Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 88 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 6 land das englische Bürgerrecht erworben hatte, in den Sinn, sein Geschäft in England zu liquidieren und nach Palästina zu reisen. Der junge Uhrmacher kam nun gerade um dieseselbe Zeit nach Jaffa, als dort auch die junge, -entflohene jüdische Nonne und ihre Mutter auf der Flucht aus Rutzland landeten. In Jaffa sich sehen und sich sofort gegenseitig verlieben, war für die beiden jungen Leute eins, jedes von ihnen fühlte instinktiv datz, um ihr ferneres Lebensglück zu sichern, die Zeiger und das Geh- und Schlagwerk ihrer Lebensuhr ganz genau aufeinander abgestellt und abgerichtet werden mutzten, so datz es für beide fortan nur noch heitzen konnte: „Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag". In der kurzen Brautzeit schlug den Glücklichen keine Stunde, es folgte bald die Hochzeit, und heute sieht man schon in Alexandrien in Egypten, wo sich die beiden häuslich niedergelassen, „in der Familie einem freudigen Ereignis entgegen". Es ist auch bereits ausgemacht, datz, wenn ein Stammhalter ankommt, der Schreiber Pate werden mutz, als Anerkennung für den hervorragenden Anteil, den er sich selbst an dem Zustandekommen dieser Ehestiftung zuschreiben darf, und es versteht sich von selbst, datz er die ihm aus Dankbarkeit zugedachte Ehrung mit einem ähnlichen Hochgefühl innerer Befriedigung und Genugtuung entgegennehmen wird, wie weiland Voltaire die heitzen Dankesbezeugengen der Ealas und Sirven,, als er deren Familien und Binder aus den Händen und vor den Nachstellungen der fanatischen katholischen Priester gerettet und in Sicherheit gebracht hatte. Wünschen wir jetzt also, am Ende unseres nach vielen höchst peinlichen und gefährlichen Wechselfällen, schlietzlich doch noch so glücklich und zufriedenstellend verlaufenen Taufromanes, datz die Heldin desselben an der Seite ihres biederen Uhrmachers in dem schönen Alexandrien und sonnigen Egypten jetzt, nach dem vielen ausgestandenen Ungemach und allen herben, bitteren und schweren Prüfungen hellere, frohere und freudigere Stunden verleben möge, als es ihr zwischen den finsteren, unheimlichen, grabrsstillen Klostermauern beschieden gewesen wäre, hinter welchen sie sich, in einer Anwandlung jugendlicher Unbesonnenheit, zeitlebens einzukerkern dachte, und mögen sich andere an ihrem bösen Schicksal jetzt ein warnendes Beispiel nehmen. In Nr. 4 der „Welt" des laufenden Jahrgangs wurde in einem Artikel, mit der Ueberschrift „Ein russischjüdisches Drama", in welchem der durch die barbarische russische Gesetzgebung und Gesellschaftsordnung verursachte grausame Tod zweier jüdischer Geschwister geschildert wird, darauf hingewiesen, datz es namentlich in dem Leben der russischen Juden Episoden gebe, welche mit der krassen und straffen Aneinanderreihung des Geschehens und ihrer schnell sich abwickelnden, meistens mit einer Katastrophe endigenden Tragik auch die kühnste und routinierteste Phantasie des grötzten Romanschreibers und dramatischen Dichters weit hinter sich lassen. Der Korrespondent fügt ,dem weiter hinzu, datz viele von diesen im Leben der russischen Juden zur Darstellung kommenden Tragödien insofern nicht den Forderungen der aristotelischen Poetik und Lessings Dramaturgie entsprechen,-als sie im Zuschauer nicht Furcht und Mitleid, sondern Staunen und Zorn e? re^n. und datz dieselben auch nicht im eigentlichen Sinne der künstlerischen Forderung tragisch genannt werden können, da in denselben der Held oder die Heldin nicht für die eigene Schuld zu Lützen hat. sondern durch fremde Schuld zu gründe geht. Diese Bemerkungen in dem Artikel in der „Welt" mögen für die Charakterisierung mancher russisch-jüdischen Tragödie völlig berechtigt nnd am Platze sein, aber auf den hier vorliegenden und geschilderten Fall passen sie in keiner Weise Die Heldin des an dramatisch packenden und tragisch ^greifenden Wechselfällen so