Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021933--19934-3044945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 72 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 5 als englische Vornamen gebraucht, doch Montagu ist zugleich ein altenglischer Familienname.) Samuel Montagus Vater gab im Jahre 1847 das Geschäft in Liverpool auf und zog nach London. Er selbst aber eröffnete im Jahre 1853 ein Bankgeschäft. Die Besitzer waren er und sein Bruder Edwin Samuel und die Firma lautete „Samuel and Montagu". Später kam noch ein Schwager Mr. E. A. Franklin als Teilhaber dazu und die Firma wurde auf „Samuel Montagu & Co." umgeändert, unter welchem Namen sie noch heute fortbesteht. Samuel Montagu wurde bald ein anerkanntes Genie auf finanziellem Gebiete und die Firma gewann die leitende Stellung im Londoner Silbermarkt, er selbst aber wuchs von Tag zu Tag an Reichtum, den er nicht durch Spekulation, sondern durch Präzise Raschheit in geschäftlichen Unternehmungen anhäufte. Sein Vermögen wird auf ungefähr 3 Millionen Pfund (36 Millionen Gulden) geschätzt, niemand aber kann natürlich etwas Genaues darüber erfahren, denn selbst das Testament (das wohl in England nie Geheimnis sein kann durch das Bestehen eines öffentlichen Testament-Grundbuches in Somerset- House) wird wohl nicht sein ganzes Vermögen ersehen lassen. Bedeutsam war Lord Swaythlings Wirken auf jüdischem Gebiete. Er war der Gründer der Federation of Synagogues, die jetzt 45 Synagogen umfaßt. Die Mitglieder derselben sind zumeist ausländische (ruffische) Juden und die Synagogen werden alle in streng orthodoxer, in vielen Fällen sogar echt Polnischruffischer Weise geleitet. Obwohl er Engländer durch und durch war, nahm er regen Anteil an dem Leben,, zumal dem religiösen Leben der eingewanderten ruffischen Juden. Diese halten, wie in den meisten europäischen Städten, kleine Minjanim und Chewras, die Gebethäuser waren zumeist in kleinen Zimmern, die in keiner Beziehung dem Zwecke genügten, eingerichtet. Lord Swaythling strebte dahin, daß diese Betzimmer verschwinden, und gründete zumeist mit eigenen Mitteln die jetzt bestehenden Synagogen. Er gab oder streckte das Geld für die Bauten vor, er organisierte die verschiedenen Gemeinden in einer Weise, daß die meisten dieser Synagogen durch kleine Beiträge (20 Heller per Mitglied Per Woche) sich jetzt schon selbst erhalten. Er kannte das alte Sprichwort, „daß keine Gemeinde mm sei" und daß vereinte Kraft eine Macht bildet. Die Federation gründe!e bald einen eigenen Friedhofverein, der jetzt ein Vermögen von 4000 bis 5000 Pfd. St. hat. Er hatte immer eine offene Hand für die Federation. Vor 2 Jahren wurde sein langgehegter Plan, eine Kathedral-Synagoge für die Federation zu erlangen, verwirklicht. Mehrere kleine Chewras und Synagogen wurden aufgegeben und eine ftühere Kapelle gekauft in der Philpot-Street, die sehr schön eingerichtet wurde und mehrere Tausend Menschen faßt. Als dieser Plan verwirklicht war, strebte er danach, einen Oberrabbiner für die Vereinigung dieser Synagogen anzusteven. Er hinterlegte vor ungefähr l1/« Jahren 5000 Pfd. St. (120.000 Kr.), um den Gehalt des zu wählenden Oberrabbiners für 10 Jahre ficherzustellen (12.000 Kr. jährlich). Im Juli 1909 wurden 2 Kandidaten berufen und einem von diesen, Herrn Oberrabbiner Michael Duschinsky aus Rükos-Palota, wurde der Posten angetragen. Da aber der Posten nur auf 10 Jahre war, wollte dieser Kandidat ihn nicht annehmen und vor einigen Wochen wurde wieder ein Konkurs (ich glaube auch in dieser „Wochenschrift") ausgeschrieben. Inzwischen aber hat das Schicksal den Urheber dieses Planes in ein besseres Jenseits abberufen und es bleibt nun abzuwarten, ob der Dahingeschiedene in seinem Testamente dafür gesorgt hat, daß der Posten lebenslänglich vergeben werden könne, oder aber ob sein Sohn und Nachfolger Louis S. Montagu zweiter Baron Swaythling genügendes Jntereffe an der Federation nehmen wird, um die Sache auch weiter zu fördern. Außer der Federation war er auch in verschiedener Weise für andere jüdische Jntereffen tätig. In der United-Synagogue hatte er eine führende Rolle, war Mitglied der New-Westend-Synagoge, Präsident deS