Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Vlochs Wochenschrift. G«ite 87 Meine Geschwister sind nun groß und versorgt aber sind wir Juden alle nicht Brüder? Deshalb erfülle ich nur meine heilige Pflicht, wenn ich mich, mit voller Kraft und zu allen Opfern bereit, für die Gründung eines jüdischen Patronagevereines einsetze, und ich hoffe bestimmt, daß mein Plan in allen jüdischen Kreisen Kroatiens wärmste Unterstützung finden wird. Zagreb. Rechtsanwalt Dr. Lavoslav Schick. Prerchenstaat und Judentum. Dr. W. Rathenau über die preußische Iudenpolitik. 2n der Berliner Presse wird gegenwärtig wieder einmal die Iudenfrage eifrig diskutiert. Die Juden werden in Preußen, soweit sie nicht getauft sind, nicht nur beim Militär, sondern auch in der Verwaltung zurückgesetzt oder vielmehr ganz ausgeschlossen. Run hat kürzlich Professor Köhler in der neuen „Berliner Montagszeitung" einen Artikel über die Juden veröffentlicht, der ziemliches Aufsehenhervorgerufen hat. Köhler riet den Juden, da der preußische Staat auf die so wertvolle intellektuelle Kraft des jüdischen Elementes nicht verzichten könne, sie mögen sich taufen lassen und durch vollständige Assimilation sich ganz dem deutschen Volke einverleiben. Kurz darauf erschien in der Berliner „Deutschen Montagszeitung" ein Aufsatz über Judentaufen von Dr. Walter Rathenau, dem bekannten Finanzier und Schriftsteller. Dieser Artikel hatte u. a. einen interessanten Briefwechsel zwischen Dr. Rathenau und einem Vertreter des preußischen Landadels, einem Herrn G. v. Diezelsky über das Judentum und sein Verhältnis zum Staat zur Folge, der jetzt im Berliner „Tag" zur Veröffentlichung gelangt ist. Im Gegensatz zu Werner Sombart, dessen Ansichten über die Grundlagen des jüdischen Geistes wir kürzlich auszugsweise veröffentlicht haben, sieht Herr v. Di.ezelsky in den Juden bei allen Vorzügen doch ein für den Staat gefährliches und schädigendes verändcrungssüchtiges Element, weshalb er die preußische Judenpolitik nicht nur nicht als rückständig, sondern eher als zweckmäßig und staatserhaltend bezeichnet, indem er den Juden auch die Befähigung für die Staatsverwaltung abspricht, vor allem wegen ihrer unruhigen, unkonservativen, staatswidrigen Geistesrichtung. Die Antwort, die Dr. Rathenau auf diese Zuschrift gegeben, ist interessant genug, um eine auszugsweise Wie dergabe zu rechtfertigen. Dr. Rathenau schreibt: „Ihre Darlegung steht und fällt mit der Behauptung, daß der deutsche Jude anders geartet und in entscheidenden Eigenschaften weniger wert sei als sein autochthoner Landsmann, daß seine staatserhaltende Veranlagung und seine staatsfördernde Befähigung nicht zureiche. Die weiteren Voraussetzungen: daß ein gesitteter Staat berechtigt sei, ihm unbeguem scheinende Elemente mit kleinen und unverfassungsmäßigen Mitteln zu bekämpfen, daß ec „den Sack schlagen und den Esel meinen" dürfe, das heißt, eine Religionsgemeinschaft abwehren, um eine Blutsgemeinschaft fernzuhalten, daß er Gewissenskonflikte seiner Bürger schüren dürfe, indem er auf Glaubenswechsel Prämien setzt, daß er überzeugungstreu Gebliebene benachteiligen dürfe zugunsten mobilerer Elemente - diese Voraussetzungen, die mir durchaus nicht einwandfrei erscheinen. treten gegen den ersten Satz in den Hintergrund." Zu dem Vorwurf der angeblichen Minderwertigkeit der Juden bemerkt Rathenau, daß solche Verdammungsurteile von Einzelnen über einen Kulturslamm, der sich seit Menschenaltern bemühe, dem Lande zu nützen, meist persönlich gefärbt und getrübt seien. Bezüglich der Neuexungssucht der Juden