Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 5 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 71 die ja die Herren des galizifchen Lqndesausschusses so lange in Anspruch nahmen, eingehender zu würdigen. Heber Antrag des Abgeordneten Dr. v. Löwen st ein am 19. März 1907 beschloß der galizische Landtag, den Landesausschuß mit der Vorbereitung und Einberufung einer galizischen Iudenenquete zu betrauen. Der Landesausschuß und die politischen Behörden trachteten nach Möglichkeit ihrer Ausgabe gerecht zu werden. Vereint sorgten sie dafür, daß die Sonntagsruhe, die zum Ruin der galizisch-jüdischen Kaufmannschaft führt, mit derselben Strenge in Galizien wie in den klerikalen Alpenländern durchgeführt wird. Der Vorwand, daß die Sonntagsruhe ein soziales Bedürfnis für Angestellte ist, trifft gerade in Galizien nicht zu, denn der galizische Jude beobachtete dieses soziale Gesetz schon seit einer Zeit, als man in Tirol und Vorarlberg von einer gesetzlichen Sonntagsruhe noch gar nichts wußte. Freilich ist es nicht der Sonntag, den er feiert, sondern der Sabbat und die sonstigen sehr zahlreichen jüdischen Feiertage. Diesem Juden noch die Sonntagsruhe aufzubürden, bedeutet, ihn ökonomisch töten. Das Salzmonopol, ebenfalls eine heroische Tat galizischer Behörden und öffentlicher Körperschaften, hat es auch bewirkt, daß der Teil der kleinen Krämer, der noch nicht durch die seit Jahren mit Unterstützung der allgemeinen Steuergelder im Lande etablierten „Kolka Rolnicze" oder wie sich sonst die Konsumvereine, die ihre Gründung nur dem Zwecke verdanken, daß der jüdische Händler von der Bildfläche verschwinde, nennen, dem Hungertode anheimfalle. Damit aber die große Öffentlichkeit ein getreues Bild von der mühseligen Vorbereitung zur Enquete gewinnen soll, vollzog die galizische Statthalterei, fast in der letzten Minute vor der Enquete, noch das neue Schankgewerbegesetz und das mit der von ihr bekannten Gründlichkeit, wenn es gilt, die Juden Galiziens wirtschaftlich zu erwürgen. Zuweit würde es führen, wenn man der westösterreichischen Bevölkerung nur andeutend erwähnen möchtein welcher Verfassung sich jetzt tausende jüdische Familien Galiziens befinden, die bisher eine Eiistenz, nach galizischen Begriffen, aus dem Schankgewerbe hatten. Juden, die seit Jahrzehnten dieses Gewerbe betrieben, wurden bei der Verteilung von Konzessionen absolut unberücksichtigt gelassen, gewährt wurden dieselben nur Bauern, die nie mit dem Handel zu tun hatten. Schuster, Schneider, die mit ihrem Handwerk vollkommen zufrieden waren, sind veranlaßt worden, sich um Schankkonzessionen zu bewerben, damit ja die Juden dieselben nicht erreichen. Schreiber dieser Zeilen sind einige Kleinstädte und Dörfer in Westgalizien bekannt, wo bis nun ausschließlich Juden die Schanker waren und die christliche Bevölkerung mit ihnen in bestem Einvernehmen lebte. Der Bezirkshauptmann dieses Kreises, der der Statthalterei Gutachten über die Erteilung von Konzessionen abzugeben hatte, bemühte sich in vielen Fällen. Fürsprecher für die Juden zu sein, zumal er dieselben genau kennt und von ihrer Redlichkeit überzeugt ist. Allein in solchen Fällen negierte der Herr Statthalter die Vorschläge seiner Vezirkshauptleute. hingegen aber in Fällen, wo der Bezirkshauptmann gegen die Verteilung von Konzessionen an Juden war, wurden seine Vorschläge mit besonderer Genugtuung geprüft und angenommen. Einige reiche und unabhängige Juden, denen der Bezirkshauptmann aus mannigfachen Gründen nicht unangenehm werden will und mit denen sich auch die galizische Statthalterei auf gutem Fuße zu verhalten als eine politische Klugheit betrachtet, haben natürlich Konzessionen erhallen. Dagegen wurde eine Verfolgung der jüdischen Hausierer eingeleitet als