in Dir vereinigt hast. Als Du vor acht Tagen, von leisen Todesschauern durchweht und durchgeistigt, mit glänzender Beredtsamkeit die Generalversammlung Deines Frauenhortes geleitet hast, da ahnten nur Deine Nächsten und Treuesten, datz Deine Stunden gezählt waren. Prophetisch scheinen uns jetzt Deine Worte, die Du m unserem weihevollen Gotteshaus, in der uralten Sprache unserer Weisen über die Zukunft Deiner Schöpfungen mit tiefer Ergriffenheit gesprochen hast. Nicht v on der unvergleichlichen Gattin, Mutter und Grotzmutter, der treuen Tochter und Schwester will ich sprechen: ich möchte nur ein wenig daran erinnern, was Du den leidenden und entbehrenden unter Deinen Glaubensgenossinnen in Deinem geliebten Wien, das Dir die zweite Heimat geworden, gewesen bist. Als vor 18 Jahren Herr Gottlieb Bettelheim einen bescheidenen Frauenwohltätigkeitsverein im 9. Bezirk, den jetzigen Frauenhort. gründete, vertraute er die Leitung seiner Schöpfung her bis dahin im Vereinswesen noch gänzlich unerfahrenen Frau Zifferer an. Eisernes Pflichtgefühl, unermüdlicher Fleitz - wie oft brannte noch in ihren letzten Lebenstagen die Lampe ihres Schreibtisches lang nach Mitternacht waren ihr vom Haus aus eigen: jetzt erst entwickelten sich bei Rosa Zifferer die glänzenden Gaben ihres Verstandes und einer seltenen Redekunst, die bis dahin unter der Hülle der Gattin mnd Mutiter, geschlummert hatten. Bei den beiden Aufgaben einer Präsidentin, Mittel zu sammeln und sie in aller Stille an die verdientesten der verdienten unter den verschämten Armen gelangen zu lassen, hat sie den Takt entwickelt, der bis dahin nur im Salon und in der Familie sich bewährt hatte. Als Frau Rosa Feigenbaum, die geschätzte Mitarbeiterin dieses Blattes und meine hochverdiente Vorgängerin im Frauenhort, den kühnen Gedanken faßte, in Oesterreich ein Arbeiterinnenheim zu errichten, hat Rosa Zifferer, mit unermüdlicher Ausdauer und strengem Tatsächlichkeitssinn langsam den segensreichen Gedanken ihrer Kollegin zur Reife gebracht, und so wird das herrliche Kaiser Franz Josephs-Arbeirinnen-Erholungsheim in Seebenstein, die Frauenhortschöpfung des Kaiserjubiläumsjahres, noch lange, lange Kunde geben von dem opferwilligen Geist der Wiener Frauenwelt am Beginne unseres Jahrhunderts. Aber nicht diese Arbeit allein genügte Frau Zifferer: sie, die für Kinder und Greise ihres eigenen Kreises unerschöpflich an zarten Aufmerksamkeiten war, hat jahrelang die höchste Befriedigung darin erblickt, in den weiten Räumen unseres Altersversorgungshauses als gütige Fee Trost und Erquickung den Lebensinvaliden zu bringen. Sie ließ die im Frauenhort gewonnenen Erfahrungen nicht nur ihrem Vereine zu Gute kommen, sie übertrug dieselben vielmehr auf