meint er. daß diese nur dort zu finden sei, wo man die Juden schlecht behandelt, während das Judentum überhaupt sein Bestehen nur dem strengsten Z^useroatlvlsmas ver Welt verdanke. Den Vorwurf, daß es den Juden an der Fähigkeit zur Staatslenkung fehle, schlägt Rathenau mit dem Hinweis auf Disraeli, auf die tüchtigen jüdischen Minister, die Frankreich. Rußland, Oesterreich und sogar Preußen besessen haben. Das landläufige Argument, der Jude besitze als Vorgesetzter keine Autorität, wird nur auf den ungetauften Juden und meist zu Unrecht angewendet. Ebenso sei es mit der Verantwortungsfähigkeit der Juden. Die preußische Regierung bestellt und befördert jährlich Dutzende von Juden, die durch die Taufe weder an Fähigkeit, noch Zuverlässigkeit gewonnen haben, und fährt nicht schlecht dabei. Auf den E inwand: „das Eindringen des jüdischen Geistes muß verhindert werden" antwortet Rathenau wörtlich: „Die Regierung wehrt sich gegen das jüdische Element und schützt Unbrauchbarkeit der Juden vor. Die Religionsfrage spielt, wie sie selbst zugesteht, keine Rolle. Nun hat sie aber nicht die Courage oder nicht die Findigkeit gehabt, sich der getauften Kategorie zu erwehren, und die Brauchbarkeit dieser Kategorie beweist a fortiori die Brauchbarkeit der ungetansten und somit die Unwahrhaftigkeit ecs Vorwandes." Die wahre Ursache der hilflosbrutalen politischen Tendenz der Ausschließung sei die Furcht der in Preußen herrschenden Klasse vor Konkurrenz: die Iudenpolitik sei nichts weiter als der letzte Ausdruck der gegen Unzünftige gerichteten Jnteressenpolitik der dominierenden Kasten. Das Argument der gefährdeten Prärogativen sei stichhältig; dies möge aber nicht mit dem Mantel der Stammeskritik bedeckt werden. „Denn trotz mancher Schwächen, die Grandseigneurs und Parvenüs sich wechselweise vorzuwerfen haben, vertragen Adel und Judenschaft sich gar nicht so schlecht, und die Aegis der Stammesfeindschaft wird vorwiegend nur dann geschüttelt. wenn Interessen auf einander platzen." „Sagen Sie uns offen und ehrlich: wir fürchten eure Konkurrenz. Bekämpfen Sie uns. wenn Sie wollen, aber mit ritterlichen Waffen. Beschimpfen Sie uns nicht. Nicht Sie blicken in unsere Herzen, und es ist das härteste, was der Mensch dem Menschen zurufen kann, wenn er sagt: „Dein Blut, deine Seele, deine Gesinnung haben keinen Teil an unserer Gemeinschaft, du bist und bleibst anders geartet, unedel, fremd." „Den Kampf aber werden Verhältnisse entscheiden, nicht Menschen. Eine unaufrichtige und unsittliche Politik kann keinen Bestand haben, die preußische Iudenpolitik aber wird noch früher an ihrer Unzweckmäßigkeit scheitern, als an ihrer Ungerechtigkeit." „Die Tradition kann", so argumentiert Rathenau weiter, „der Initiative auf die Dauer nicht standhalten. Wollen sie aber dauernd die Staatsmaschine monopolisieren. so werden die Verhältnisse sich stärker erweisen und diejenigen Remeduren eintreten lassen, die den allzu renitenten Konservativismus Preußens schon mehrmals, wenn auch in hartem Anstoß, zurechtgerückt haben und die man demgemäß sehr wohl als Fügungen bezeichnen durfte." „Deshalb bleibe ich bei meiner Ueberzeugung und Zuversicht: der Staat kann auf keine seiner intellektuellen und moralischen Kräfte verzichten; er muß und wird dem Bürgertum im weitesten Sinne, und somit auch den Juden, die Mitwirkung an den gemeinsamen Arbeiten zugunsten des Staatswohls gewähren, und dies in kürzerer Zeit, als die Beteiligten annehmen. Erkannte Notwendigkeiten schreiten rasch zur Erfüllung; jetzt ist der Zeitpunkt, sie auszusprechen."