Beweis der besonderen Fürsorge der hohen Regierung für die Juden. Unter solchen Auspizien ging nun die Vorbereitung der Enquete vor sich und ist es begreiflich, weshsalb es soviel Zeit bedurfte, bis sie endlich stattfand. Aber auch die Zusammensetzung der Enquete, die aus 44 Mitgliedern — der Vorsitzende, der Regierungsvertreter und der Referent nicht mitgerechnet — bestand, zeigte sehr deutlich, in welchem Sinne man die Verhandlungen und Anträge wünschte. Unter diesen Mitgliedern sah ein jeder Kenner des Landes Gesichter, die sehr viel zu den gegenwärtigen Verhältnissen der galizischen Judenschaft beitragen. Institutionen, wie das Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung zur Errichtung und Erhaltung von Schulen in Galizien, dessen Generalsekretär sehr geeignet wäre den Herren über das Schulwesen und über die Gewerbefreundlichkeit der galizischen Behörden, soweit es sich um die dortigen Juden handelt Aufschluß zu geben, der „Oesterreichische israelitische Gemeindebund". wurden überhaupt ignoriert. Die Herren wollten eben im Großen und Ganzen unter sich bleiben. Man darf uns wahrlich nicht einer Unobjektioität zeihen, wenn wir leider gezwungen sind, eine solche Stellung zur Enquete einzunehmen. Allein die Inszenierung derselben und die mangel- Willens eines großen Teiles der Erperten, vor Allem die Berechtigung, eine abfällige Kritik an dieser Aktion, die Enttäuschung unter den galizischen Juden geben uns die Berechtigung, eine abfällige Kritik an dieser Aktion, die nur eine leere Episode in der Geschichte des galizischen Judenelends bleiben wird, zu üben. Verfasser dieser Zeilen hat wiederholt in diesen Blättern gleich nachdem der Beschluß des Landtages bekannt wurde, und während der so langen Vorbereitungszeit Artikel veröffentlicht, in denen er sich gegen die Haltung eines Teiles der österreichisch-jüdischen Presse aussprach, die von allem Anfänge die ganze Aktion perhorreszierte. Die Vorgänge im Lande vor der Enquete und die laue Haltung der maßgebenden Personen während derselben, haben uns das unangenehme Bewußtsein beigebracht, daß es an den nötigen Ernst und Willen fehlt, nicht nur den Juden, sondern dem Lande überhaupt zu helfen. Mit bloßen Kanalbauten, die die gesamtösterreichischen Steuerträger sehr empfindlich belasten würden und Verteilung von guten Ministerportefeuilles für einige Herren im Polenklub wird keine praktische nationalökonomische Landespolitik betrieben. I. Grobtuch. Kord Swaythling. Nicht nur das englische Judentum, sondern das Judentum als solches ist in tiefe Trauer versetzt worden durch das Ableben Samuel Montagus, erster Lord Swaythling. Sein Verdienst war nicht nur wie das bei den meisten jüdischen Adeligen leider der Fall ist, daß er „trotz des Adels doch Jude geblieben" ist, sondern daß er als Jude — abgesehen von seinem Rang in der Gesellschaft, im Staate, in der Finanzwelt — eine hervorragende,'ja vereinzelte Stellung eingenommen hat. Ich glaube nicht, daß noch ein anderer Mann wie er im Judentum zu finden ist. Die Rothschilds in England und anderwärts find auch hervorragende Menschen voll Herzensgüte und unbeschränkter Wohltätigkeit, fie find auch Juden, aber seit dem Tode des verewigten Baron Wilhelm in Frankfurt ist keiner mehr unter ihnen, der sich zum traditionellen, orthodoxen Judentum bekennt, während Lord Swaythling im wahren Sinne des Wortes ein strenggläubiger Jude war. Lord Swaythling war am 21. Dezember 1832 als Sohn des Louis Larnel in Liverpool geboren. Sein Vater war Silberschmied und Uhrmacher. In seiner Jugend genoß Montagu Samuel (wie er damals hieß) in einer Schule in Liverpool Erziehung und schon als Knabe vertauschten oder vielmehr änderten seine Eltern seine Namen und ließen ihn Samuel Montagu nennen. (Beide find