Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 89 quität gelangt. Es ist eine alte, mit vielen Figuren versehene Sederschüssel, ein Geschenk des Privatbeamten Moritz Boros, der dieses alte Stück als Familienerbgut von seinem Vater erhalten hatte. Auf der Rückseite der Schüssel ist das hebräische Datum eingraviert, wonach die Schüssel Änem Urahnen des Moritz Boros vor 360 Jahren zum Geschenk gemacht wurde. Die Schüssel, wurde bereits in der türkischen Millenniumsausstellung seinerzeit stark bewundert, und als nach Schluß der Ausstellung der Vudapester Magistrat an den Besitzer herantrat, die Schüssel dem Vudapester städtischen Museum zu überlassen, machte Herr Boros dieselbe der Stadt Budapest zum Geschenke. Nun hatte Boros den Wunsch, daß die von ihm geschenkte Schüssel im jüdischen Museum Platz finde. Der Vudapester Magistrat teilte jedoch Herrn Boros mit, daß die Hauptstadt die Schüssel dem jüdischen Museum bloß im Depot überlasse, daß aber das Eigentumsrecht der Stadt Budapest nach wie vor gewahrt bleiben muß. Diese ganze Geschichte wird nun durch einen an der Schüssel angebrachten Zettel festgestellt. Schicksal der Baron Günzburgschen Bibliothek. Gegenüber verschiedenen Zeitungsmeldungen über den angeblichen Verkauf der wertvollen Bibliothek des verstorbenen Baron Günzburg wird aus den der Familie nahestehenden Kreisen erklärt, daß von einem Verkaufe der Bibliothek dermalen noch nicht gesprochen werden .könne. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß die Familie sich -schließlich doch zum Verkaufe der Bibliothek entschließen werde. Dies werde jedoch erst dann geschehen können, wenn eine vollständig verläßliche Katalogisierung und Einschätzung der Bibliothek erfolgt sein wird, da der verstorbene Baron mit der begonnenen Katalogisierung seiner Bibliothek nicht fertig geworden ist und die Familie überhaupt auch nicht annähernd weiß, welchen Wert die Bibliothek repräsentiert. Erst nach Fertigstellung des ausführlichen Kataloges wird die Familie sich über den Verkauf der Bibliothek entschließen. Eine Spende Sultans an jüdische Vereine. Der Sultan hat, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, fast sämtlichen jüdischen Vereinen und Anstalten, welche in der letzten Zeit in Konstantinopel Makkabäerseiern veranstaltet hatten, für die Zwecke ihrer Vereine kleinere und größere Spenden gemacht. So überwies er dein Komitee zur Veranstaltung eines Balles zu Gunsten der Alliance 10 türkische Pfund, und dieselbe Summe dem jüdischen Iugendvereine L'Amicale. Srminarrabbiner Prof. Dr. Israel Kemy Kreslan. Zu seinem 7 0. Geburtstage. Von Prof. Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx. Wohl bin ich außerstande, klarzulegen, was Israel Lewy, Professor und Seminarrabbiner in Breslau, für das ganze Judentum bedeutet, und kein anderer als Professor Lewy selbst ist ein Feind öffentlicher Huldigungen. Er wird es aber hoffentlich nicht übelnehmen, wenn sein „lieber Biach" — so von ihm in seinen Briefen genannt zu werden, erfüllt mich stets mit Stolz und Freude — bei einem feierlichen Anlässe, wie es der 70. Geburtstag ist, der Verehrung und Ehrerbietung für seinen hochgeschätzten Lehrer öffentlich Ausdruck gibt. Ich habe nicht etwa die Absicht, eine Biographie Lewys zu geben; ich könnte es auch kaum, denn jeder, der Prof. Lewy kennt, weiß, daß er in seiner allzu großen Bescheidenheit kein autobiographisches Material veröffentlicht und auch niemandem zur Verfügung gestellt hat. Daher kommt es auch, daß die „Jewish Enzyclopädia" über ihn nur sehr wenig, ja sogar teilweise unrichtige Daten enthält. Nur so viel sei erwähnt, daß Lewy als der begabteste Schüler Zacharias Frankels, 1864—1869 das Breslauer Seminar besuchte. Bereits 3 Jahre später (1872) — im Alter von 31 Jahren — wurde er Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. 