Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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r .a>*. Sette 86 Dr. Blocks Wochenschrift. Rr. 6 willigst zuzulassen, wenn beim ersten Urteil ein Massenwahn, ein politisches Motiv mitgesprochen hat. Das Beispiel sollte und könnte auch wohl in Oesterreich Folgerungen haben. Die Geschworenen von Kuttenberg und Pisek, welche den armen Hilsner schuldig gesprochen haben, sind vollständig unter gleichartigen Eindrücken gestanden wie die Volksrichter von Essen, welche beeinflußt waren durch die Scharfmacherei gegen die Sozialisten. 2n dem Prozeß Hilsner hat eine politische Partei Gerichtshof gespielt, eine Zeitung den Staatsanwalt und die Jury wurde einem geradezu terroristischen Druck unterworfen. Denn sonst hätten auch sie die Aussagen der Zeugen mit den Fernrohraugen und mit der zwanzigfach geänderten Aussage mit den Ausführungen der durchaus persönlich ehrenwerten Entlastungszeugen verglichen, welche die Unmöglichkeit von Hilsners Täterschaft bewiesen. Der Fall ist so zwingend, daß es der österreichischen Justizverwaltung nicht auch plaustbel sein sollte, so wie die preußische auf einen Zufall zu warten, welcher das Wiederaufnahmeverfahren im Hilsnerprozeß ermöglicht. Von der ruhigeren Warte späterer Zeiten sieht man heute mehr als deutlich, daß in Pisek und Kuttenberg Stürme getobt haben, welche am Bau des Rechtes einen riesigen Schaden hervorriefen. Soll es dabei bleiben, wenn die Laune der Ereignisse zufällig nicht die Lumperei eines Zeugen an den Tag bringen sollte? Von allen Seiten ertönt der Ruf, daß das Gesetz nicht dem Buchstaben nach, sondern dem Geiste nach gehandhabt werden soll. Ueber den Sinn der Hilsneraffäre ist ein Zweifel gar nicht möglich. Das Urteil wurde .durch das Sprachrohr einer politischen Partei verkündet. Das müßte genügen, wenn ein österreichischer Justizminister die Kraft zu der heiligen Aufgabe in sich fühlt, ein nachträgliches Scheidungsverfahren zwischen dem Willen des Tages und den ewigen prinzipiellen Forderungen der Gerechtigkeit durchzuführen. Formale Handhabung gibt es übrigens in der Hilsneraffäre genug — -die Nebenuntersuchung, die Rolle von Wiener Faktoren. Da mutzte es wahrhaftig ein Leichtes sein, daß die österreichischen Behörden den Mut der preußischen ausbringen. welche die Ehre des Rechtes mit Mut verteidigen, trotzdem die Sozialdemokraten nicht die beliebteste politische Partei im Deutschen Reiche sind. Vielleicht darf man die Hoffnung aussprechen, daß die Essener Richter für ihre Berufsgenossen im Nachbarreich zu Schrittmachern werden! Girre jüdische Patronage-Gesellschaft irr Kroatien. Mehr als 25.000 Juden zählt Kroatien-Slavonien - das jüdische Element ist ein mächtiger, tatkräftiger Faktor im allgemeinen Leben des kroatischen Volkes. Trotzdem besitzt die ganze kroatische Judenschaft keine religiöse Institution, die es gemeinsam umfassen würde — ausgenommen der Zeitschrift „2idovska Smotra" gibt es weder in religiöser, noch kulturell-literarischer, noch humanitärer Beziehung eine Organisation, die über den Rahmen der einzelnen Gemeinden reichen würde. Es ist eigentlich merkwürdig, daß dieselben Juden, welche durch ihren Fleiß, durch ihre Tatkraft sich die Vorbedingung der Eristenz geschaffen, gar nicht als Familienväter den Gedanken erwägen, was mit ihren Kindern geschieht, wenn ein frühzeitiger Tod den Ernährer aus seinem Arbeitsfeld abberuft. Der 'Todesfall des Familienoberhauptes bedeutet aber gerade in den jüdischen Kreisen Kroatiens eine vollständige Aenderung