Komitees für die Angelegenheiten der Schechita bis zum Jänner 1910. Er unternahm mehrere Reisen nach Rußland, im Jntereffe der verfolgten Juden, und er war einer derjenigen, der die große Sammlung zugunsten der ruffischen Juden veranstaltete und deren Erträgnis noch jetzt vom Russo - Jewish Commitee verwaltet wird, dessen Präsident er bis Juli 1909 war. (Seither ist es Lord Rothschild.) Er war nahezu 30 Jahre hindurch Präsident der Brith-Mila Chewrah, die armen Leuten eine kostenlose Sudah und Geldmittel zukommen läßt. Im politischen Leben spielte er auch eine namhafte Rolle, war Mitglied des Unterhauses 15 Jahre lang. Im Jahre 1894 wurde er Baronet (so viel wie Ritter) Sir Sam. Montagu und vor ungefähr zwei Jahren wurde er zum Baron von Swaythling und erblichem Oberhausmitgliede ernannt. Seine Frau war aus altehrwürdiger jüdischer Familie, die seit 2 Jahrhunderten in England ansässig war, die Tochter des Mr. Louis Cohen, der eine Führer-Rolle in der jüdischen Gemeinde hatte. Er hinterläßt 4 Söhne und 6 Töchter. Der älteste Sohn ist der Erbe des Titels und nimmt gleichfalls Interesse am jüdischen Leben; der zweite Sohn ist Mitglied des Ministeriums als Unter-Staatssekretär für Indien und hat schon einen Namen als eminenter Staatsmann. Seine Neffen sind Herbert Samuel, wirkt, geh. Rat und Minister für Post-Angelegenheiten, und Stuart Samuel, Reichstags-Abgeordneter. Sowohl in seinem politischen als privaten Leben stand er immer als starker Mann da. Niemand kann auch nur auf einen dunklen Punkt in seinem Charakter Hinweisen. Er war wie jeder starke Charakter oft ur,beugsam und vielleicht gar herrschsüchtig und doch war er nie verschlossen und hochmütig, jeder, selbst der ärmste Kastanjude, hatte Zutritt zu ihm ohne Zeremonie und ohne langes Antichambrieren, nicht nur in seiner Kanzlei in der City, sondern auch in seinem herrlichen palastartigen Wohnhause im Kensington Palace Gardens. Man erzählt eine interessante Anekdote über den Besuch eines polnischen Rabbiners bei ihm. Er hatte ihn für Samstag zum Mittagessen eingeladen. Der Gast aber ließ solange auf sich warten, daß man sich zu Tische begab. Während des Essens hörte Lord Swaythling eine Zänkerei und Geschrei im Hintcrhause. Es stellte sich heraus, daß es der Gast war, den die Dienerschaft entfernen wollte. Er hatte nämlich an dem Haupteingange mit dem Finger geklopft, da er am Sabbat nicht läuten wollte, und da ihm niemand öffnete, ging er um das Haus herum, bis er zum Dienstboten-Eingang kam. Hier, aber wollte man ihn nicht einlassen, weil seine Erscheinung nicht sehr reinlich war. Lord Swaythling erkundigte sich, was das Zanken bedeuten soll, und als er hörte, was es sei, ging er selbst, begrüßte den Gast und führte ihn mit vielen Ehrenbezeugungen und Entschuldigungen zu Tische. Der Berichterstatter des „Jewish World" erzählt noch: Es war interessant zu sehen, wie gemütlich sich der Gast niederließ, wie höflich der Hausherr war — und wie unbewegt das Gesicht des Kammerdieners. Lord Swaythling war auch ein großer Kunstkenner. Seine Sammlung von altem Silber ist einzig und seine Palais in London und Swaythling sind wahre Museen an Gemälden und anderen Kunstwerken. Er starb wie ein wahrer frommer Jehudi. Der Oberrabbiner der United-Synagoge Dr. Adler war die letzten Tage hindurch nahezu immer bei ihm. Die Tahara wurde von angesehenen Mitgliedern der Federation vorgenommen (auf seinem Körper wurde ein I»P gefunden) und das Leichenbegängnis, das am 16. v. stattfand, war eine imposante Kundgebung dessen, daß eine Größe Israels zu Grabe getragen wurde. Tausende und Tausende folgten seiner Bahre nach dem von ihm gegründeten Federation-Friedhofe in Edmonton. Am Sonntag den 22. Jänner wurden Gedächtnisfeiern veranstaltet. In der New Westend-Synagoge sprach Oberrabbiner Dr. Adler und in der Groß-Synagoge in Philpot St. Rev. Chaikin der Dajan der Federation. Sein Andenken wird in London stets hochgehalten werden, es sollte aber auch außerhalb, überall wo Juden leben, nicht vergessen werden, denn Lord Swaythling hat für das fromme, gesetzestreue Judentum mehr getan als je einer der weltlichen Großen unseres Volkes vor ihm. London. Dr. C. D u s ch i n s k y.