Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 74 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 8 Ein altes Sprichwort lautet: „Einem Klugen widerfährt keine geringe Torheit." In B. Mozia S. 96 heißt es f>V2V KEHiri die1? 82-1 -1V8 „Alles schon dagewesen, nur fleißig Talmud lesen". Dr. Fr. Ei« Uebertritt*). Ein Arier ist am heurigen Chanukah-Feste — Jude geworden. Und das Motiv? Wohl die mächtige, kein Hindernis scheuende Liebe, die Liebe zum jüdischen Weibe, das ihn erhören will, wenn er erst selbst Jude geworden? Nein, das war der Beweggrund nicht. Welchen Vorteil aber kann der Eintritt ins — Judentum bringen? Und Vorteil, Nutzen, Ehre, Stellung, soziale Position, Genuß, das sind doch die Ideale unserer Zeit. Dieser Arier hat die Vorteile, die ihm seine Stammeszugehörigkeit, seine Religion geboten, geopfert und freudig und bewußt — wie sein Judentum — auch die schweren Konsequenzen auf sich genommen. Er ist aus religiöser Ueberzeugung und in dem heißen Wunsche, seiner Ueberzeugung leben zu können, Jude geworden. Nicht leicht ward es ihm, zur Kenntnis und zum Ver- , stävdnis des Judentums zu gelangen! Und ward auch oft seine Bitte um Belehrung abgewiesen, er ließ nicht ab, bis sie ihm dennoch wurde, fand immer neue Wege, neuen Mut, zum Ziele vorzurücken. Er drang immer tiefer in das Wesen des Judentums, grübelte und sann — denn das ist seine Art — prüfte und verglich, bis es immer lauter und lauter in ihm rief: Jude, Jude will ich werden und Jude will ich sein bis zum letzten Atemzug! Und bald rief es laut auch sein Mund. Und die Erwiderung? — Wir kennen sie. Der eine Jude erschrickt, ob der möglichen schlimmen Folgen, die der Uebertritt des Christen zeitigen kann; der andere erklärt einen solchen Wunsch für eine Ausgeburt des Wahns; der dritte lächelt schlau; den Entschluß kann niemand begreifen, will niemand verstehen. In den jüdischen Tempel führt ihn bald sein Herz. Leisen Schrittes tritt er ein, steht bei einer der letzten Säulen, er ist bei seinem Gott! So vergehen lange Jahre. Und immer wieder findet er im Gotteshause neuen Mut und neue Kraft. Und er braucht neuen Mut und neue Kraft. Spott und Kränkung und manches Leid hat er durch den und jenen seiner ehemaligen Genossen oft empfunden, weil er sich dem Judengott genähert und losgelöst von seinem Glauben steht er allein, verlassen von den Menschen, da. Der Jude meidet ihn, er scheut auch nur den Schein der Proselytenmacherei. So war unser Held wohl im Herzen Jude und diente seinem Gott, er wollte es aber auch äußerlich, ganzer Jude sein! Er ruhte nicht, setzte sich über manche notwendige Rücksicht hinweg, wollte kein Opfer scheuen; er läßt sich nicht zurückweisen, er will, will Jude sein. Am 3. Chanukahtage, dem Erinnerungsfest an den Makkabäermut, liegt er am Operationstisch und läßt opferfreudig die Milah an sich vornehmen, voll und ganz, nicht *) Am 28. Dezember 1910 trat der Budweiser städtische Steuerbeamte, Herr Zuran, nachdem er schon jahrelang die jüdischen Religionsvorschriften beobachtete, offiziell zum Judentum über. Der einzige Beweggrund dieses seines Schrittes ist religiöse Ueberzeugung und obiges Bild die wahrheitsgetreue Darstellung dieses ganz außergewöhnlichen Vorkommniffes. Das christlichsoziale Organ in Budweis „Deutsche Zeitung" knüpft an diesen Uebertritt die nachfolgende Bemerkung, die auch wir bedingungslos unterschreiben: „Man kann über die Sache nicht lachen. Der Mann hat seinen Entschluß, Jude zu werden, durchgesetzt. Aus welchen Gründen er das tat, wissen wir nicht. Jedenfalls aber kann man annehmen, daß die Gründe viel idealere waren als bei vielen Juden, die Taufscheinchristen wurden." zum