1883 wurde er an das Breslauer Seminar berufen, wo er noch jetzt in vollster Körper- und Geislesfrische tätig ist. Charakteristisch für Prof. Lewy sind die Worte, die er vor 28 Jahren bei seiner feierlichen Einführung in sein Amt als Breslauer Seminarrabbiner ausgesprochen: „Es tut not, daß Rabbiner herangebildet werden, die. unbekümmert um Parteistreitigkeiten, mit selbstloser Hingebung und idealem Sinne, mit Begeisterung und Besonnenheit, mit Wärme und Würde, mit würdiger Pietät für unsere heiligen Ueberlieferungen und mit verständnisvollem Blick für die Ansprüche der Gegenwart ihrem Berufe sich widmen und für die Erhaltung unserer Lehre, für die Wahrung des jüdischen Lebens, für di» Hebung des religiösen Sinnes und für aufrichtige Herzensfrömmigkeit einzutreten und zu wirken suchen." Ein jeder, der, wie ich. das Glück hatte, fast fünf Jahre die Vorlesungen Lewys zu hören und in seinem Hause aus- und einzugehen, weiß, wie sich Lewy durch seine selbstlose Hingebung, seinen idealen Sinn und seine Begeisterung auszeichnete und wie er bei seiner seltenen Frömmigkeit niemals den Blick für die Ansprüche der Gegenwart verlor. Was er vor 28 Jahren gesprochen, daß „auch er. wenn auch nicht in gleicher Weise so doch in möglichst gleichem Geiste und gleicher Gesinnung wie sein unvergeßlicher Meister zu lehren gedenke, und dies nicht etwa aus Rücksichtnahme auf die Pietät gegen seinen verewigten Lehrer, sondern in Angemessenheit seiner eigenen Gesinnung, deshalb, weil er nicht anders könne", daran hat Lewy stets festgehalten. Freilich, dies muß offen ausgesprochen werden, verlangt er auch viel von seinen Hörern. Man mußte, um Lewys Vorlesungen mit Erfolg zu hören, tagtäglich sich 4—5 Stunden vorbereiten. Nachlässigkeit duldete er nicht, und wer nicht gut vorbereitet war, der saß beklommenen Herzens da: denn Lewy wußte durch kurze Stichfragen seinen Hörern sehr scharf auf den Zahn zu fühlen. Auch gab es kein Schwänzen der Vorlesungen, denn Lewy hatte den Abwesenden sofort bemerkt, nannte absichtlich seinen Namen und fragte: „Herr T. wie verstehen Sie diese Stelle?" Tosefta, Meckiltha. Sifra und Sifre, sowie der Jeruschalmi wurden fast immer in den Vorlesungen berücksichtigt, denn Lewy gehört nicht nur zu den gründlichsten Kennern des babylonischen, sondern auch des stark vernachlässigten palästinischen Talmuds, der, wie jedem Fachmanne bekannt ist, durch den korrumpierten Tert große Schwierigkeiten für das Verständnis bereitet. Lewy gehört unbestritten zu den Meistern der Tertkritik und seine Interpretation des palästinischen Talmudtraktates Resikim. die in mehreren Jahresberichten des jüdisch-theologischen Seminars erschienen ist, gibt Kunde von der profunden Gelehrsamkeit und dem außerordentlichen Scharfsinn Lewys. Denn Professor Lewy ist auch ein tüchtiger Philologe und bereits 1878 erschien seine Arbeit „Ueber die Spuren des griechischen und römischen Altertums im talmudischsn Schrifttum", eine Arbeit, die leider nur sehr schwer zu bekommen ist. Daß auch Lewy, der in seinen Vorlesungen kein Wort zu viel gebraucht und oft nur kurz andeutet, was er sagen will, povulär-wissenschaftlich zu schreiben versteht, beweist sein Vortrag „Ueber das Ritual des Pessachabends" (Jahresbericht Breslau, 1904). Lewy ist aber nicht bloß einer der scharfsinnigsten, sondern auch einer der fleißigsten Gelehrten. Aus meiner