reichen Jerusalemer Taufdramas hatte alle im Verlaufe desselben so reichlich erduldeten körperlichen und seelischen Leiden und Prüfungen, Aengste und Gefahren im Grunde nur einzig und allein der eigenen Schuld zuzuschreiben, denn was sie alles von fremder Seite zu erdulden hatte, das war im Grunde doch nur die notwendige Folge ihrer eigenen ursprünglichen, unklugen, unvorsichtigen und unüberlegten, verurteilüngswerten Handlung, bei der sie jetzt am Ende nur noch vom Glück sagen kann, datz sich da nicht das Sprichwort auffallender an ihr bewahrheitet hat: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um". Hoffentlich wird aber jetzt, wie schon angedeutet, das Schicksal der nur mit iknapper Not einem fatalen endgiltigen Verhängnis entronnenen jüdischen Taufkandidatin auf andere jüdische Töchter, welche, etwa wie sie, in Versuchung geraten sollten, die strenge und heilsame Zucht des Hauses und die Pflichten gegen die Familie, die Menschen und sich selbst mit den vorgespiegelten Wonnen und Glückseligkeiten eines Klosters zu vertauschen, einen heilsamen und.abschreckenden Einfluh ausüben, und so unsere Heldin, „worinnen sie gelitten und versucht worden ist, helfen Können denen, welche versucht werden". Unmittelbar nachdem die Heldin unseres Taufromans -mit ihrem ersten .Schritt in das griechische Patriarchat ihr ganzes nachheriges schweres Schicksal besiegelt hatte, hörte man auch noch von anderen jüdischen Mädchen in Jaffa und Jerusalem, datz sie, in Anwandlung eines pessimistischen Lebensüberdrusses, dem Beispiel ihrer Kameradin folgend, die Rechnung mil dem Leben in einem Kloster abschlietzen wollten. Aber die bald aus dem finsteren Klosterverlietz hervordringende Kunde von den schweren Leiden und der bitteren Reue der bedauernswerten verführten Törin übte eine heilsame Wirkung aus und hielt andere vor einem ähnlichen übereilten, unbedachten, und folgenschweren Schritt zurück. Niemand kann die Töchter Israels zu einer solchen klugen und weisen Vorsicht mehr beglückwünschen als der Schreiber des Romans ihrer vielgeprüften Schwester, denn es wäre schwer, zu behaupten, ob es auch einer anderen von ihnen, selbst bei seinen grötzten persönlichen Anstrengungen und bei der günstigsten Laune des Schicksals jemals wieder, so wie der Heldin unserer Geschichte, gelingen möchte, den ihren Raub festhaltenden und sorgsam bewahrenden Klostermauern zu entleihen und zu einem Manne zu kommen, nach welchem in logischer Konsequenz der Worte 1. Mos. 3, 16, in richtiger deutscher llebersetzung doch auch das Verlangen einer Nonne stehen muh. Literatur. Dr. A. I. Brawer. Galizien, wie es an Oesterreich kam. Eine historisch - statistische Studie über die inneren Verhältnisse des Landes im Jahre 1772. Verlag F. T e in p s k y, Wien, IV., Johann Straussgasse 6. Eine fleissige, interessante Arbeit, reich an neuen historischen Materialien und Aufschlüssen. Das I. Kapitel behandelt die Besetzung und Erwerbung Galiziens durch Oesterreich. Das II. Kapitel behandelt die Stellung von Ost- und Westgalizien zueinander und zum polnischen Reiche. Das III. Kapitel bietet die Bavölkerungsstatistik nach Konfessionen und Nationen, nach Ständen und Berufen. Kapitel. IV.: Siedelungs-und Wohnungsverhältnisse. Kapitel V.: Soziale Gliederung der Bevölkerung. Kapitel VI.: Bodenverhältnisse und Güterverwaltung. Kapitel VII.: Landwirtschaftssystem und jährliche Aussaat. Kapitel VIII.: Die Ernte und ihre Verwendung. Kapitel IX.: Haustiere, Bienenzucht und Fischerei. Kapitel X.: Forstkultur, Bergbau. Kapitel XI: Die Lasten der Bauernschaft. Kapitel XII.: Industrie. Kapitel XIII.: Das Handwerk. Kapitel XIV.: Handel und Verkehr. Die Schrift ist wertvoll, sowohl für die allgemeine Geschichte, als auch für die Geschichte der Juden insbesondere. Man erhält durch sie einen Einblick in die wirtschaftlichen“ Verhältnisse der verschiedenen Bevölkerungsgrnppen und einen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der Juden.