der Lebensverhältnisse. Da es sich ja fast immer um nichtbodenständige Elemente handelt, gestattet der aufreibende Kampf ums tägliche Brot bei einem noch so konsolidierten Standard of lue in fast allen jüdischen Familien nicht das Schaffen eines Vermögens. Traurig sieht es daher mit den armen Waisen aus, wenn keine Verwandtschaft da ist — und wenig Ersatz bieten d ie Kultusgemeinden mit ihrem Beitrage, 10 bis 20 Kronen monatlich. Da müssen die armen Kinder entweder vor Hunger sterben oder sie kommen ins christliche Waisenhaus und gehen fürs Judentum verloren. Wir brauchen einen jüdischen Patronageverein! In Ungarn haben edle Männer und Frauen emen jüdischen Patronageverein gegründet. Es würde zu weit führen, in diesem Aufruf die Vereinsstatuten zu zitieren ein Beispiel aus seiner Tätigkeit möge genügen. Als voriges Jahr in einem Dorf bei Szatmar der kalvinische Kirchengesangverein in einem Holzschuppen eine Tanzunterhaltung gab, brannte der Schuppen ab und mehrere hundert Menschen fanden ihren Tod im Flammenmeere. Außer jenen, die zur Unterhaltung das Fest besucht hatten, war ein armes Judenweib des Verdienstes wegen erschienen. Mit einem Korb Orangen und Zuckerwaren kam Therese Roth, die nach dem Tode ihres Mannes ihre vier unmündigen Kinder zu ernähren hatte. In dem entsetzlichen Todesschrei, der aus dem zusammenstürzenden Schuppen klang, mischte sich auch ein verzweifeltes „Schema Israel" - es war der Angstschrei der jüdischen Mutter, der Todesgedanke, was mit den vier elternlosen Kindern geschehen wird. Werden die Anhänger des einig einzigen Gottes, werden die Juden wissen, was ihre Pflicht ist, wenn jüdische Kinder ohne Ellern bleiben? Damals kamen die Vertreter des jüdischen Patronagevereines nach Oköritö, und als die Knaben das erstemal nach der Mutter Kadisch sagten, waren die Kinder in anständigen jüdischen Familien versorgt, und der Verein wird sorgen, daß es sich nicht um eine gnadenweise geübte Duldung, sondern, wie versprochen, um eine Fürsorge, wie für eigene Kinder handeln wird! Die Gründung eines jüdischen Patronagevereines für Kroatien ist auch eine eminent patriotische Sache. Es entspricht nicht der staatlichen Selbständigkeit Kroatiens, daß die hierländischen jüdischen Waisen vom ungarischen Vereine ausgenommen werden müssen. Der Verein darf aber nicht eine Gründung bloß der reichen-Juden Werden. Er muß auf demokratischer Grundlage aufgebaut sein, keine Wohltätigkeitsanstalt, sondern eine Versicherung jedes einzelnen, daß, stirbt er vorzeitig, sein geringer Monatsbeitrag ihm das Recht verschafft, daß seine Kinder in der Heimat standesgemäß und im jüdischen Geiste erzogen werden. Es werden dieser Institution wohl alle Juden Kroatiens beitreten und voll und ganz werden wohl all jene bei her Sache sein, die selbst als Waisen durch fremder Leute Liebe erzogen worden sind. Nicht jeder hat vaterlos das Glück, sein Ziel zu erreichen, — es gab viele darunter, die am Wege starben. Den Plan eines jüdischen Fürsorgevereines für Kroatien haben bereits mehreremale edle Männer und Frauen erwogen. Es könnte einer die Frage stellen, warum gerade ich, als junger, unverheirateter Mensch, die Ausführung öffentlich anrege. Mich führt die Erinnerung an meine früheste Kindheit, so wie heute auch im Monat Schebat, vor dreiundzwanzig Jahren, als mein todeskranker Vater vor seiner Abreise in den fernen Süden, woher er keine Wiederkehr erhoffte, mich das letztemal segnete und .auftrug, als Aeltester die jüngeren Geschwister zu behüten, wenn sie keinen Vater mehr haben!