Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021933--19935-3044946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 73 Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Gedenktag. Zur Erinnerung an die vor 100 Jahren erfolgte Wiederbelebung des jüdischen Gemeindewesens in Wien. Von Sigmund Hufferl, Arch'vbeamter der israel. Kultnsgemeinde Wien. Die Wiener Judenschaft wird in den nächsten Tagen eines hochherzigen Aktes Kaiser Franz I., der für das Gedeihen unserer altehrwürdigen Gemeinde von nachhaltig wohltätiger Wirkung war, dankbar gedenken. Mit kaiserl. Entschließung vom 8. Februar 1811 wurde Bresche gelegt in die besonders seit dem Jahre 1673 — dem Zeitpunkte der Rückkehr unserer Vorfahren, nach ihrer letzten im Jahre 1670 erfolgten Ausweisung aus Wien — überaus starre judenfeindliche Gesetzgebung und der Wiener Judenschait der Ankauf eines Hauses, vorerst allerdings nur zur Errichtung einer Religionsschule, gestattet. Unsere Vorfahren beeilten sich, von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen, und erwarben bereits am 13. Oktober 1811 den sogenannten „Dämpfiugerhof", an dessen Stelle sich heute unser in den Jahren 1823—26 erbautes Gemeindehaus und der Stadttempel erhebt. Der Kaufpreis von Fl. 90.000 W. W. wurde durch freiwillige Spenden aufgebracht. In Würdigung der überaus patriotischen Haltung und der großen Verdienste*), welche sich unsere Voreltern während der langen Reihe von Kriegsjahren um den Staat und die Gemeinde erworben hatten, erwirkte sodann die n. ö. Landes- Regierung im Jahre 1812 die kaiserliche Zustimmung, in dem angetansten Gebäude auch ein Betzimmer, eine Siechenanstalt und ein rituelles Bad einrichten zu dürfen. Alle diese Anstalten wurden ungesäumt durch das gemeinsame Wirken der Tolerierten ins Leben gerufen und führten, verbunden mit unserem neuen, im Jahre 1784 eröffneten Friedhof .in Währing, sowie mit dem im Jahre 1792 neuerbauten Spitale die Wiederbelebung des jüdischen Gemeindewesens in Wien, beziehungsweise die Neubildung unserer Gemeinde selbst herbei. Unsere Voreltern konnten nunmehr nach einer Unterbrechung von 142 Jahren wieder ungescheut einen öffentlichen Gottesdienst abhalten und im Jahre 1823 als das angekaufte Gebäude wegen Baufälligkeit demoliert und der Stadttempel errichtet wurde, an die Berufung Mannheimers und Sulzers — ein unvergängliches Verdienst der damaligen Führer unserer Gemeinde — schreiten. Das für das gesamte in- und ausländische Judentum vorbildliche Wirken der Genannten ist auch der heutigen Generation nicht fremd. Die Anstellung Mannheimers durfte allerdings noch nicht als Rabbiner oder Prediger, sondern nur als Religionslehrer erfolgen und auch die offizielle Bildung einer Gemeinde blieb der Wiener Judenschast bis zu den Ereigniffen des Jahres 1818 verwehrt. Letztere kann mit Selbstbewußtsein auf die Entwicklung unserer Gemeinde in den verflossenen hundert Jahren zurückblicken. Ein Vergleich zwischen dem ordentlichen Gebahrungsausweise für das Jahr 1811 und dem Voranschläge für den Gemeindehaushalt pro 1911 bringt dies klar zum Ausdrucke. , ö i . daher p. Kopf * Q , . daher p. Kopf 9 d. Bevölkerung 1 w d. Bevölkerung Einnahmen fl. 33.116 W. W. welche dem Betrage von L27.836 entsprech. dürften K 12.— K 2,975.108 K 16 50 Ausgaben fl. 32.650 W.W. welche dem Betrage von L 27.426 entsprech. dürften „ 11.— „ 3,270.831 „ 18.— Diese Beträge verteilen sich auf die einzelnen Verwaltungsagenden in Prozenten wie folgt: *) Ich verweise diesbezüglich auf die im Vorjahre durch das Archiv der israel. Kultusgemeinde in der Erzherzog Karl-Ausstellung ausgestellten Urkunden. 