Schein, ohne Narkose, eingedenk des Wortes: Für deinen Gott dein Leben! Zum erstenmal darf er nun hintreten zur ewigen Thora! Mit dem Talis geschmückt, beugt er sich hin, blickt mit innigem Dank auf das geliebte heilige Dokument und spricht im alten geheiligten Idiom laut und begeistert die Worte: Gelobt seist Du, der Du uns für Deine Lehre auserwählt. Ein feierliche Stille herrscht in des Tempels weitem Raum. Der Rabbiner betritt die Kanzel und begrüßt in schlichten, zum Herzen dringenden Worten, auf das reine Motiv des Uebertrittes hinweisend, seinen Eintritt ins Judentum. Tränen erglänzen in den Augen aller und jeder fühlt, daß der Geist Gottes an ihm vorübergezogen, daß dieser Moment der erhabenste seines religiösen Fühlens ist, daß ihn dieser Augenblick hundertfach entschädigt für all das Leid und Ungemach, das ihm durch seine Zugehörigkeit zu seinem Volke, seiner Religion je zugefügt worden war. Dieser Proselyt ist ein Held, ein Held seiner Ueberzeugung! Wie hoch überragt er doch tausende und tausende von altabgestammten Juden mit ihrer religiösen Indolenz, mit ihrem öden Jndifferentismus! Wie schmählich handeln die, die sich ihres Judentums gerne entschlügen, wie verächtlich mögen die Fahnenflüchtigen sich selbst erscheinen gegenüber solchem Heldentum! Ody. Korrespondenzen- Der neunzigste Geburtstag des Rabbiners Dr. Adolf Schmied!. Am 27. d. M. feierte der greise Rabbiner und Prediger der Leopoldstädter Synagoge Dr. Adolf Schmiedl das Fest des neunzigsten Geburtstages und der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat Veranstaltungen getroffen, diesen Tag zu einem festlichen für die gesamte Gemeinde zu erheben und dem beliebten Seelsorger die allgemeinen Sympathien, die er genießt, vor aller Welt zu bekunden. Die Hauptfeier fand selbstverständlich an der Wirkungsstätte Dr. S ch m i e d l s, in der Leopoldstädter Synagoge, statt. Die Feier wurde bereits am Freitag abends dadurch eingeleitet, daß Rabbiner Dr. G r u n w a l d am Schluffe seiner groß angelegten Predigt den anwesenden Jubilar, der geschmückt und umstrahlt N2'v rnaan mtoy von jener seltensten und erhabensten aller Kronen, mit welcher («Tdpn ')sb pd'dn d-apt) die Vorsehung nur erkorene Lieblinge begnadet und auszeichnet, auch die bewundernde Dankbarkeit der gesamten Gemeinde empfängt, im Namen der jüngeren Kollegen beglückwünschte, welchen er ein edles Vorbild war in dem unabläsfigen Drange nach Wiff'n und Erkenntnis, in der glühenden Liebe zur Thora, in der edlen und hohen Auffassung seines heiligen Berufes, vor allem aber in jener einzigen und beispiellosen Bescheidenheit, die an klasfische Gestalten der jüdischen Geschichte erinnert. Die Predigt sowohl, wie die Ansprache an den Jubilar hinterließen einen tiefen Eindruck. Samstag Vormittag war die Synagoge von geladenen Gästen, zahlreichen Abordnungen von Vereinen, deren förderndes Mitglied Dr. S ch m i e d l ist, bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Der Kultusvorstand war unter Führung des Präsidenten Dr. Alfred Stern vollzählig erschienen. Ebenso der Beamtenkörper unter Führung des ersten Sekretärs kaiserl. Rat Dr. Lieben und Sekretär Dr. Adler. Unter den Anwesenden sah man ferner sämtliche Rabbinen Wiens, den Präses und den Rabbiner der israelitisch-türkischen Gemeinde, sowie eine Deputation der israelitischen Kultusgemeinde Proßnitz, an deren Spitze der Jubilar einst gewirkt hat. Als der Jubilar zur Thora gerufen wurde, rezitierte Oberkantor kaiserl. Rat Singer einen von ihm selbst verfaßten, schwungvollen Mischeberach, in welchem alle Verdienste Doktor Schmiedls in klassischem Hebräisch, in epigrammatischer Form gekennzeichnet wurden.