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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-02-03 · 5 (3.2.1911) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. k Dr. Bkochs WochenschM. Teile 75 Oberrabbiner Dr. Güdemann bestieg sodann die Kanzel und hielt nachstehende Festpredigt: Meine andächtigen Freunde! Unsere heutige Andacht erhält eine erhöhte Bedeutung durch die gleichzeitige Feier des 90. Geburtstages unseres allverehrten Rabbiners Herrn Dr. Adolf S ch m i e d l. Mit Freuden erfülle ich die mir vom Vorstand übertragene Aufgabe, den Jubilar im Namen der ganzen Gemeinde zu dieser seltenen Feier zu beglückwünschen. Ich habe schon zweimal das Glück gehabt, unserem Jubilar an bedeutsamen Wendepunkten seines Lebens die Gefühle der Gemeinde zu verdolmetschen: zu seinem 70. und zu seinem 80. Geburtstage. Ganz besonders aber freue ich mich, dieses Amt auch zu seinem 90. Geburtstage ausüben zu können. Ich verkenne allerdings nicht, daß meine heutige Aufgabe schwieriger ist, als vor 20 und 10 Jahren. Denn alle unsere Wünsche beziehen sich auf die Zukunft. Diese aber verkürzt sich naturgemäß für den Menschen umsomehr, je mehr sich seine Vergangenheit verlängert. An diesem Gesetze vermögen auch die besten Wünsche nichts zu ändern. Ich müßte also diesmal in Verlegenheit geraten, wenn mirnicht glücklicherweise der heutige Wochenabschnitt zu Hilfe käme. Er führt uns zwei Männer von 80 und 83 Jahren vor» die in diesem Alter ihre Laufbahn erst anfingen. Wer waren diese Männer? pnRi wo Rin neai pn* Das waren Aron und Moses, Moses und Aron. Die Thora weiß selber nicht, wel hem von den beiden Brüdern fie den ersten Rang einräumen soll, wer von beiden die Begeisterung für Gott und die Freiheit jugendlicher, .mutiger, siegreicher bekundet hat. Nun denn, wenn diese Begeisterung den 83 jährigen Aron und den 80 jährigen Moses verjüngt hat, muß sich dann nicht aus demselben Grunde auch unser 90 jähriger Jubilar verjüngt fühlen? v'v' spin n r.KT* Die Gottesfurcht ist eine Makrobiotik, eine Lebensverlängerungskunst, die sich an Moses und Aron glänzend bewährt hat. Ebenso auch an unserm Jubilar. Ein Strahl der Jugend und Verklärung fällt von jenem Zweigestiry heute auf sein Haupt, denn er hat fast drei Menschenalter hindurch im Geiste jener Lichtgestalten gewirkt, er hat unserer alten Lehre immer neue Reize abgewonnen, er kann auf eine fruchtbare Aussaat und auf eine gesegnete Ernte zurückblicken i'n-ivHn RBiJ rvm uü’ r*. Unter dem Jubel und Beifall seiner Zuhörer hat er volle Garben des Erfolges von dem Felde der Lehre und Belehrung heimgetragen. Zu diesem reichen Ertrag seines Lebens beglückwünschen wir ihn. Unsere alten Lehrer weisen dem Neunzigjährigen die Bestimmung zu p. Das übersetzt man gewöhnlich: „er muß sich bücken". Ich meine aber, fie wollen sagen: man muß sich vor ihm bücken, wie wir uns in Verehrung verneigen vor dem msan mtsy vor der Ehrenkrone des hohen Alters, womit Gott das Haupt unseres Jubilars geschmückt hat und durch die er unserer Gemeinde und dem ganzen Judentum ebenso zur Zierde gereicht, wie durch den nun ->N2 die Krone jüdischer Gelehrsamkeit, die er sich selbst aufgesetzt hat. Möge er diese Kronen noch viele Jahre tragen, möge Gott ihn uns noch lange, lange erhalten. Amen, Nach dieser hochfeierlichen, erhebenden Festrede erhob sich, tiefergriffen, der Jubilar und bat um das Wort. Er sagte, wie es ihm in seinem vorgerückten Greisenalter durch die Gnade des allgütigen Gottes und durch die Güte und Freundlichkeit edler Menschenherzen gegönnt war, drei denkwürdige Tage — den 70, 80. und 90. Geburtstag — in unvergeßlicher Weise zu feiern, und wie jedoch alle diese drei unvergeßlich denkwürdigen Lebenstage ihm erst verschönt und verherrlicht wurden durch das gütevolle persönliche Mitwirken unseres hochverehrten