1811 191t Einnahmen Ausgaben Einnahmen Ausgaben °/ Io 0/ /o 0/ 10 °/ Io Gottesdienst — 2'2 5 31 12 98 Rituelle Angelegenh. 260 94 2.66 4 75 Religions-Unterricht — — 196 1217 Spital Versorgungshaus 100 83 7 23 13-04 und Siechenhaus — — 3.97 703 Offene Armenpflege Friedhof- und 293 21 1-21 919 Beerdigungswesen — 25 28-39 14-36 Kultussteuer 330 — 46-39 — Gemeindeverwaltung 1*7 08 283 26.48 100 100 100 100 „Letzte Betrachtungen und Bemerkungen von Josef Unger" und ihre hebräischen Parallelen. Unter der Ueberschrift „Letzte Betrachtungen und Bemerkungen" brachte die „Neue Freie Presse" am 22. und am 29. Jänner eine Anzahl geistreicher Aphorismen aus der Feder des greisen Reichsgerichtspräfidenten Exzellenz Josef Unger, zu welchen nachstehend die hebräischen Parallelen angemerkt werden sollen: »8elb8t der gestrenge Professor Kant, der fünfzehn Jahre Privatdozent blieb, meinte, man solle die Vorlesungen gelegentlich durch witzige Bemerkungen und launige Anspielungen würzen. Die Aufmerksamkeit der Hörer (die bekanntlich nicht immer Zuhörer sind) würde dadurch wach erhalten usw.« In Talmud Pesachim, S. 117 heißt es, daß Rabbah jedesmal vor Beginn seines Vortrages einige witzige und unterhaltende Bemerkungen machte, um dadurch das Auditorium erheirern und in eine freudige Stimmung versetzen zu können, damit fie dann dem ernsten, streng wissenschaftlichen Vortrage mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten nr-u \arb mb nnan '»pa tot» »n '2 •spyatca rrai sna-sa rrr spcabi pan :m:i rnnnzn snb'a »Als man Sokrates einmal hinterbrachte, dass seine Feinde ihn mit Schmähungen überhäufen, soll er gesagt haben: »Sie sollen mich prügeln, wenn ich nicht dabei bin.« Noch sokratischer wäre es, wenn man bescheiden genug wäre, zu sagen : »Sie sollen mich loben, wenn ich nicht dabei bin.« Ein ähnlicher Ausspruch findet sich ebenfalls in dem von unseren Gegnern so viel geschmähten Talmud. Erubin 18 d heißt es ausdrücklich: „Man soll den herrlichen Vorzügen und trefflichen Eigenschaften eines Menschen in seiner Gegenwart nur wenig, hinter seinem Rücken aber die vollste Anerkennung und Belobung zollen." ornairr ms bff im«? nsepa .töt n«ani ."21 naa *6» lbl21 V3B2 Grabschrift: Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. In ähnlicher Weise könnte auch das Wort des großen Philosophen Kohelet gedeutet werden: „Süß ist der Schlaf des Arbeiters." (Kohel. S. 11.) In dem beregten Feuilleton vom 22. Jänner heißt es ferner: »Goethe ist ein Apostel der Arbe.t«. »Tätig zu sein, ist des Menschen erste Bestimmung« u. s. w. Dieser Ausspruch ist echt biblisch. Als dem ersten Menschen das Eden zum Schauplatze seiner Tätigkeit angewiesen wurde, erhielt er den göttlichen Auftrag, diesen Garten „zu b earbeiten und zu bewachen". Und der Psalmist ruft aus: „Wenn du dich von dem Erwerb deiner Hände ernährst, heil dir und wohl dir" (Ps. 128, 2), d. h. wie der Talm. erklärt, heil dir hienieden und wohl dir im Jenseits. (Chul. 44). Daß nach der Lehre des Judentums „die Arbeit des Menschen Bestimmung sei", erhellt ja klar und deutlich aus dem vierten Gebote: „Sechs Tage sollst du arbeiten taabot“. Wenn ferner Goethe in („Hermann und Dorothea") sagt: »Behaupte wo du stehst!« »Beharre wo du stehst!« so hat er nur im Geiste Kohelet gesprochen, der sagt: „mekomcho al tanach“ „verlaß deinen Posten dennoch nicht." (Kohelet 10, 4.) »Wenn gescheite Menschen, besonders Politiker, einen Fehler begehen, so ist es gewiss ein grosser; sie haben keine Hebung in» Fehlen.«