Herrn Oberrabbiners, der in seiner edlen Denkweise den F r e u d e n t a g des Amtsbruders gleich seinem eigenen Freudentag mitzufeiern als innig religiösen Gedanken hochhält. Der Jubilar suchte hierauf aus dem jüngst verlesenen Thoraabschnitt nachzuweisen, wie herrlich es sei, wenn das edle Menschenherz innige Mitfreude fühlt mit der Freude seines ihm nahestehenden Mitmenschen. An dem Tage nämlich, da unser großer Lehrer Moses durch die Sendung Gottes nicht nur zum Erlöser und Befreier, sondern auch zum Lehrer und Erzieher seines Volkes erhoben ward, verkündete ihm die Gottesstimme, daß soeben sein älterer Bruder Aron zu ihm komme und in seinem Herzen sich inniglich freue, daß sein jüngerer Bruder nun so hochgeehrt vor Gott und Menschen dastehe. Diese edle Mitfreude im Herzen fand später göttlichen Lohn, als er. zum Hohenpriester auserwählt, den Brustschild mit den Urim Watumim auf seinem Herzen trug. In unserer täglichen Morgenandacht richten wir an Gott die Bitte, es möge ein dreifacher Gottessegen, wie ihn Moses in unserer Thora niedergeschrieben, an uns in Erfüllung gehen. An Ihnen, Herr Oberrabbiner, hat sich bereits ein d r e ifacher Gottessegen erfüllt: Sie stehen an der Spitze einer der größten und ehrwürdigsten Gemeinden der Judenheit. Verehrt und geliebt weit über das Weichbild dieser großen ruhmvollen Gemeinde und auch weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus. Durch hohe, weitumfassende Gelehrsamkeit, durch zahlreiche, wiffenschaftliche Werke, namentlich durch Ihre apologetischen Schriften haben Sie, hochverehrter Herr Oberrabbiner, die unvergleichliche Ethik unserer heiligen Thora auch außerhalb des Judentums zur siegreichen Anerkennung gebracht. An Ihnen, hochverehrter Herr Oberrabbiner, ist das heilige Psalmenwort in Erfüllung gegangen: n->2' ->sv2 pnac Innr p2tn«2 12 Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor Don Fuchs mit Chor in mustergiltiger Weise. Nach dem Gottesdienst versammelte sich der Kultusvorstand im Zeremoniensaal und der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern richtete an den Jubilar folgende Ansprache: Verehrter Herr Rabbiner! Der nahezu 80 jährige Präsident der Kultusgemeinde tritt ehrfurchtsvoll hin vor den 90 jährigen Rabbiner, um dem hochverehrten gefeierten Jubilar die herzlichsten Glückwünsche des Kultusvorstandes zu überbringen: aber nicht allein des Kultusvorstandes. sondern auch der sämtlichen jüdischen Vereine Wiens und ihrer Vorstände, der gesamten Judenschaft in Wien und hinausreichend über die Grenzen dieser Stadt. Es ist heute an heiliger Stätte hingewiesen worden auf die Thora-Abschnitte, welche wir heute und am letzten Sabbathe lasen, und in welchen erzählt wird, wie Moses und Avon, der eine 80 der andere 83 Jahre alt, ihr großes Lebenswert nicht etwa fortführten oder vollendeten, sondern erst begannen. Und es liegt hierin für uns beide ein ermunterndes, trostbringendes Beispiel, daß wir uns noch nicht zur Ruhe sctz-n. daß wir. so viel uns Gott Kräfte gibt, aufwenden wollen, zum Wohle unserer Gemeinde. Und die Thora erzählt uns, wie unser großer Lehrer Moses sein Lebenswerk fortsetzte bis zu seinem 120. Jahre. Und so ist die Erreichung dieser Lebensgrenzen, das ..Meoh w’esrim schonoh“ der Wunsch, den wir unseren Alten, den wir heute Ihnen, verehrter Herr Rabbiner, aus vollem Herzen sagen. Der heute verlesene Wochenabschnitt erzählt uns aber auch von den Bedenken unseres großen Lehrers Moses, ehe er die übertragene göttliche Sendung übernimmt. „Das Volk wird mich nicht hören wollen", so sprach er: aber das Volk hat ihn gehört und noch heute nach Jahrtausenden hören wir andachtsvoll sein Wort. So, verehrter Herr Rabbiner, mögen bei der Ihnen eigenen Bescheidenheit auch bange Zweifel Sie be-

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